Buchbesprechung

Der Krieg 1864 war Bismarcks Experimentalfeldzug

Der Krieg 1864 war Bismarcks Experimentalfeldzug

Der Krieg 1864 war Bismarcks Experimentalfeldzug

Paul Sehstedt
Apenrade/Aabenraa
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Am 18.01.1871 lässt Otto von Bismarck im Schloss von Versailles Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser ausrufen. Foto: Via Www.imago-Images.de/Imago/Ritzau Scanpix

Die Kaiserproklamation 1871 war der Anfang einer europäischen Umwälzung, die bis heute Spuren hinterlässt. Eine Buchbesprechung von Paul Sehstedt.

Die Franzosen hatten ihn, die Briten auch: ihren zentralistisch gegliederten Nationalstaat, doch die Deutschen konnten dem nur den Deutschen Bund entgegenstellen, der jedoch keine feste Union darstellte. Dem preußischen Bundesgesandten und späteren Ministerpräsidenten Otto von Bismarck schwebte jedoch ein starkes Preußen vor, das nicht die Rolle des Juniorpartners neben Österreich im Deutschen Bund einnehmen sollte. Der Streit um die Gültigkeit der Novemberverfassung, die Schleswig de jur enger mit dem Königreich Dänemark verband, gab Bismarck die Möglichkeit, das durch die Militärreform von 1862 erstarkte preußische Heer einsetzen zu können, um sowohl die Belastbarkeit der Truppen zu testen als auch die Vormachtstellung Preußens ausbauen zu können. Ausgerüstet mit modernere Geschütze und Handfeuerwaffen gewann Preußen seinen Experimentalkrieg gegen Dänemark, dem 1866 der Bruderkrieg gegen Österreich und 1870/71 gegen den Erzfeind Frankreich folgten. Damit hatte Bismarck die Grundlage für seine politischen Ziele gefestigt und das Zweite Deutsche Reich rückte in die Reihen der europäischen Großmächte auf.

Diesen ganzen Werdegang hat der Historiker Christoph Jahr in der Monografie „Blut und Eisen, wie Preußen Deutschland erzwang“ zusammen gefasst. Er lässt Zeitzeugen wie Theodor Strom oder Hans Christian Andersen zu Worte kommen, die je von ihrer Warte aus die Nacht vor dem Sturm auf die Düppeler Schanzen am 18. April 1864 erlebten. Während sich der dänische Nationaldichter in seinem Bett schweißgebadet von bangen Ahnungen erschrocken wälzte, erwog Storm in seinem Exil in Eichsfeld, ob er die Rückkehr in die Heimat wagen sollte, da die Vertreibung der von ihm als Fremdherrscher empfundenen Dänen unmittelbar bevorstand. Mit den Schilderungen von Bürgern und Beamte lockert Jahr die Kriegsgeschichte auf. Drei Kapitel sind den Kriegen gewidmet, das vierte befasst sich unter der Überschrift ‚Geist der Gewalt‘ mit den Folgen, die nach 1871 bis heute sichtbar wurden.

„Der eigene Nationalstaat war, an den Maßstäben des 19. Jahrhunderts gemessen, ein Recht, das den Deutschen schwer abgesprochen werden konnte“, schreibt Jahr. „Da die ‚deutsche Frage‘ aber zutiefst eine gesamteuropäische Frage war, schien sie nur lösbar, in dem man die Einigung quasi gegen Europa gewaltsam durchsetzte.“ Das Fazit aus der Feder des Historikers lautet: „Preußen hat Deutschland gemacht. Doch so war es nicht. Preußen hat Deutschland erzwungen. Das ist den Deutschen nicht gut bekommen, und erst recht nicht ihren Nachbarn.“

Ein lesenswertes Buch für jene, die Deutschland verstehen wollen.

Christoph Jahr
„Blut und Eisen -
Wie Preußen Deutschland erzwang“
Erschienen im Verlag C.H. Beck, München
368 Seiten, gebunden
26,95 Euro oder 284,85 Kronen im Buchhandel
Im Onlinehandel saxo.dk
ISBN 78-3-406-7554-2-2

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