Kulturkommentar

„Fluchen tut so gut, aber …“

Fluchen tut so gut, aber …

Fluchen tut so gut, aber …

Claudia Knauer
Claudia Knauer
Apenrade/Aabenraa
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In ihrem Kulturkommentar behandelt Büchereidirektorin Claudia Knauer die Auswirkungen von Hassrede auf Menschen.

Wer sich mit dem Hammer auf den Daumen haut, lindert seinen oder ihren Schmerz, wenn laut „Sch…“ geschrien wird. Das gilt durchaus auch für andere Situation, in denen man ins tiefe Tief rutscht und alles ganz grässlich erscheint oder – schlimmer noch – tatsächlich so ist.

Lautes Fluchen ändert an der Weltlage nichts, und Putin wird seinen menschenverachtenden Vernichtungskrieg nicht einstellen, wenn wir alle in den Wald gehen und rufen, was für ein mieses A… er ist. Dennoch erleichtert es für einen ganz kurzen Augenblick, und das ist gut und zulässig.

Gar nicht gut und schon gar nicht zulässig ist es, wenn hasserfüllte Reden gegenüber anderen Menschen geschwungen werden – ob nur in Posts in den sogenannten sozialen Medien, gesprochen auf YouTube, am Stammtisch oder auf der Demo. Das tut Menschen messbar weh, wie die Zuhörer des Online-Vortrags von Oliver Niebuhr von der Süddänischen Universität, den die Deutsche Zentralbücherei kürzlich anbot, erfuhren.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben untersucht, wie Hassrede auf Menschen wirkt – auch körperlich. Und ja, solche Posts verändern Herzschlag und Schweißbildung und nicht zum Besseren. Dabei, auch das eine spannende Erkenntnis, beeinflussen Hass und Hetze Menschen weniger, wenn sie in Gesellschaft von anderen Menschen, ja sogar von Haustieren, damit konfrontiert werden. Ein gutes Argument für das Beisammensein.

Zunächst aber ist es zentral, sich selbst am Riemen zu reißen und die eigene Meinungsäußerung kurz einer inneren Überprüfung zu unterziehen. Will ich selbst so angesprochen werden? Wenn nicht, lass es.

Wir erreichen mit dieser freundlichen Aufforderung natürlich die klassischen Hasspost-Schreiber nicht. Die sind – auch das wissenschaftlich belegt – in der Regel männlich, weiß und zwischen 35 und 40 Jahre alt. Da müssen andere Maßnahmen greifen. Aber wir können es lassen, diese Posts zu liken oder zu teilen. Also: erst nachdenken, dann posten. Erst lesen, dann teilen oder auch beherzt Hassbotschaften melden und deutlich machen, was man davon hält: nichts.

Die Welt ist unfriedlich genug. Wir müssen offenbar – wieder? – eine Kultur des zivilisierten Austauschs entwickeln, und wer sich nicht dran hält, fliegt raus.

Die in diesem Kulturkommentar vorgebrachten Inhalte sind nicht von der Redaktion auf ihre Richtigkeit überprüft. Sie spiegeln die Meinung der Autorin oder des Autors wider und repräsentieren nicht die Haltung des „Nordschleswigers“.

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