Kulturkommentar

„Ist das Geschichte oder kann das weg?!“

Ist das Geschichte oder kann das weg?!

Ist das Geschichte oder kann das weg?!

Jon Thulstrup
Jon Thulstrup
Sonderburg/Sønderborg
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Jeden Monat landet viel Geschichte der Minderheit in den Mülleimern Nordschleswigs, vermutet Jon Thulstrup. Doch bevor ausgemistet wird, würde der Historiker im Deutschen Museum Nordschleswig am liebsten einen Blick darauf werfen.

Stellt euch Folgendes vor: Ein älteres Familienmitglied stirbt. 

Die Erben – demzufolge die Kinder der Verstorbenen/des Verstorbenen – sollen die Wohnung/das Haus mitsamt Inventar auflösen. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich so einiges an „Krempel“ in den vier Wänden angehäuft. Die Kinder wollen die Wohnung/das Haus zügig ausräumen und schnellstmöglich verkaufen. 

Verständlich, denn alle haben im Alltag bereits viel zu tun. Die Gemälde, das Porzellan und der Schmuck werden unter den Erben verteilt – der Rest: „Kann weg“. Demzufolge wandert der ganze Stapel an Papier und Briefen aus dem Büro direkt in den Altpapiercontainer. Der Tenor: „Muddi/Vaddi hätte schon vor Jahren mal kräftig ausmisten sollen.“ Was die Kinder jedoch nicht bedacht haben, war, dass sie oder er seit der Pensionierung als Hobbyhistorikerin/Hobbyhistoriker tätig war.

So oder so ähnlich, vermute ich mal, geht jeden Monat viel wertvolle Geschichte in Nordschleswig verloren – und damit auch die Geschichte unserer Minderheit. Vielleicht gab es in den Briefen interessante Details zur NS-Zeit oder zur Zeit danach, wo die Minderheit sich um ein gutes Verhältnis zur Mehrheitsbevölkerung bemühte. 

Es könnten auch ältere Dokumente zu den ersten Knivsbergfesten oder den Volksabstimmungen gewesen sein. Gleichwie, ist es ungemein wichtig, die Sachen nicht gleich wegzuwerfen. Bei uns im Museum und im Archiv der Minderheit in Sonderburg wollen wir gerne diese Dinge sichten – und falls notwendig haben wir auch einen Altpapiercontainer.

Als Museum und Archiv gehören wir zu den Kulturträgern der Minderheit. Ja, wir mögen uns zwar mit „alten Dingen“ beschäftigen – dennoch sind wir auch für die Gestaltung der Minderheit der Zukunft mitverantwortlich.

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