Kulturkommentar

„Von der Freiheit, zuerst an der roten Ampel stehen zu dürfen“

Von der Freiheit, zuerst an der roten Ampel stehen zu dürfen

Von der Freiheit, zuerst an der roten Ampel stehen zu dürfen

Apenrade/Aabenraa
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Tempoverstöße in Dänemark sind teuer. Warum interessiert das deutsche Autofahrende eigentlich nicht, fragt sich Gerrit Hencke. Foto: Rigspolitiet

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Im morgendlichen Berufsverkehr wird deutlich, dass viele Autofahrende aus Deutschland sich in Dänemark nicht an Tempolimits halten. Journalist Gerrit Hencke findet, dass das Verhalten im Straßenverkehr immer rücksichtsloser wird. Dabei würde mehr Passivität das Miteinander im Straßenverkehr deutlich angenehmer machen.

Wenn ich Gast in einem anderen Land bin, versuche ich mich möglichst an die Gepflogenheiten und Regeln zu halten. Das sollte für die meisten Menschen gängige Praxis sein, denn unangenehm auffallen möchte vermutlich niemand gerne.

Ein Beispiel ist der Straßenverkehr. Zumindest für mich ist es selbstverständlich, dass ich als Autofahrer die aufgestellten Regeln in Dänemark einhalte. Ich habe mein Licht eingeschaltet und halte mich ziemlich penibel an die geltenden Tempolimits.

Zum einen hat es einen Sinn, warum es Geschwindigkeitsbeschränkungen gibt, zum anderen sind die Strafen für zu schnelles Fahren in Dänemark deutlich höher als in Deutschland. Die geringste Überschreitung kostet bereits 1.200 Kronen. Wer also bei erlaubten 50 km/h mit 51 bis 59 km/h unterwegs ist, könnte schon zur Kasse gebeten werden.

Allein deshalb nehme ich lieber den Fuß vom Gas, wenn ich über die Grenze fahre. Denn der Lohn muss ja nicht für ein paar Sekunden Zeitgewinn draufgehen – wenn es denn überhaupt so viele sind.

Die Deutschen sind rasend

Offenbar sehen das nicht alle so wie ich. Wenn Autofahrende mit dänischem Kennzeichen schneller sein wollen, dann sollen sie das tun. Richtig ist es nicht, aber die meisten wissen immerhin, was ihnen blüht, sollten sie mal in eine Radarfalle geraten. Unangenehm fallen mir aber meist meine eigenen Landsleute auf. Oft erregen Pkws mit deutschen Kennzeichen zur Rushhour meine Aufmerksamkeit, weil sie drängeln oder mit deutlich zu hohem Tempo unterwegs sind.

Fahre ich in Krusau (Kruså) über die Grenze, wird spätestens ab der Kreuzung nach Tingleff (Tinglev) und Sonderburg (Sønderborg) Gas gegeben. Zunächst gilt dort Tempo 50, dann 70 und für ein kurzes Stück Tempo 80, bis für die T-Kreuzung am Abzweig nach Apenrade (Aabenraa) digitale Schilder temporär auf 70 drosseln. Fast täglich erlebe ich Autofahrende, die dort deutlich zu schnell unterwegs sind. Schon bei 20 km/h mehr auf dem Tacho werden mindestens 1.800 Kronen fällig, wenn nicht sogar 3.000.

Ignoranz, Egoismus oder Unwissenheit

Natürlich ist es jedem freigestellt, wofür er sein Geld ausgibt, das Verhalten von deutschen Autofahrenden stößt mir allerdings sauer auf. Warum sind ihnen die geltenden Regeln in Dänemark so egal? Denn selbst, wer beruflich hier zu tun hat, ist als Gast unterwegs auf den Straßen. Und da gehört es in meinen Augen dazu, sich entsprechend zu verhalten. Ob es Ignoranz, Egoismus oder Unwissenheit ist, muss wohl in einer Einzelfallprüfung entschieden werden.

Vielleicht ist es auch der stete Zeitdruck in einer sich gefühlt immer schneller drehenden Welt oder der Fakt, dass Autos heute immer größer und stärker motorisiert daherkommen. Die Person hinterm Steuer fühlt sich dank unzähliger Sicherheitssysteme unbesiegbar, und bekommt zudem eigentlich gar nichts mehr von der Umwelt mit. PS und Größe als Macht- und Statussymbol. Die anderen sind egal. 

Verhalten im Straßenverkehr immer rücksichtsloser

Meinem Empfinden als Rad- und Autofahrer nach geht es auf den Straßen seit Jahren kontinuierlich rauer zu. Das rücksichtslose Verhalten wird im morgendlichen Berufsverkehr dann offenbar auch mit über die Grenze genommen, nur um im Endeffekt ein paar Sekunden Zeit zu sparen. Noch schnell über Rot, noch eben überholen, 70 km/h bei Tempo 50, Gehweg als Parkplatz, Vorfahrt nehmen, hupen, wenn man am Stoppschild anhält: Es ist ein Ich, ich, ich par excellence. Fast täglich erlebe ich Situationen im Straßenverkehr, über die ich nur den Kopf schütteln kann. Dabei ist es egal, ob ich auf dem Fahrrad oder im Auto sitze.

Manchmal wünsche ich mir dann insgeheim eine Polizeistreife in Zivil. Natürlich ist diese in solchen Momenten aber genauso wenig vor Ort wie ein mobiler Blitzer. Allerdings ist die Frage, ob solche Denkzettel zu einem Umdenken führen. Vermutlich nicht. Das zeigen zahlreiche Videos sogenannter Dashcam-Kanäle auf Youtube. Dort gewinnt man den Eindruck, auf den Straßen herrsche nur noch Wild-West-Stimmung. Ernüchternd, aber auch lehrreich für das eigene Verhalten im Straßenverkehr.

Zugegeben, auch ich fahre ab und zu schneller als erlaubt. Meist unbewusst, nur selten bewusst. Etwa auf einer deutschen Autobahn, wo man in einer Baustelle bei erlaubten 60 km/h eigentlich nicht 60 fahren kann, weil einen dann schon Lkw-Fahrende überholen müssen. Und theoretisch müsste man auch dort darüberstehen. 

Regeltreue Langweiler

Ich versuche aber trotzdem, möglichst regelkonform zu fahren. Etwas, für das man heute schnell das Image eines Langweilers attestiert bekommt. Geschenkt. Als Teilnehmender am Verkehr sollte man aber schon allein deshalb passiv fahren, weil es andere Verkehrsteilnehmende gibt, die ebenfalls sicher ankommen wollen – egal, womit sie unterwegs sind. Menschen, die auch Familie und Freunde haben. 10 km/h mehr oder weniger oder ein vergessener Schulterblick entscheiden daher oftmals über Unversehrtheit, Verletzung oder Tod.

Da ich seit Jahren immer mehr mit dem Rad fahre, hat sich so auch mein Verhalten hinterm Steuer verändert. Ich fahre heute deutlich passiver und entspannter Auto. Ich möchte für mich nie ausschließen, dass ich auch einmal in eine Situation komme, etwas oder jemanden „übersehen“ zu haben. Aber das Risiko lässt sich durch das eigene Verhalten zumindest reduzieren.

Siegertypen stehen zuerst an der Ampel

Eine wirkliche Zeitersparnis erfahren sich die rücksichtslosen Autofahrenden jedoch selten. Oft treffe ich sie an der nächsten Kreuzung wieder. Aber: Siegertypen stehen halt zuerst an der roten Ampel. Das ist Freiheit. Dabei merken sie gar nicht, dass sie die eigentlichen Loser sind.

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