Literatur

Der Bachmannpreis als Geisterspiel

Der Bachmannpreis als Geisterspiel

Der Bachmannpreis als Geisterspiel

dpa
Klagenfurt
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Der Autor Leander Steinkopf aus Deutschland liest beim Bachmannpreis. Foto: Jeannette Steinkopf/LST Kärnten/ORF/dpa

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Während die Fußball-EM in vollem Gange ist, lesen in Österreich deutschsprachige Schriftsteller um die Wette. Im Vorjahr gewann die Deutsche Helga Schubert. Wer bekommt diesmal die 25 000 Euro?

Auf dem Trampolin springen, schwimmen, laufen, turnen: Einige der Autoren beim Wettlesen um den Bachmannpreis zeigen in ihren Porträt-Videos einen sportlichen Zugang zur Literatur.

Die prestigeträchtige Veranstaltung geht diese Woche im österreichischen Klagenfurt jedoch als Geisterspiel über die Bühne.

Während bei der Fußball-EM Mannschaften vor Publikum um den Sieg kämpfen, ist bei den «Tagen der deutschsprachigen Literatur» nur die Jury vor Ort. 14 Autoren und Autorinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz präsentieren ihre Texte in aufgezeichneten Videos und werden erst bei den Jury-Diskussionen live zugeschaltet. «Bei Fußballmannschaften gibt es Ersatzspieler. Wir haben keine Ersatzspieler», erklärt Organisator Horst Ebner. Schon ein einziger Corona-Fall hätte die Veranstaltung gefährden können, sagt er der Deutschen Presse-Agentur.

Nach der Eröffnungsrede des ehemaligen Juryvorsitzenden und Literaturkritikers Hubert Winkels am Mittwochabend werden die Texte an drei darauffolgenden Tagen präsentiert und diskutiert. Am Sonntag findet die Preisverleihung statt. Zu den Veteranen im Teilnehmerfeld gehört Heike Geißler aus Leipzig, die schon 2008 am Wettlesen teilnahm. Seitdem hat sie unter anderem eine Reportage über ihre Arbeit beim Versandriesen Amazon veröffentlicht. In ihrem Porträt-Video für den diesjährigen Wettbewerb springt sie auf Trampolinen, gräbt sich durch Schaumstoffwürfel und erklärt dazu, dass sie nach dem Ideal der «präzisen Torheit» strebe.

Eine der jüngsten Autorinnen kommt ebenfalls aus Deutschland: Die 1996 geborene Dana Vowinckel, die erzählt, dass ihr das Schwimmen beim Schreiben hilft. Durch die Schwerelosigkeit und die Bewegung im Wasser könne man Gedanken klarer formulieren und zur eigenen Sprache finden, sagt die Berlinerin, die an ihrem ersten Roman arbeitet.

Fünf weitere deutsche Schriftsteller sind dieses Mal dabei: Timon Karl Kaleyta, mit der Band Susanne Blech auch als Musiker aktiv, Necati Öziri, der als Autor am Nationaltheater Mannheim engagiert ist, und Anna Prizkau, die in ihrem Debütroman «Fast ein neues Leben» das Leben einer Einwandererfamilie in Deutschland beschrieb. Außerden die Autorin und Musikwissenschaftlerin Nadine Schneider, sowie Leander Steinkopf, der sagt, dass er gerne im Park turnt.

Nicht alle bedauern, dass sie dem Stress des Wettlesens vor Ort entgehen. «Das live zu erleben, wäre für mich eine gruselige Vorstellung», sagte die Hörspielautorin Magda Woitzuck der Nachrichtenagentur APA. Sie gehört zu den Teilnehmern aus Österreich, zusammen mit der aus dem Iran stammenden Romanautorin Nava Ebrahimi, der Dichterin Katharina Ferner, der Kunststudentin Verena Gotthardt und Fritz Krenn, der bereits 1992 am Wettbewerb teilnahm.

«Ruhe bewahren», rät die neue Juryvorsitzende Insa Wilke den Autoren. Sie sollten sich von den Reaktionen auf ihre Texte nicht beirren lassen, sagt die Literaturkritikerin der dpa. Bei dem Wettbewerb geht es um den mit 25 000 Euro dotierten Hauptpreis in Erinnerung an die Dichterin Ingeborg Bachmann (1926-1973), sowie um einige weitere Auszeichnungen. Voriges Jahr gewann die damals 80-jährige Berlinerin Helga Schubert.

Einige Teilnehmer strahlen in ihren Videos Gelassenheit statt sportlichen Ehrgeiz aus, besonders Schweizer: Julia Weber flaniert mit ihrer Tochter und ihrer Freundin im Hundekostüm durch Zürich. Und ihrem Landsmann Lukas Maisel ist alles wurst: «Schreiben ist wie Würstel essen. Du solltest niemals mehr abbeißen als du kauen kannst», sagt er zwischen zwei Bissen.

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