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Starke Zweifel: Kommt das Egtved-Mädchen doch nicht aus Deutschland?

Starke Zweifel: Kommt das Egtved-Mädchen doch nicht aus Deutschland?

Kommt das Egtved-Mädchen doch nicht aus Deutschland?

cvt/videnskab.dk
Kopenhagen
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Die Leiche des Mädchens wurde mit Haaren, Zähnen und Nägeln und bekleidet gefunden. Foto: Nationalmuseet/Roberto Fortuna/Kira Ursem, CC BY-SA 4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/)/

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Internationale Forschende ziehen dänische Ergebnisse in Zweifel. Neue Erkenntnisse und fehlende Daten lassen nicht den Schluss zu, dass der berühmte Bronzezeit-Fund aus dem Ausland stammt, meinen sie.

Sie wurde vor ungefähr 3.400 Jahren begraben – und vor 100 Jahren von einem Bauern entdeckt. Die Leiche einer jungen Frau aus der Bronzezeit, die das „Egtved-Mädchen“ genannt wird, beschäftigt die dänische Forschung und Öffentlichkeit immer wieder. Höhepunkt war 2015 eine Studie, die feststellte, dass das Mädchen gar nicht aus dem Gebiet stammte, welches heute Dänemark ist – sondern aus dem Schwarzwald.

Doch diese Darstellung einer Reihe von Forscherinnen und Forschern unter anderem des Nationalmuseums ist möglicherweise falsch.
Das haben mehrere Forscher nun „Videnskab.dk“ mitgeteilt, nachdem es bereits 2019 Kritik von Wissenschaftlern der Uni Aarhus an den Schlussfolgerungen der Studie gegeben hat.

„So unsicher wie ein Kartenhaus“

„Die Möglichkeit, dass das bronzezeitliche Mädchen aus Egtved in Dänemark geboren wurde, ist nicht auszuschließen“, sagt Professor und Geologe Zdzislaw Belka von der Adam-Mickiewicz-Universität (AMU) in Polen.

„Die Jury hat sich noch nicht entschieden“, sagt die Professorin für Archäologie und Geologin Jane Evans von der British Geological Survey.

Und Tamsin O'Connell, Professorin für biomolekulare Archäologie an der University of Cambridge in Großbritannien, sagt gegenüber „Videnskab.dk“, dass sich einige der Schlussfolgerungen der Studie als „so unsicher wie ein Kartenhaus“ erweisen könnten.

Egtved
Die Grabstätte des Egtved-Mädchens (Archivfoto) Foto: Morten Rasmussen/Biofoto/Ritzau Scanpix

Das Egtved-Mädchen

  • Gefunden wurde die Leiche in einem Baumsarg am 24. Februar 1921 vom Bauern Peder Platz
  • bei Egtved in der Kommune Vejle in Südjütland.
  • Sie wurde um 1370 v. Chr. bestattet.
  • Kleidung und Decken waren ebenso erhalten wie Teile der Leiche, unter anderem die Zähne und Haare.
  • Das Mädchen war etwa 1,60 Meter groß und 16 bis 18 Jahre alt.
  • Sie trug eine kurze Bluse mit halblangen Armen, einen Wickelrock, einen Gürtel mit bronzener Scheibe, einen Ohrring, Armreife und einen Kamm.
  • Als Beigaben wurden zwei Dosen gefunden, in denen unter anderem Bier und die verbrannten Knochen eines fünf bis sechs Jahre alten Kindes lagen. Möglicherweise war es ein Menschenopfer.
  • Es handelt sich um eine der am besten erhaltenen Bronzezeit-Bestattungen Europas.

Nationalmuseum gibt online weiter den Schwarzwald als Herkunft an

Hinter der historischen Studie des Egtved-Mädchens aus dem Jahr 2015 stehen eine Reihe von Sternen am dänischen Wissenschaftshimmel.

Die Gruppe wird von Karin Frei vom Dänischen Nationalmuseum und Robert Frei von der Universität Kopenhagen geleitet und umfasst so renommierte Professoren wie die frühere DNA-Detektivin Eske Willerslev und die aktuelle Präsidentin der Dänischen Wissenschaftsgesellschaft, Marie Louise Nosch.

Die Studie weist ausdrücklich darauf hin, dass das Egtved-Mädchen wahrscheinlich aus dem süddeutschen Schwarzwald stammt; eine Einschätzung, die auch das Nationalmuseum teilt:

„Tatsächlich wuchs sie mehrere hundert Kilometer von dem entfernt auf, was wir heute Dänemark nennen, wahrscheinlich im Südwesten Deutschlands“, schreibt das Nationalmuseum auf seiner Website.

Die Forschenden aus dem Ausland, die „Videnskab.dk“ befragt hat, sind weit davon entfernt, dieser Aussage zuzustimmen.

„Die Studie enthält nicht genügend Informationen“

Während sich argumentieren lässt, dass die Spuren ihrer Geburt von Dänemark wegweisen – siehe einen anderen Artikel auf Videnskab.dk, in dem die Argumente der Forscher detailliert dargelegt werden –, ist es ungesichert, die Aufmerksamkeit auf den Schwarzwald in Süddeutschland zu lenken, unter anderem basierend auf chemischen Analysen der Kleidung des Mädchens, sagen die Forschenden.

„Die Studie enthält nicht genügend Informationen, um die Qualität ihrer Daten zu beurteilen, und deshalb kann ich ihren Schlussfolgerungen nicht zustimmen“, sagt Tamsin O'Connell von der University of Cambridge gegenüber Videnskab.dk.

„Wäre ich Gutachterin dieser Studie gewesen, hätte ich gesagt, dass ich ihre Geschichte über das Reisemuster des Mädchens nicht akzeptieren kann, weil es keine ausreichende Konsistenz zwischen den Daten und den Schlussfolgerungen gibt“, fügt O'Connell hinzu.

Egtved
Die Wollkleidung des Mädchens von Egtved, fotografiert 2020 Foto: Roberto Fortuna, Kira Ursem, Nationalmuseet, CC-BY-SA https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/

Archäologe: „Haben einen Fehler gemacht“

Genau dieser Teil der Studie ärgert auch den Archäologieprofessor Kristian Kristiansen, eines der Schwergewichte hinter der sechs Jahre alten Studie.

„Wir haben 2015 einen Fehler gemacht, indem wir auf den Schwarzwald verwiesen haben“, schreibt er in einer E-Mail an „Videnskab.dk“.

Schilder wurden geändert

Im Nationalmuseum wurde entsprechend Anfang des Jahres die Beschriftung der Schilder geändert.

Jetzt heißt es, dass das Egtved-Mädchen „möglicherweise“ aus einem größeren Gebiet nördlich der Alpen stammt, und dass Gebiete wie Südschweden oder Bornholm „nicht ausgeschlossen werden können“. Das Museum weist auch darauf hin, dass andere Forscherinnen und Forscher mit den Interpretationen des Museums nicht einverstanden sind.

Kristiansen glaubt jedoch, dass die Schlussfolgerung über die Herkunft des Egtved-Mädchens außerhalb Dänemarks – wahrscheinlich in Deutschland – nach wie vor auf einer soliden Grundlage steht, wenn man die historischen Fakten berücksichtigt, die bei der Analyse archäologischer Funde aufgedeckt wurden.

Verfasser-Duo bereit zu Diskussion

In einer E-Mail an „Videnskab.dk“ sagen zwei der treibenden Kräfte hinter der Studie, die Professoren Robert Frei und Karin Frei, dass sie beschlossen haben, von nun an die verschiedenen Interpretationen in wissenschaftlichen Kreisen zu diskutieren.

„Wir erwarten nicht, dass alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unbedingt mit unseren Interpretationen übereinstimmen werden. Aber dass verschiedene Wissenschaftler dieselben Daten unterschiedlich interpretieren, ist in der wissenschaftlichen Welt nicht ungewöhnlich. Wir nehmen uns die unterschiedlichen Argumente zu Herzen und werden die Diskussion in Fachforen weiterführen“, schreiben die beiden in einer E-Mail.

„Es ist wichtig zu betonen, dass die ausländischen Forscher zwar der Meinung sind, dass es nicht bewiesen ist, dass das Egtved-Mädchen aus dem Ausland stammt, aber das ist noch lange nicht dasselbe wie zu sagen, dass sie in Dänemark geboren wurde. Auch dafür haben wir keine eindeutigen Beweise“, heißt es von den beiden.

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Anke Krauskopf
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