Pandemie

Post Covid: Wenn Corona einfach nicht verschwindet

Post Covid: Wenn Corona einfach nicht verschwindet

Post Covid: Wenn Corona einfach nicht verschwindet

dpa
Teltow
Zuletzt aktualisiert um:
Volker Köllner forscht zu Post Covid. Foto: Annette Riedl/dpa

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Noch immer erholen sich noch viele Menschen von den Langzeitfolgen ihrer Corona-Infektion - und die Corona-Herbstwelle baut sich immer mehr auf. Auch bei Post Covid könnten die Zahlen erneut steigen.

Beim Duschen hat sie Schmerzen, Kleidung auf der Haut ist kaum zu ertragen. «Auf dem Kopf war es, als wenn Nadelstiche mich treffen», so schildert es die Post-Covid-Patientin. Bei Silvana Heller-Scheunemann hatte eine Corona-Infektion heftige Spätfolgen - so wie für viele andere Menschen in Deutschland auch. Wenn die Corona-Zahlen mit der wachsenden Herbstwelle nun wieder steigen, könnte auch Post Covid weiter zunehmen.

Typisch für Post Covid sind kognitive Einschränkungen. Heller-Scheunemann, die derzeit eine Therapie im Reha-Zentrum Seehof im brandenburgischen Teltow macht, bemerkte nach ihrer Erkrankung im Februar 2022 plötzlich Gedächtnislücken. «Ich konnte mich nicht mehr an Wege erinnern», schildert die 50-Jährige. «Ich konnte nicht richtig schreiben, teilweise kamen Buchstaben in Spiegelschrift aufs Papier. Das war dann schon sehr beängstigend, auch weil natürlich der erste Gedanke kam: «Kann ich meinen Job so machen?»»

Die Spätfolgen von Covid bringen Leid, Verunsicherung und Frustrationen. In Berlin schilderte am Freitag die Publizistin Margarete Stokowski, wie enttäuscht sie von Reaktionen von Ärzten und Krankenkassen teils ist. «Ich sehe, dass total viele Leute überhaupt keine Ahnung von Long Covid haben.» Sie selbst habe auf eigene Kosten viele Therapieansätze probiert, weil es an Hilfe gemangelt habe. «Die Versorgungslage bei Long Covid ist weiterhin sehr schlecht», so Stokowski. Neben ihr saß Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) und pflichtete der bekannten Patientin im Grundsatz bei. Nun werde die Versorgungsforschung verbessert, versprach Lauterbach.

Bis zu 15 Prozent betroffen

Die Bundesärztekammer veröffentlichte am Dienstag eine Stellungnahme zum Post-Covid-Syndrom. Demnach leiden bis zu 15 Prozent der Corona-Infizierten später auch an Post-Covid-Symptomen. Bei Heller-Scheunemann wurde die Krankheit zu einem heftigen Einschnitt in ihr normales Leben. Eigentlich arbeitet sie als Sachgebietsleiterin, doch durch die Erkrankung wurde sie mehrere Monate arbeitsunfähig. «Ich wusste, ich kann ja so nicht in die Arbeit. Sie können nicht als leistungsfähige Führungskraft arbeiten, wenn Sie all diese Kompetenzen nicht haben.»

Auffällig: Immer wieder kommen Post-Covid-Patienten mit Abitur oder Hochschulabschluss in die Teltower Klinik - in anderen Patientengruppen ist das vergleichsweise weniger häufig der Fall. Auch für den ärztlichen Direktor des Reha-Zentrums ist das überraschend. Volker Köllner verbindet seine Arbeit als Arzt mit der Erforschung der Krankheit. Köllner sagt: «Dass es tatsächlich so einen Riesenunterschied beim Bildungsstand zwischen Patientengruppen gibt, wie in der Studie zu Post Covid, habe ich jetzt seit 30 Jahren Forschung noch nicht erlebt.»

Köllner berichtet, dass gerade Menschen mit geistig anspruchsvollen Jobs stark unter Konzentrationsstörungen leiden würden. «Eine Lehrerin kommt beispielsweise und erzählt uns, dass sie immer bestimmte Vokabeln vergisst und an der Tafel steht und ihr fällt das Wort nicht ein», sagt der Arzt. In der kognitiven Testung seien dann tatsächlich entsprechende Einschränkungen nachgewiesen worden - oft in einem überraschend deutlichen Ausmaß.

Frauen fehlt oft die Erholungszeit

Frauen sind übermäßig von Post Covid betroffen. «Das kann einerseits hormonelle und immunologische Gründe haben», sagt Köllner. Der andere Punkt sei, dass Frauen häufiger in der Doppelbelastung seien mit Familie und sich eine Auszeit, die eigentlich nach der Infektion gut täte, weniger leicht nehmen könnten als die Männer.

Wie kommen Frauen damit zurecht? Post-Covid-Patientin Silke Wichmann hat für sich Strategien entwickelt, mit den Defiziten umzugehen. «Ich habe Pausen gemacht und halt auch mal beim Einkaufen oder Wäsche-Aufhängen gesagt, ich bekomme das heute nicht mehr hin, und dann muss es halt wer anders machen», schildert die 52-Jährige. Sie hat nach ihrer Corona-Erkrankung im April 2021 verschiedene Symptome wie Kurzatmigkeit und Konzentrationsstörungen bemerkt.

Inzwischen kommt Wichmann ordentlich mit ihrer Krankheit zurecht - dank der Hilfe in der Klinik. Hier fühle sie sich ernst genommen, und durch viel Bewegung komme sie wieder stärker auf die Beine. «Also mir geht es schon gut. Ich weiß aber ganz genau, dass diese Menge an Bewegung im Alltag nicht machbar ist», sagt Wichmann.

Ärzte und Therapeuten haben seit Ausbruch der Pandemie vor über zwei Jahren viel dazugelernt. Gerade etwa beim Thema Bewegung gab es lange Unsicherheit. Schadet es den Patienten am Ende? Für Doktor Köllner ist die Bewegungstherapie inzwischen ein Schlüsselelement bei der Behandlung. «Die riesige Mehrheit der Post-Covid-Patienten profitiert von einem wohldosierten Ausdauertraining und von Bewegungstherapie», sagt der Arzt.

Maßgebend für die richtige Behandlung von Post-Covid-Patienten ist die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Diese hat eine Empfehlung herausgegeben, in der sie dringend zu Bewegungstherapie raten.

In der Klinik in Teltow steht täglich Sport auf dem Programm. In der kleinen Turnhalle sitzt Silvana Heller-Scheunemann auf einem Hocker. Im Kreis mit ihr andere Patientinnen. Gemeinsam machen sie die Übungen der Trainerin nach. Den Arm über den Kopf, dann in die Kniebeuge.

Wenn sich Doktor Köllner etwas für die Post-Covid-Betroffenen wünschen dürfte, wären es einfach eingerichtete und zu erreichende Bewegungsangebote. «Damit würden wir Menschen erreichen, die bei ihrem Hausarzt sind und die sagen: «Ich merke, das ist immer noch so anstrengend und ich mache mir Gedanken und ich kriege schlechter Luft»», sagt Köllner.

Treppensteigen in der Reha

Die Deutsche Rentenversicherung Bund spricht sich ebenfalls für vielschichtige Behandlungen aus. Ihre Direktorin für Rehabilitation, Brigitte Gross, unterstreicht die Bedeutung: «Wenn zum Beispiel das Herz nach einer Corona-Erkrankung nur noch eine eingeschränkte Pumpfunktion hat, setzt die Rehabilitation mit einem dosierten Ausdauertraining an, um etwa das Treppensteigen wieder zu ermöglichen.» Unter dem Dach der Rentenversicherung wurden im Jahr 2021 rund 10.000 Rehabilitationen für die Folgen nach Corona durchgeführt. Durchschnittlich bleiben die Patientinnen und Patienten dabei 26 Tage in der Reha.

Aus der Wissenschaft und der Ärzteschaft wurde zuletzt immer wieder mehr Augenmerk auf die späten Folgen einer Corona-Erkrankung verlangt. Viele halten das Thema für unterschätzt. Nach der Zunahme bei Corona-Infektionen im Herbst und Winter könnten auch die Post-Covid-Zahlen wieder steigen. Die Bundesärztekammer erwartet, dass sich mit der Dynamik der Pandemie auch die Erkenntnisse zu Post Covid verändern und teils auch immer wieder überholen.

Positiv sind nach Ansicht des Arztes Köllner die wachsenden Erfahrungen in der Bevölkerung mit Corona insgesamt. Die Menschen seien «deutlich immunkompetenter», sagt Köllner. «Jetzt hatten wir zweieinhalb Jahre Zeit, uns mit dem Virus auseinanderzusetzen.» Gerade aus Sicht des Experten für Post Covid gilt aber: Man dürfe Corona nicht auf die leichte Schulter nehmen und müsse sehr wachsam bleiben. Köllner: «Ich halte es nicht für wahrscheinlich, aber es kann sein, dass es eben auch mal eine aggressivere, also im Sinne von gefährlichere, tödlichere Variante gibt.»

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