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„Sudan am Rande einer Hungersnot“

Sudan am Rande einer Hungersnot

Sudan am Rande einer Hungersnot

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Berlin
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Die humanitäre und gesundheitliche Lage im Sudan ist katastrophal. In seiner Kolumne setzt sich Jan Diedrichsen diese Woche mit der desaströsen Situation in dem Staat in Nordost-Afrika auseinander, da der dort herrschende Bürgerkrieg fatalerweise dennoch global kaum Beachtung findet.

Nicht alle Dramen, die sich derzeit ereignen, schaffen es in das Bewusstsein unserer global vernetzten Welt. Sonst würde der Bürgerkrieg im Sudan neben den vielen anderen Weltbränden nicht so wenig Beachtung finden. Es gibt keine weltweiten Demonstrationen oder gar Universitätsbesetzungen gegen die derzeit wohl größte Katastrophe für unbeteiligte Zivilisten weltweit. Auch keine Pendeldiplomatie der Weltpolitiker oder geharnischte Resolutionen der Vereinten Nationen, die Schuldige suchen oder Sanktionen fordern. Wenn es um den Sudan geht, herrscht Schweigen. Wir sollten uns fragen, warum das so ist. Warum interessiert uns das Schicksal dieses geschundenen Landes und vor allem seiner Menschen so wenig? 

Zum traurigen Jahrestag des Ausbruchs des Bürgerkriegs in dem afrikanischen Land fand auf Initiative Frankreichs eine „Geberkonferenz“ statt. Auch die Vereinten Nationen und ihr Generalsekretär haben sich mit Appellen zur Verhinderung der sich immer weiter ausbreitenden Katastrophe zu Wort gemeldet. Doch eine wirkliche Lösung zeichnet sich nicht ab. In dieser Kolumne wurde versucht, anhand verschiedener Berichte die Hintergründe zu erläutern.

Die Aktionen zum Jahrestag wirken eher wie hilflose Versuche, einen Brand zu löschen, der längst völlig außer Kontrolle geraten ist. Eine Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht.

Die Zahlen des Bürgerkrieges sind schockierend: Ein Jahr nach dem Ausbruch des Krieges zwischen den sudanesischen Streitkräften (SAF) und den schnellen Eingreiftruppen (RSF) am 15. April 2023 steht der Sudan vor einer der sich am schnellsten entwickelnden Krisen der Welt mit einem noch nie dagewesenen Hilfsbedarf.

Rund 25 Millionen Menschen – darunter mehr als 14 Millionen Kinder – sind auf humanitäre Hilfe und Unterstützung angewiesen. Es ist unvorstellbar: 17,7 Millionen Menschen – mehr als ein Drittel der Bevölkerung – sind von akuter Ernährungsunsicherheit bedroht. Eine Hungersnot droht. 4,9 Millionen Menschen sind nach Angaben der Vereinten Nationen davon betroffen.

Zudem sind seit Beginn des Konflikts mehr als 8,6 Millionen Menschen – rund 16 Prozent der Gesamtbevölkerung – aus ihrer Heimat geflohen. Sie sind im Sudan oder in den Nachbarländern gelandet, was den Sudan zur größten Vertreibungskrise der Welt macht.

Tausende von Kindern wurden getötet oder verletzt und unzählige weitere sind ernsthaften Gefahren ausgesetzt, einschließlich sexueller Gewalt und Rekrutierung oder Einsatz im Konflikt. In diesem Jahr werden voraussichtlich mindestens 3,5 Millionen Kinder an akuter Unterernährung leiden, davon mehr als 700.000 an schwerer akuter Unterernährung. Die meisten Schulen im Land sind geschlossen. Dadurch laufen 19 Millionen Kinder im schulpflichtigen Alter Gefahr, nie eine Ausbildung zu erhalten. Das hat schwerwiegende Folgen für ihre Zukunftschancen, für den Sudan und darüber hinaus.

Das Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA) berichtet, dass es im Sudan auch zu tödlichen Ausbrüchen von Krankheiten wie Cholera, Masern und Malaria kommt. Rund 65 Prozent der Bevölkerung haben derzeit keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Zudem sind 70 bis 80 Prozent der Krankenhäuser in den Konfliktgebieten aufgrund von Luftangriffen, Versorgungsengpässen und Angriffen auf medizinisches Personal durch beide Kriegsparteien nicht mehr funktionsfähig.

Auch wichtige Infrastruktur wie Wasseraufbereitungsanlagen und Kraftwerke wurden vielerorts beschädigt oder ganz zerstört. 

Die Hilflosigkeit der „Weltgemeinschaft“ wird in der Äußerung des EU-Kommissars für humanitäre Hilfe und Krisenschutz, Janez Lenarčič, anlässlich der „Geberkonferenz“ deutlich: „Das erste, was wir tun müssen, ist sicherzustellen, dass der Sudan nicht vergessen wird“.

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