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„Devrim Akcadag drohen bei Auslieferung an die Türkei 15 Jahre Gefängnis“

Devrim Akcadag drohen bei Auslieferung an die Türkei 15 Jahre Gefängnis

Devrim Akcadag droht die Abschiebung in die Türkei

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen
Sardinien/Berlin
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Der Wissenschaftler Devrim Akcadag ist deutscher Staatsbürger kurdischer Herkunft. Anfang August wurde er in Italien festgenommen, nun droht die Auslieferung an die Türkei, die ihm eine terroristische PKK-Anhängerschaft vorwirft. Jan Diedrichsen macht in seiner Kolumne auf den Fall aufmerksam und schreibt, dass der Vorwurf haltlos ist.

Vor 24 Tagen wurde Devrim Akcadag im Beisein seiner elfjährigen Tochter auf Sardinien (Italien) verhaftet. Die Türkei hat einen internationalen Haftbefehl über Interpol gegen ihn erlassen.

Devrim Akcadag ist 1975 in Berlin geboren und deutscher Staatsbürger kurdischer Herkunft. Bei einer Auslieferung drohen ihm 15 Jahre Haft. In Deutschland liegt nichts gegen ihn vor, er hat ein untadeliges polizeiliches Führungszeugnis. Familie und Freunde sind in großer Sorge.

Das Schicksal von Devrim ist bedrückend-kafkaesk und zeigt die ganze Bösartigkeit des autokratischen Systems der Türkei. 

„Es ist ein Skandal“

Devrim arbeitet als Wissenschaftler und Übersetzer in Berlin und betreut einige der wissenschaftlichen Projekte meines Freundes Feryad Fazil Omar, der das Kurdische Institut in Berlin leitet. 

Ich habe Devrim kennengelernt und auch zu Hause besucht. Sein Lehrer und Arbeitgeber Feryad Fazil Omar verbürgt sich ohne Wenn und Aber für seinen Schüler und Mitarbeiter. „Es ist ein Skandal. Devrim Akcadag ist kein PKK-Anhänger, geschweige denn Terrorist. Es sind fingierte, ehrenrührige Anschuldigungen“, erklärt Feryad Omar.

Das war geschehen

Die Einschätzung von Feryad Omar ist mehr als verlässlich. Er war in der Gesellschaft für bedrohte Völker engagiert, lange als Bundesvorsitzender und kürzlich erhielt er für seine wissenschaftliche Arbeit sowie für sein Menschenrechtsengagement das Bundesverdienstkreuz. Er ist entsetzt darüber, wie sein ehemaliger Student und inzwischen wissenschaftlicher Mitarbeiter von den italienischen Sicherheitsbehörden behandelt wurde:

Devrim reiste mit seiner elfjährigen Tochter von Berlin nach Sardinien, um Urlaub zu machen. Am Dienstag, 1. August 2023, wurde den beiden von einem Hotelmitarbeiter mitgeteilt, sie müssten das Zimmer wechseln. Dort warteten jedoch bereits zwei Digos (ein auf Terror- und Extremismusbekämpfung spezialisierter Organisationszweig der italienischen Staatspolizei). Nachdem sie Devrim im Beisein seiner Tochter verhört hatten, wurden beide nach Sassari mitgenommen (über 60 Kilometer entfernt), in einem nicht klimatisierten Auto ohne Wasser. Die Tochter war lediglich mit einem Badeanzug und einem Röckchen bekleidet, berichtet die Schwester von Devrim, die für die Freilassung ihres Bruders kämpft. 

Devrim wurde das Handy weggenommen, er konnte niemanden über die Situation informieren. Erst Stunden später durfte er seine Frau in Berlin anrufen. Die Beamten trennten Vater und Tochter. Die Tochter wurde zwischenzeitlich in einem Heim untergebracht. Erst zwei Tage später war das kleine Mädchen mit ihrer sofort aus Berlin angereisten Mutter und Tante vereint.

Isolationshaft im italienischen Gefängnis

Devrim selbst wurde im Gefängnis Bancali in Isolationshaft verbracht. Dort begegnete er unter anderem dem aus Norwegen abgeschobenen Mullah Kraker, einer der führenden Terroristen der radikal-islamischen Bewegung. Außer ihm waren verschiedene IS-Terroristen in dem Gefängnis untergebracht. Als Kurde befand sich Devrim Akcadag – so kann man vermuten – in Lebensgefahr.

Nach einem ersten Termin mit einer Haftrichterin wurde seine Freilassung in Hausarrest angeordnet, bis das Gericht über die Auslieferung entschieden hat. Die Türkei hat 40 Tage Zeit, ihren Haftbefehl zu begründen. Es mag die Richterin verwundert haben, dass die deutschen Behörden keinen Hinweis darauf haben, dass ihr Staatsbürger sich etwas hat zuschulden kommen lassen. 

Von 2005 bis 2009 arbeitete Devrim als Journalist im Nahen Osten, in Syrien, im Irak, Iran, Libanon und Jordanien. Sein Schwerpunkt war der Israel-Palästina-Konflikt, aber auch die kurdische Thematik und Konflikte in Kolumbien, Sri Lanka und Irland. Journalisten, die über Kurdistan berichten, gelten in der Erdogan-Autokratie als Terroristen. 

Freiheit für Devrim?

Aktuell befindet sich Devrim im Zentrum der sardischen Vereinigung gegen Marginalisierung (ASCE) und hat Kontakt zur deutschen Botschaft. Er wird anwaltlich betreut. Verschiedene Personen setzten sich für seine sofortige Freilassung und die unbeschadete Rückkehr in seine Heimat Deutschland ein. 

Die sogenannten „red notice“-Haftbefehle von Interpol werden durch Diktaturen und Autokratien weltweit eingesetzt, um Kritikerinnen und Kritiker einzuschüchtern. Bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich gegen den Missbrauch von Interpol durch die türkischen Sicherheitsbehörden gewandt – passiert ist nichts. Damals wurde auf Geheiß der Handlanger von Erdogan der mittlerweile verstorbene Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli in Spanien verhaftet. Dieser wurde nach Prüfung der abstrusen Vorwürfe wieder freigelassen. Wir wünschen Devrim, dass er bald zu seiner Familie nach Deutschland zurückkehren kann.

Zur Person: Jan Diedrichsen

Jan Diedrichsen (Jahrgang 1975), wohnhaft in Berlin und Brüssel, leitet die Vertretung des Schleswig-Holsteinischen Landtages in Brüssel, hat sein Volontariat beim „Nordschleswiger“ absolviert und war als Journalist tätig. 13 Jahre lang leitete er das Sekretariat der deutschen Minderheit in Kopenhagen und war Direktor der FUEN in Flensburg. Ehrenamtlich engagiert er sich bei der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) – davon bis 2021 vier Jahre als Bundesvorsitzender. Seit Juni 2021 betreibt er gemeinsam mit Wolfgang Mayr, Tjan Zaotschnaja und Claus Biegert ehrenamtlich den Blog VOICES.

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