Kulturkommentar

„Warum ich Weihnachten nicht mehr in die Kirche gehe“

Warum ich Weihnachten nicht mehr in die Kirche gehe

Warum ich Weihnachten nicht mehr in die Kirche gehe

Apenrade/Aabenraa
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Für viele Menschen gehört es dazu, an den Festtagen zu einem Gottesdienst zu gehen. Auch Journalistin Kerrin Trautmannn ist dieser Tradition jahrelang nachgegangen. Warum sie dies nicht mehr tut und wieso sie damit im Trend liegt, verrät sie in ihrem Kulturkommentar.

Heiligabend kommt bei meiner Familie Rinderfilet mit Kroketten, Sauce hollandaise und Rosenkohl auf den Tisch. Zum Nachtisch gibt es Obstsalat mit Vanille-Soße, dafür schneide ich den Apfel. Unter dem Tannenbaum, in dem Weihnachtskugeln mit Kühen hängen, liegen meine Geschenke rechts neben der Heizung. Das ist einfach so, das ist immer so gewesen, und das wird hoffentlich auch noch lange so sein.

Zu diesen Weihnachtstraditionen hat auch lange gehört, dass wir Heiligabend in den Kindergottesdienst unserer Kirche gehen. Bei dem Krippenspiel habe ich mich als Kind Jahr für Jahr von einem Stern zu einem Esel hin zu der Rolle der Maria vorgearbeitet. Dann waren meine Geschwister an der Reihe. Es war also unser Ritual, an diesem Nachmittag in die Kirche zu gehen, auch wenn wir sonst keinen einzigen Gottesdienst besuchten.

Mein Vater bezeichnete uns als „U-Boot-Christen“, nur an Weihnachten tauchten wir wieder in der Kirche auf. Doch in diesem Jahr sind wir von der Bildfläche verschwunden. Das hat einen einfachen Grund: Die Corona-Pandemie hat uns zwei Jahre in Folge gezwungen, unsere Gewohnheiten zu ändern. Die Kirchentür blieb aufgrund von Kontaktbeschränkungen verschlossen. So mussten wir uns wie Maria und Josef auf der Suche nach einer Herberge nach einer Alternative umschauen. Gefunden haben wir zwar keinen warmen Unterschlupf voller Stroh, sondern die gemütliche Küche in meinem Elternhaus, in der wir nachmittags zusammen Karten spielen, bevor es Rinderfilet und Geschenke gibt.

Dass die Pandemie die Gewohnheiten an Weihnachten verändert hat, ist nicht nur in meiner Familie so. Laut einer Studie aus München haben die Kontaktbeschränkungen zu neuen Traditionen geführt. Während 2019 noch 24 Prozent der befragten Personen den Gang in die Kirche planten, ist dieser Wert in diesem Jahr auf 15 Prozent gefallen. Auch wenn ich nach Corona wieder ohne Maske einkaufe, Menschen zur Begrüßung die Hand schüttle oder in vollen Cafés sitze, zum Krippenspiel bin ich 2022 nicht gegangen.

Eine Tradition ein Jahr auszusetzen, wäre vielleicht möglich gewesen, in den vergangenen zwei Jahren ist eine Partie Rommé vor der Bescherung jedoch zu einem neuen Ritual geworden, das wir nun nicht mehr missen möchten.

Ein Zeichen dafür, dass Traditionen sich ändern können und nichts in Stein gemeißelt ist. Ich bin zwar ein Gewohnheitsmensch, aber wer weiß, vielleicht gehe ich nächstes Jahr wieder in die Kirche, oder ich schneide für den Obstsalat zur Abwechslung mal die Birne anstatt den Apfel.

Die in diesem Kulturkommentar vorgebrachten Inhalte sind nicht von der Redaktion auf ihre Richtigkeit überprüft. Sie spiegeln die Meinung der Autorin oder des Autors wider und repräsentieren nicht die Haltung des „Nordschleswigers“.

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