Wort zum Sonntag

„Das Wort zum Sonntag, 4. Dezember 2022“

Das Wort zum Sonntag, 4. Dezember 2022

Das Wort zum Sonntag, 4. Dezember 2022

Hauptpastorin Dr. Rajah Scheepers der Sankt Petri Kirche, Die deutschsprachige Gemeinde in der Dänischen Volkskirche
Rajah Scheepers
Kopenhagen
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Das Wort zum Sonntag, 4. Dezember 2022, von Rajah Scheepers, Hauptpastorin der Sankt Petri Kirche in Kopenhagen.

Am vergangenen Donnerstag war es endlich so weit!!! Nicht das Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der WM, nein, etwas viel Wichtigeres: Ich konnte das erste Türchen meines Adventskalenders öffnen!

Diesen Adventskalender hatte ich vorletztes Wochenende in Marburg von einem Kollegen aus der Kirchengeschichte geschenkt bekommen. Ich war in Marburg, weil ich dort dieses Semester ein Seminar zum Thema gerechter Frieden und gerechter Krieg in der Kirchengeschichte gebe. Mit meinen Studierenden lese ich Texte von der Antike über Martin Luther bis heute, und wir versuchen nachzuvollziehen, wann die Theologie einen Krieg als gerecht bezeichnet, welcher Krieg in den Augen Gottes als gerechter Krieg angesehen wird.

Natürlich ist das kein besonders gemütliches Thema, sich mit den Kriegen im Laufe der letzten 2000 Jahre zu beschäftigen und ihrer theologischen Beurteilung. Doch seitdem der Krieg am 24. Februar dieses Jahres nach Europa zurückgekehrt ist, leider auch für uns in Europa ein drängend nahes Thema. Und ein Thema, zu dem sich die Kirchen positionieren müssen und jeder Einzelne von uns – ist es richtig, dass die anderen Länder, auch Deutschland, Waffen in die Ukraine schickt? Ist es gut, das Kriegeführen zu unterstützen? Die Kirchen ringen mit dieser Frage und vermutlich auch viele von Euch. Ich auch.

Und inmitten all dessen bekam ich diesen Adventskalender geschenkt, auf dem Marburgs schönste Gebäude zu sehen sind. Ich liebe Marburg, dieses kleine Universitätsstädtchen, mit der ältesten protestantischen Universität. In Marburg scheint die Zeit still zu stehen und die Welt in Ordnung. Insbesondere wenn es schneit, wie vorletzten Samstag, und auf meinem Adventskalender. Dieser Adventskalender, der jetzt bei uns zu Hause auf dem Klavier steht, und dessen erste vier Türchen ich inzwischen öffnen durfte, ist eine, meine Erinnerung daran, dass die Welt auch gut ist. Dass das Leben auch gut ist. Dass sich neue Türen öffnen und dahinter schöne Dinge zum Vorschein kommen. Jeden Tag ein Türchen, jeden Tag eine neue Überraschung.

Er gehört für die meisten genauso zu Weihnachten wie ein Tannenbaum oder eine Pyramide, doch ihn gibt es noch nicht so lange: den Adventskalender. Die Adventskalender-Geschichte beginnt 1838. Johann Heinrich Wichern, Leiter des evangelischen Knabenrettungshauses „Rauhes Haus“ bei Hamburg, hatte wahrscheinlich genug von der Frage, wann endlich Weihnachten sei. So entwickelte er eine Idee zur Darstellung der verbleibenden Tage. Er nahm sich ein altes Wagenrad und einen Holzkranz und steckte 20 kleine rote und vier große weiße Kerzen darauf. Bei den täglichen Andachten, zu denen alle gemeinsam Adventslieder sangen, durften die Kinder eine rote Kerze anzünden, an den Adventssonntagen zusätzlich eine weiße.

Familien hängten früher häufig nach und nach 24 Bilder mit weihnachtlichen Motiven an die Wand oder malten Kreidestriche an die Tür, für die Sonntage jeweils einen langen Strich, und täglich durften die Kinder einen wegwischen. Sehr verbreitet waren außerdem „Adventsbäumchen“, teilweise auch selbst gebastelte Holzgestelle. Tag für Tag steckten die Kinder eine kleine Fahne oder einen Stern mit Bibelversen daran, manche Familien zündeten zusätzlich auch eine Kerze an. Das zunehmende Licht stand dabei als Sinnbild für die bevorstehende Ankunft des Lichts der Welt, Jesus Christus.

So lasst uns miteinander die Adventszeit begehen: lasst uns einander Türen öffnen und miteinander die Wege des Lebens gehen. Lasst uns einander Trost und Wärme in diesen schwierigen Zeiten schenken. Lasst uns füreinander da sein. Und dabei lasst uns Gott die Tür öffnen. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit. Das ist versprochen und das ist gewiss. Gott kommt zu uns.

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