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„Norwegen und Dänemark: Der schwierige Umgang mit der indigenen Vergangenheit und Gegenwart“

Der schwierige Umgang mit der indigenen Vergangenheit und Gegenwart

Der schwierige Umgang mit der indigenen Vergangenheit

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Apenrade/Aabenraa
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In seiner Kolumne geht Jan Diedrichsen auf den Umgang Norwegens mit der samischen Bevölkerung und den Dänemarks mit den Menschen in Grönland ein. Er meint, dass es noch immer zahlreiche dunkle Flecken in der jeweiligen Geschichte beider Länder gibt.

Beginnen wir in Norwegen, im Storting: Dort wurde vor zwei Wochen das Ergebnis der „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ vorgestellt, die 2018 durch das Parlament in Oslo eingesetzt wurde. Der Auftrag lautete, die „Norwegisierung“ (fornorsking) und ihre Auswirkungen auf die indigenen Menschen und Minderheiten des Landes zu untersuchen.

Der Bericht belegt auf 758 Seiten das haarsträubende Unrecht, das von staatlicher Seite sanktioniert gegen Sami, Kvenen, Norwegen- und Waldfinnen verübt wurde. Bereits in den 1930er-Jahren wurde vom Staat das Sami-Sein quasi verboten. Samisch denken und Samisch sprechen wurde zu einer Straftat. Sprachenverbote sind ein effizientes Instrument der Assimilierung. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts setzte der norwegische Staat darauf, die Sami zu norwegisieren, zu assimilieren.

Die konservative Tageszeitung „Aftenposten“ nennt den Report einen „Bericht der Schande“: „Ein brutales Szenario, das unser Selbstbild beschädigt. Über einen Zeitraum von mehr als 150 Jahren wurde unter staatlicher Schirmherrschaft systematisches Unrecht begangen. Und das wirft noch bis in unserer Zeit dunkle Schatten.“

Bei den Vertreterinnen und Vertretern der Minderheiten in Norwegen ist man grundsätzlich erleichtert, dass die Vergangenheit endlich kritisch hinterfragt wird und Verbrechen beim Namen genannt werden. Aber es gibt auch Bedenken. Bei der Vorstellung des Berichtes im norwegischen Parlament hatte sich eine Gruppe Demonstrantinnen und Demonstranten vor dem Gebäude des Storting versammelt: Es wurde davor gewarnt, dass der Bericht zur reinen Beruhigung des norwegischen Gewissens verkommt.

„Es ist nicht einfach, an den guten Willen zu glauben, wenn man bedenkt, dass die Menschenrechte hier in Norwegen weiterhin verletzt werden und der norwegische Staat eine moderne Norwegisierung betreibt, indem er das Land der Sami in Besitz nimmt, was schwerwiegende Auswirkungen auf die Rentierzucht hat", sagt Elle Márgget Nystad, Vorsitzende des Jugendausschusses des Norwegischen Samischen Nationalverbandes (NSR-U).

Die Aktivistinnen und Aktivisten hatten die Nacht vor dem Büro des Premierministers verbracht, um auf die Tatsache aufmerksam zu machen, dass 600 Tage vergangen seien, seit der Oberste Gerichtshof entschieden hat, dass die Windparks auf Fosen im Siedlungsgebiet der Sami eine fortdauernde Menschenrechtsverletzung gegen das samische Volk darstellen.

Dänemark als Kolonialmacht hat Verbrechen begangen

Auch in Dänemark gibt es noch zahlreiche dunkle Flecken in der eigenen Geschichte: Die Behandlung der ursprünglichen Bevölkerung in Grönland ist zwar von der Wissenschaft recht gut erforscht, und auch die Presse hat immer wieder skandalöse Zustände aufgedeckt. Doch ein wirkliches Bewusstsein, dass Dänemark als Kolonialmacht agiert hat (und weiter agiert, wie einige behaupten würden), scheint weder in Politik noch Gesellschaft wirklich angekommen zu sein.

Es wäre ratsam, Anleihen in Norwegen zu nehmen oder besser noch in Schweden, das schon länger aktiv eine Aufarbeitung der eigenen kolonialen Vergangenheit betreibt. Dänemark muss sich der Geschichte stellen, die auch verbunden ist mit dem Versuch der Zwangsassimilierung der Inuit-Kultur.

Die Auswirkungen dieser Kolonisierung haben bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Die indigene Bevölkerung hat unter der Unterdrückung ihrer Kultur, Sprache und Identität schrecklich gelitten und leidet bis heute. Die erzwungene Assimilation und die Einführung von angeblich dänischen oder westlichen Werten haben zu einem Verlust traditioneller Lebensweisen und einem Bruch in den sozialen Strukturen geführt. Grönland hat mit einer Reihe sozialer Probleme zu kämpfen, wie zum Beispiel hohe Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Gewalt und psychische Gesundheitsprobleme mit einer schockierend hohen Anzahl an Selbsttötungen. Diese Probleme können auf Faktoren wie den Verlust traditioneller Lebensweisen, die Entfremdung von der eigenen Kultur und die soziale Ungleichheit zurückgeführt werden, die aus der kolonialen Vergangenheit herrühren.

Doch die Assimilierung ist nicht vollumfänglich geglückt – und diese erfreuliche Tatsache ist nicht dem offiziellen Dänemark geschuldet, sondern den Grönländerinnen und Grönländern selbst. Es erfreut einen daher immer wieder, wenn selbstbewusste Grönländerinnen und Grönländer sich auch gegen Widerstände für ihre Sprache, Kultur und Identität mutig einsetzen.

Ein Beispiel ist hierfür die Abgeordnete des Folketing, Aki-Matilda Høegh-Dam, die kürzlich eine sieben Minuten lange Rede im dänischen Parlament ausschließlich auf Grönländisch gehalten hat. Zum Missfallen vieler Abgeordneter, die parteiübergreifend wegen des angeblichen „Medienstunts“ teilweise die Augen rollten und mit Geschäftsordnungsargumenten dem politischen Statement begegneten. Die Vertreterin der sozialdemokratischen Siumut Aki-Matilda Høegh-Dam will mit ihrem Engagement und der bewussten Konfrontation auf die Benachteiligung der Sprache und Kultur ihrer Heimat aufmerksam machen. Etwas hilflos reagierte das Folketing auf die Tatsache, dass eine andere Sprache erklang als Dänisch. 

Angesichts der Assimilierungspolitik, der „Danisierung“ und der Norwegisierung, wirkt es geradezu verwunderlich, dass es die indigenen Kulturen noch gibt. Im norwegischen Bericht lässt sich die schöne Begründung lesen, dass dies an dem Begehren der Sami (und Inuit) liege, „an ihrer Loyalität und Liebe zu ihrer Herkunft festzuhalten und für ihre eigene Identität, Sprache und Würde und die ihrer Kinder zu kämpfen“.

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