Kulturkommentar

„Peinliche Pappe“

Peinliche Pappe

Peinliche Pappe

Apenrade/Aabenraa
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„Nordschleswiger"-Redakteur Helge Möller hat die abenteuerliche Reise seines Impfpasses aufgezeichnet, dem die Jahre zugesetzt haben.

Es ist mir ja so unangenehm, fast schon peinlich. Die Sache fing vor vielen Jahren an. Damals, ich weiß wirklich nicht mehr wann, war der alte faltbare, graue Impfausweis out, ich bekam einen neuen. Von wem? Ich erinnere mich nicht.

Auf jeden Fall erhielt ich den deutlich größeren Impfausweis, auch aus Pappe, allerdings kein zurückhaltendes grau sondern ein offensives Gelb, alles zusammengehalten von stählernen Klammern. Ab und an notierte dann in der nachfolgenden Zeit ein Arzt, meist unleserlich, etwas in dem Ausweis, und es wurde ein Aufkleber in irgendeine Spalte geklebt. Ganz grundsätzlich wurde irgendwo ins Heft irgendwas geklebt. So findet sich auf fast allen Seiten irgendetwas.

Aufschwung nahm die Klebetätigkeit im Studium, Auslandsaufenthalte verlangten nach verschiedenen Auffrischungen oder ganz neuen unbekannten Impfungen, etwa Gelbfieber. Ich erinnere mich: Bei irgendeiner der Impfungen sagte der Tropenarzt: „Wundern Sie sich nicht, in zwei Tagen wird es ihnen so gegen Mittag schlecht gehen. Das ist die Impfung.“ So kam es. Herr Möller musste zu Bett. Da ich die medizinische Ansage längst vergessen hatte, dauerte es, bis ich mich erinnerte. Ich schlief beruhigt ein. Das Lernen hob ich mir für nächsten Tag auf.

In den Jahren danach wurde es impftechnisch wieder ruhiger, doch lag der Ausweis dann leider nicht in der Schublade, sondern bei den Angelausweisen, warum auch immer. Das brachte es mit sich, dass sie mit mir zusammen mehrmals untergingen. Nun sind die Klammern verrostet und das dicke Papier sah auch schon mal besser aus. Viel besser.

Man könnte meinen, es handele sich um ein sehr seltenes mittelalterliches Dokument, wenn es nicht gerade sehr Gelb wäre. Dem gefühlten Alter entsprechend muss man es mittlerweile auch äußerst vorsichtig behandeln. Doch wer ahnte vor zehn Jahren, dass der Impfausweis einmal so wichtig werden würde? Und ihm ein solcher Einsatz abverlangt werden würde? Ich ahnte es zumindest nicht, deshalb ersparte ich mir herauszufinden, ob es Ersatz geben könnte und bewahrte den Pass, nachdem ich sah, dass er arg gelitten hatte, dann auch endlich in der Schreibtischschublade auf.

Mit diesem Ding nun ging es nach längerer Suche ins Impfzentrum. Die Begrüßung durch die Bundeswehrsoldaten war sehr freundlich, alle Dokumente wurden entgegengenommen – auch der mittelalterliche Impfausweis, gefühlt von Kaiser Friedrich Barbarossa persönlich gesiegelt. Beim Aufkleben des Aufklebers beobachtete ich die Augenbraue des Arztes, die sich allerdings nicht einen Millimeter bewegte. Dann, 14 Tage nach der zweiten Impfung (anderer Arzt, aber immer noch keine Augenbrauenbewegung), der Impfpass-Test an der Grenze ohne Corona-Test – an sich schon eine Erleichterung, wenn es mir nicht so unangenehm gewesen wäre, die Pappe vorzuzeigen. Ich habe in den Impfzentren 1A Impfpässe gesehen. Makellos! 

Ich wäre auch so gern digital gewesen, nur ausgerechnet kurz vorher beim Besuch der Apotheke wurde mir dort mitgeteilt, dass das System abgestürzt und es deshalb unmöglich sei, für mich den digitalen Impfausweis vorzubereiten. Also dann doch mit der lädierten Pappe über die Grenze: „Ganske fint“ sagte der Grenzer und wünschte gute Fahrt. Lange hält sie aber nicht mehr durch, ich probiere es demnächst wieder in der Apotheke meines Vertrauens.

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