Wort zum Sonntag

„Das Wort zum Sonntag zum 13. Juni 2020“

Das Wort zum Sonntag zum 13. Juni 2020

Das Wort zum Sonntag zum 13. Juni 2020

Pastor Axel Bargheer, Kopenhagen
Axel Bargheer
Nordschleswig
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Foto: Adobe Stock

Das Wort zum Sonntag zum 13. Juni 2020 von Axel Bargheer, Pastor der Deutsch Reformierten Kirche in Kopenhagen.

Schnurstraks oder Schlangenlinien

Vor Kurzem schickte mir mein Sohn einen Videoclip von meinem Enkel, drei Jahre alt. Man sieht, wie er durch die Wohnung springt und begeistert in die Kamera ruft, dass sein Kindergarten wieder aufmacht!

Seiner überschäumenden Freude kann ich mich nicht entziehen; gleichzeitig merke ich, wie unterschiedlich die Einschränkungen der letzten Wochen erlebt werden. In meiner Lebenswelt kommen Kitas und Schulen nur noch am Rande vor. Ich habe weder schulpflichtige Kinder, denen ich Französisch oder Teilchenphysik erklären muss, noch alte Eltern, um die ich mich sorge. Ich habe eine sichere Arbeit und eine große Wohnung. Ich kann spazierengehen und einkaufen, wenn die anderen es nicht tun. Kurz gesagt, ich bin privilegiert und weiß das auch.

Allerdings halte ich mich an die Verhaltensregeln. Menschen, die von ansteckenden Krankheiten mehr verstehen als ich, halten diese zum Schutz anderer für notwendig. Maßnahmen, die verhindern, dass andere zu Schaden kommen, stehen für mich ohne Zweifel über meinen privaten Interessen. Deshalb gehöre ich eher zur Fraktion „Schlangenlinien“ und „Abstand halten“ – und ärgere mich darüber, wenn andere die Regeln ignorieren. Ich gebe zu, für manches fehlt mir das Verständnis, aber das war auch vor Corona nicht anders.

Sollte die Schnurstracks-Fraktion nicht mehr Verständnis für die Vorsichtigen und Ängstlichen haben? Ich fürchte, dass die Gesellschaft nicht einen tiefen Riss bekommt. Aber ich merke, dass ich mich an die eigene Nase fassen muss. Darf ich ernsthaft diejenigen kritisieren, die aus ihrer engen Wohnung herauswollen, die wieder Freunde treffen und umarmen wollen?

Kenne ich die Not derer, die Angst um ihre Arbeit haben, oder die mit der Betreuung der Kinder überfordert sind? Es ist doch normal, wenn sie andere Wünsche haben als die Vorsichtigen. Was vermissen wir am meisten, wo fühlen wir uns am stärksten eingeengt? Alle sind belastet, die Nagelprobe für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt wird aber sein, ob wir jetzt mehr als uns und unsere eigenen Nöte und Befindlichkeiten im Blick haben.

Wenn wir der bedrängenden Situation etwas Gutes abgewinnen wollen, können wir jetzt fragen, was in der Krise wirklich hilfreich und nützlich war. Vielleicht sehen wir jetzt schärfer, was uns wirklich etwas wert ist - und was sich als unnütz und irrelevant gezeigt hat.

Trauen wir uns, das beim Namen zu nennen – und Konsequenzen zu ziehen? Es wird wohl nicht einfach werden, und ich weiß nicht, wie es ausgehen wird. Aber wenn wir nichts sagen, ändert sich erst recht nichts.

Ein wesentliches Element der biblischen Pfingstgeschichte ist, dass die Menschen wieder fähig waren, miteinander zu sprechen, weil sie eine gemeinsame Sprache fanden. Wir haben also noch etwas vor.

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