Leitartikel

Ohne Eistorte

Ohne Eistorte

Ohne Eistorte

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Foto: DPA

Die vorgezogenen Wahlen zum grönländischen Parlament Inatsisartut am 24. April und die Regierungsbildung bringe dänische Politiker ganz schön ins Schwitzen, und gleichzeitig laufe es ihnen eiskalt den Rücken hinunter, analysiert Siegfried Matlok in seinem Leitartikel.

Das Eis auf Grönland ist nicht mehr so fest wie früher. Das ist für das globale Klima nicht gut, ja, gefährlich, aber es hat auch seine Folgen für das politische Klima zwischen Dänemark und Grönland. Die vorgezogenen Wahlen zum Parlament Inatsisartut am 24. April und die Regierungsbildung bringen dänische Politiker ganz schön ins Schwitzen, und gleichzeitig läuft es ihnen eiskalt den Rücken hinunter.

„Jyllands Posten“ berichtet aus Nuuk, „auf Grönland wächst der Druck, sich von Dänemark loszureißen“. Vor diesem Hintergrund wird das Wahlergebnis mit ganz besonderer Aufmerksamkeit verfolgt; nicht nur in Kopenhagen. Staatsminister Lars Løkke bat intern dänische Politiker, sich strikt zurückzuhalten mit Äußerungen, die in den grönländischen Wahlkampf eingreifen können. Dass es zum Zusammenbruch der bisherigen Mitte-rechts-Koalition unter sozialdemokratischer Führung kam, ist nach Ansicht des als Grönland-Kenner hoch geschätzten Journalisten Walter Turnowsky – einem Abiturienten des Deutschen Gymnasiums Apenrade – von der Zeitung Sermitsiaq AG auf einen Streit um die Fischerei-Quoten zurückzuführen, aber dahinter steckt die entscheidende (Macht-)Frage zwischen Siumut und der linkssozialistischen „Inuit Ataqatigiit, beide Parteien errangen bei der jüngsten Wahl jeweils elf Mandate.

In welche Richtung zieht Grönland? Ministerpräsident Kim Kielsen hält zwar am Ziel einer nationalen Selbstständigkeit fest, doch der Zeitpunkt dafür scheint ihm noch nicht gekommen, auch angesichts der weiterhin lebenswichtigen ökonomischen Zuschüsse aus der Reichsgemeinschaft mit Süddänemark. IA-Chefin Sara Olsvig drängt unwiderruflich auf eine schnellere Trennung, aber es gibt noch andere wichtige Akteure als diese beiden. Die Partei „Partii Naleraq“ des früheren sozialdemokratischen Regierungschefs Hans Enoksen, zuletzt mit drei Mandaten, schlägt scharfe anti-dänische Töne an, fordert u. a., dass dänische Vertreter aus den Aufsichtsräten staatlicher grönländischer Unternehmen entfernt werden, was in Wirtschaftskreisen wiederum Kopfschütteln hervorruft. Und schließlich gibt es noch zwei abtrünnige Sozialdemokraten, die als Außenseiter zu betrachten sind.

Vor der jüngsten Wahl musste die erste weibliche Regierungschefin, Aleqa Hammond, ihren Posten räumen – wegen Unregelmäßigkeiten mit der eigenen Kreditkarte. Dennoch sitzt sie nun parteilos im Folketing. Im September 2017 gründete der frühere „Außenminister“ Vittus Qujaukitsoq seine separatistische Partei „Nunatta Qitornai“, nachdem er mit einem Putschversuch gegen Kielsen gescheitert war. Und nun taucht Hammond auf seiner Separatistenliste auf und kann damit Zünglein an der Waage sein, wenn es um die Frage eines eigenen Staates geht.

Kopenhagen setzt darauf, den Grönländern mit weiteren Zugeständnissen in der Selbstverwaltung entgegenzukommen, doch für die Regierung dreht es sich nicht nur um den Erhalt der Reichsgemeinschaft mit Grönländern und Färingern. DF sagt, was manche in Süddänemark denken: Die Grönländer sind nicht in der Lage, mit den Großen gut Eistorten zu essen. Dänemark hat sich selbst als arktische Großmacht und als Besitzer des Nordpols ausgerufen, aber die Großmächte USA und Russland haben längst ihre strategischen, sicherheitspolitischen Interessen bekundet – und im Hintergrund ist auch China bereits aktiv. Viele Grönländer denken jedoch nicht so sehr an die Zukunft, sondern eher an ihre schmerzhafte Vergangenheit und an die Fehler, die von dänischer Seite begangen worden sind. Vor allem an die eigene kulturelle Entwurzelung.

Vielleicht hilft just in diesen Tagen ein privater Besuch von Kronprinz Frederik, der wegen seiner Vorliebe für Grönland sogar den 78. Geburtstag von Mutter Königin verpasste!

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