Kulturkommentar

„Ohne geht es nicht“

„Ohne geht es nicht“

„Ohne geht es nicht“

Apenrade/Aabenraa
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Findet sich doch alles im Netz. Schau doch bei Google. Wer braucht noch Papier?

Diese Aussagen sind so bekannt wie sie falsch sind. Und sie werden auch nicht richtiger davon, dass Henrik Sass Larsen, eine der Frontfiguren der Sozialdemokraten, sie offenbar im Hinterkopf hatte, als er seine Kulturdebatte anstieß, die dem Nordschleswiger dankenswerterweise bereits einen Leitartikel wert war. Er will aufräumen mit dem, was er Elitekultur nennt – Theater, Oper, Ballett – und in dem Schwung auch gleich die Bibliotheken schließen, weil da eh keiner hingeht.

Tja, Henrik, hättest du das mal gegoogelt. Die Besucherzahlen steigen. Von 2016 zu 2017 um eine Million auf 38,3 Millionen Menschen. 38,3 Millionen Menschen – alle aus der Elite? Falsch Henrik – es sind Menschen, die Medien, Rat und Gesellschaft suchen und sie kommen vor allem auch aus den Bevölkerungsgruppen, aus denen sich die Sozialdemokraten ihre Wähler erhoffen. Es kann ja sein, dass die kluge Kopenhagener Politikerkaste nicht in die Bibliothek geht, weil sie alle Bücher und E-Medien selbst kaufen kann. Wer das Geld nicht hat, muss in die Bibliothek. Die ist nämlich für alle da. Im Netz steht nicht alles. Nicht alles, was das steht, ist richtig, und es ist oftmals nicht kostenlos. Die Bibliotheken sorgen dafür, dass auch die E-Bücher gratis zur Verfügung stehen – weil sie sie einkaufen.

In den Bibliotheken – den dänischen wie den deutschen in Dänemark – wird diskutiert, wird gelernt, hat man Spaß (ja, das darf man auch in der Bücherei – sogar lautes Lachen ist erlaubt). Wer hier spart, legt auch eine Axt an die Demokratie. Die braucht gebildete Bürger und für Bildung stehen Bibliotheken. Das war eine Grundlage für das dänische Bibliotheksgesetz, um das uns viele, vor allem der Nachbar Deutschland, beneiden.

Bibliotheken sind die kulturellen Orte, die offen sind für alle – Männlein und Weiblein, Homo und Hetero, Grüne und Rote und Schwarze und Blaue und Gestreifte, Alt und Jung, Arm und Reich – weniger Elite geht doch gar nicht. Und wir sind überall. Nicht nur in Kopenhagen, sondern auch in Rothenkrug oder auf Langeland oder in Tondern. Aber da kommen die Folketingspolitiker natürlich nicht so oft vorbei. Schade eigentlich.

 

Von Claudia Knauer, Büchereidirektorin des Verbandes Deutscher Büchereien Nordschleswig
Die von den einzelnen Autoren veröffentlichten Kulturkommentare geben nicht die Meinung der Redaktion wieder.

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