AUSZEICHNUNG FÜR DÄNISCHEN SCHRIFTSTELLER

Autor Carsten Jensen: „Grenzkontrollen sind lächerlich“

shz.de/Martin Schulte
Flensburg
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Engagierter Europäer: Bestseller-Autor Carsten Jensen („Wir Ertrunkenen“) Foto: Marcus Dewanger/shz.de

Carsten Jensen, der am Donnerstag den Europapreis der Universität Flensburg erhalten hat, über Politik und Populismus.

Herr Jensen, nicht weit von hier stehen dänische Polizisten und kontrollieren alle Menschen, die die Grenze in Richtung Norden passieren. Was halten Sie von diesen Grenzkontrollen?

Sie sind lächerlich. Diese Polizisten sind da aus einem einzigen Grund, weil sie Menschen stoppen sollen, die anders aussehen als wir, mit dunklerer Hautfarbe zum Beispiel. Weil diese unter Verdacht stehen, Flüchtlinge oder Kriminelle zu sein. Das ist ein Beispiel, wie sich eine Demokratie über populistische Parolen in eine ethnische Demokratie verwandelt.

Dabei galt Dänemark immer als besonders liberales Land.

Dieses dänische Image eines offenen und demokratischen Landes, wie es Urlaubern verkauft wird, stimmt nicht mehr. Ich glaube vielmehr, dass Dänemark zu einer Art Populismus-Labor geworden ist, weil dieser Populismus hier schon seit den frühen 90er-Jahren existiert und zunehmend bestimmt, wie wir miteinander umgehen. Die Botschaft aus dem dänischen Labor an Europa ist: Die Parteien sollten nicht den Duktus der Populisten übernehmen.

Trotzdem lässt sich diese Entwicklung in einigen europäischen Ländern beobachten.

Ja, der Populismus nimmt überall zu, sogar in Deutschland, wo man bislang davon ausgehen konnte, dass es aus historischen Gründen heraus einen Widerstand gegen solche Entwicklungen geben sollte.

Warum gewinnen populistische Parteien und Politiker an Einfluss?

Es gibt eine große Angst unter den Menschen, dass der Sozialstaat abgebaut werden könnte – was ja auch zunehmend passiert, gerade nach der Finanzkrise im Jahr 2008. Die Populisten schieben die Schuld auf Flüchtlinge und Immigranten, dabei sind der ausufernde Kapitalismus und die europäische Austeritäts-Politik verantwortlich. Diese neoliberalen Prinzipien werden immer dominanter.

Was also sollte man tun?

Wir sollten über die Gründe für den Populismus reden, über die Ängste der Menschen. Und nicht die Sprache der Populisten übernehmen. Das wird sie nur stärken und die Wähler nicht zurückbringen. Wenn man aber auf die Sorgen der Menschen Antworten findet, haben die Populisten keine Chance. Und diese Antworten müssen auf europäischer Ebene gefunden werden.

Ist Europa nicht zu diffus?

Wir müssen trotzdem versuchen, eine europäische Identität zu entwickeln. Auch wenn eine große Skepsis bei den Bürgern existiert, weil sie das Gefühl haben, dass die Europäische Union in Teilen andere Interessen verfolgt als ihre Bürger. Das ist ein Legitimitätsproblem, das, so glaube ich zumindest, viel mit der restriktiven Fiskalpolitik zu tun hat. Die Europäische Union kann aber nur politisch stärker werden, wenn die Bürger das Gefühl haben, dass ihre Interessen verteidigt werden. Es müssen also die sozialen Probleme gelöst werden, dann wächst auch die europäische Identität.

Was ist mit dem französischen Präsidenten Macron? Kann er ein Bollwerk gegen den Populismus sein oder wird er in den Mühlen der Alltagspolitik zurechtgestutzt?

Macrons Erfolg hing auch mit Marine Le Pens unklaren Positionen gegenüber Europa zusammen. Viele Wähler dachten, sie wolle die Europäische Union verlassen. Aber das wollte und will die Mehrheit der Wähler in Frankreich nicht.

Also hat nicht Macron gewonnen, sondern Europa?

Das war gewiss ein Teil seines Erfolgs. Ich denke, er ist in einigen Widersprüchen gefangen: Er hat eine neue Bewegung gegründet, er ist ein Hoffnungsträger, aber auch in vielen Punkten ein Neoliberaler. Wenn er in diesem Bereich zu weit geht, also den Markt stärkt und die Sozialsysteme schwächt, dann wird er am Ende als Verlierer dastehen. Genauso wie Europa, denn eine schwache Union wird von der Globalisierung überrannt werden.

Mit dem Europa-Thema gewinnt man also Wahlen?

Ja. Alle schauen nach Großbritannien: Unter dem Brexit werden nicht die Europäer leiden, sondern die Briten. Das war ein eindeutiges Warnsignal an die übrigen Mitgliedsländer. Und ich bin mir absolut sicher, dass kein anderes europäisches Land für den Austritt votieren würde, wenn damit das sofortige Ende der europäischen Geldflüsse verknüpft wäre.

Das klingt jetzt nicht sehr idealistisch.

Das stimmt, aber wir müssen nicht immer und zu jeder Zeit Idealisten sein.

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