Deutsches TIER DES JAHRES 2020

Der Maulwurf: Ein Leben unter Tage

Der Maulwurf: Ein Leben unter Tage

Der Maulwurf: Ein Leben unter Tage

Heike Wells/shz.de
Flensburg
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Bei Gartenbesitzern nicht immer gerne gesehen: Der unter Naturschutz stehende Maulwurf Foto: Jens Kirkeby/Biofoto/Ritzau Scanpix

Wegen seiner wichtigen Funktion hat die Deutsche Wildtier-Stiftung den Maulwurf zum Tier des Jahres 2020 gekürt.

Besitzer eines gut gepflegten Rasens hassen ihn, dabei ist er so harmlos: nur bis zu 13 Zentimeter lang und 50 bis 90 Gramm leicht, extrem kurzsichtig und selbst kaum jemals überhaupt zu sehen, weil unterirdisch lebend. Dort aber geht er einer Aktivität nach, die ihn zum Schrecken der oben erwähnten Gartenfans macht: Stetig grabend, durchpflügt der Maulwurf den Boden und befördert dabei hier, da und dort große Haufen Erde an die Oberfläche. Weil ihm jedoch eine wichtige Funktion in der Natur zukommt, hat ihn die Deutsche Wildtier-Stiftung zum Tier des Jahres 2020 gekürt.

Tatsächlich ist "Grabowski", wie der schwarz befellte Protagonist eines alten Kinderbuches dort liebevoll genannt wird, ein faszinierendes Geschöpf mit erstaunlichen Eigenschaften und Fähigkeiten, die ihn für sein Leben unter Tage optimal ausstatten. So verfügt er über ein Gelenk, das den Oberarm mit dem Schlüsselbein verbindet. Auf diese Weise hat er die Kraft zum Gänge buddeln. Zudem sind seine Schaufelhände – eine weitere Lizenz zum Graben – geradezu riesig im Verhältnis zum Rest seines walzenförmigen Körpers, und mehrere Halswirbel sind zusammengewachsen, so dass sein Kopf auch die mit seiner unterirdischen Arbeit oft verbundenen Erschütterungen aushalten kann.

Perfekt ausgestattet für das Leben unter Tage

Der Maulwurf – biologisch korrekter: der Europäische Maulwurf (Talpa europaea), denn mit dem haben wir es hierzulande zu tun – hat nur winzige, unter dem Fell versteckte Ohren ohne Ohrmuscheln; die würden ihn beim Vorwärtskommen unter Tage nur stören. Blind, wie landläufig oft behauptet, ist er nicht, aber seine kleinen Augen lassen ihn Vermutungen von Experten zufolge lediglich zwischen hell und dunkel unterscheiden. Es ist sein gut ausgeprägter Tastsinn, allen voran die langen Tasthaare im Gesicht, die ihm unter der Erde Orientierung geben.

Der tierische Tunnelbauer verfügt über ein teils kilometerlanges unterirdisches Gangsystem, und das ist es, was bei manchen Menschen für Verdruss sorgt. Denn dort unten ist der Sauerstoffgehalt niedriger als an der Erdoberfläche. Und auch, wenn Maulwürfe vergleichsweise große Lungen haben und in ihrem Blut viel Hämoglobin schwimmt, das Sauerstoff speichert, muss ihr Zuhause regelmäßig belüftet werden. Ergebnis sind die allseits sichtbaren Maulwurfshügel.

Intaktes Bodenleben

Die Grabeaktivitäten haben allerdings auch einen positiven Nebeneffekt, weil auf diese Weise der Untergrund aufgelockert wird. "Wo der Maulwurf lebt, ist das Bodenleben meist intakt", so die Deutsche Wildtier-Stiftung in einer Pressemitteilung.

Seine Eigenschaft als Fleischfresser qualifizert das Wildtier ebenfalls zum Nützling. Zwar frisst es unter anderem (ebenso nützliche) Regenwürmer, aber auch viele andere Insekten wie zum Beispiel Engerlinge und Schnecken. Zudem haben es Wühlmäuse den Beobachtungen von Biologen zufolge schwer in seinen Revieren.

Der Lebensraum des Maulwurfs sind Wiesen und Weiden, Parks und Gärten. Sein unterirdisches Zuhause kann beachtliche Ausmaße annehmen, sich auf bis zu 6000 Quadratmeter erstrecken, mit verschiedenen Zimmern wie unter anderem Schlaf- und Vorratskammern sowie Kinderstuben. Sein Fell mit Haaren, die in alle Richtungen biegsam sind, ermöglicht es ihm, sich dort sowohl vorwärts als auch rückwärts zu bewegen – und das mit der für das kleine Tier erstaunlichen Geschwindigkeit von bis zu vier Kilometern in der Stunde, also etwa der eines forsch voranschreitenden Menschen.

Zwar ist der Insektenfresser ein überzeugter Einzelgänger – aber ohne Paarung nun einmal kein Fortbestand der Art. Im März und April finden sich die Geschlechter zusammen, etwa einen Monat später bringt das Maulwurfweibchen in einer weich ausgepolsterten unterirdischen Höhle vier bis fünf nackte Junge zur Welt, die bis zu sechs Wochen gesäugt werden.

Unter Naturschutz

Der Europäische Maulwurf steht unter Naturschutz, das heißt, er darf nicht bejagt, mit chemischen Mitteln bekämpft, gefangen oder getötet werden. Er gehört jedoch nicht zu den bedrohten Arten. Mit der Ernennung zum Tier des Jahres will die Deutsche Wildtier-Stiftung eigenen Angaben zufolge auf seinen Wert für das Ökosystem aufmerksam machen und generell auf die Bedeutung des Lebens und der Artenvielfalt unterhalb der Erdoberfläche. Hilmar Freiherr von Münchhausen, der Geschäftsführer der Deutschen Wildtier-Stiftung, ist überzeugt:

Der Name Maulwurf hat übrigens keinen Bezug zum Wort Maul, sondern ist von dem alten Wort „"Molte" (für "Erde") abgeleitet. Das Tier ist also, übersetzt ins heutige Deutsch, ein "Erdwerfer". Passt doch...

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„A- und B-Kinder“