Nachruf

„Ritt Bjerregaard – Nie Fallobst “

Ritt Bjerregaard – Nie Fallobst

Ritt Bjerregaard – Nie Fallobst

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Siegfried Matlok und Ritt Bjerregaard Foto: DK4

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Ein Deutschland-politischer Nachruf zum Tode von Ritt Bjerregaard vom früheren Chefredakteur Siegfried Matlok

Für 499 Kronen kann man in Baumschulen des Landes Ritt Bjerregaard kaufen – den Apfelbaum „Malus domestica Ritt Bjerregaard“: 2003 benannt nach der Ex-Ministerin Ritt Bjerregaard, die sich seit 1988 mit eigener ökologischer Plantage auch als Apfelzüchterin einen Namen gemacht hatte. Die vor wenigen Tagen im Alter von 81 Jahren verstorbene sozialdemokratische Politikerin hinterlässt – nicht nur fruchtvoll – eine reichliche Ernte. Aber in ihrem politischen Lebenskorb liegen auch viele faule Äpfel, und doch Fallobst war sie nie!

Sie ist wohl die Person (m/w) in der dänischen Politik, die in ihrer langen Karriere persönlich die meisten Höhen und zugleich auch die meisten schmerzlichsten Tiefen erlebt hat. In den Nachrufen wird sie besonders als verdienstvolle Vorkämpferin für Frauenrechte gewürdigt. Blickt man zurück, dann muss man aus heutiger Sicht ehrlich feststellen, dass niemand – oft auch böse zwischen den Zeilen – so sexistisch behandelt wurde wie Ritt.

„Eiskönigin“ Ritt

Dass die Märchen-Figur der Schneekönigin von H. C. Andersen auf sie angewandt in eine „Eiskönigin“ verwandelt wurde, war noch milde. Dennoch ließ sie sich von Beschimpfungen und Verdächtigungen nicht aus der Bahn werfen, auch nicht nach ihrer Entlassung als Ministerin wegen einer angeblich zu teuren Übernachtung im Pariser Luxus-Hotel Ritz.

Gefragt vor mehr als einem Vierteljahrhundert, wer Dänemarks erste Staatsministerin werden würde, antwortete ich: Ritt Bjerregaard. Doch sie stand sich wohl zu oft auch selbst im Wege. Und die Männer-Welt war damals nicht reif für eine so umstrittene Politikerin, die trotz Polarisierung immer die Anerkennung im Volke fand, von allen nur mit ihrem Vornamen angesprochen und stets auch durch hohe persönliche Stimmenzahlen bestätigt zu werden.

Ritt und die DDR

Ihr Vater war während der deutschen Besatzungszeit Kommunist, was dazu führte, dass sie – 1941 auf Østerbro geboren – schon als Zwölfjährige durch die kommunistische Zeitung „Land og Folk“ in die DDR geschickt wurde. Dort nahm sie an einem Pfadfinderlager der „Jungen Pioniere“ von Ernst Thälmann am Berliner Werbellinsee teil, das immer mit dem Lied „Seid ihr bereit“ endete, worauf die Kinder im Chor „Immer bereit“ riefen. Diese kommunistische „Jugendsünde“ verfolgte Ritt auch in ihrer politischen Karriere. Als sie 1975 Unterrichtsministerin wurde, da wurden ihrer Schulreform von Kritikerinnen und Kritikern auch kommunistische Elemente nachgesagt.

Ritts Schulterschluss mit Egon Bahr

Der „Durchbruch“ als Politikerin gelang ihr Jahre zuvor – in ihrer Gegnerschaft zum dänischen EWG-Beitritt 1972. Diesen lehnte sie strikt ab, weil sie in der damaligen EWG – auch vor dem Hintergrund des Vietnam-Krieges – nur eine amerikanische Machtfiliale sah, nach ihrer Ansicht finanziert von Rechten und Schweineproduzenten. Der sozialdemokratische Staatsminister Jens Otto Krag nahm die Widerstandsgruppe um Ritt Bjerregaard und Svend Auken sehr ernst, sah dadurch vorübergehend sogar eine Gefahr für das dänische Ja. Krag trat nach der erfolgreichen Volksabstimmung sofort zurück und übergab das Ruder an Anker Jørgensen. Seine Aufgabe bestand auch darin, die gespaltene Sozialdemokratie wiederzuvereinigen, und die sogenannten Anti-Europäer wie Ritt zu integrieren, die 1971 ins Folketing gewählt worden war und bereits im September 1973 ihr erstes Ministeramt übernahm.

Die Deutschland-Frage spielte für Ritt Bjerregaard eine entscheidende Rolle Anfang der 80er Jahre, als die Sozialdemokratie – nun in der Opposition – die sogenannte Fußnoten-Politik betrieb, die zuletzt sogar Dänemarks Nato-Mitgliedschaft in Gefahr zu bringen drohte. Es ging um den Nato-Doppelbeschluss, um die Stationierung von US-Atomraketen in Deutschland und Europa. Die Sozialdemokraten in den nordischen Staaten bildeten eine operative Arbeitsgruppe gemeinsam mit Kollegen aus den Benelux-Ländern unter dem Namen „Scandilux“, um die atomare Aufrüstung zu stoppen. Deutsche Genossen waren als Observateure beteiligt, und insbesondere der SPD-Politiker Egon Bahr – einer der Architekten der Brandtschen Ostpolitik – war von größter Bedeutung für Ritt Bjerrregaard. Bahr sicherte den Mitgliedern nicht nur wichtige Informationen, sondern sorgte auch dafür, dass die dänischen Sozialdemokraten ihren Widerstand auf gleicher Welle mit der deutschen SPD organisieren konnten.

Ritts Wende nach dem Mauer-Fall

Als nach/trotz/wegen Doppelbeschlusses sich das Brandenburger Tor zu öffnen schien, und eine deutsche Wiedervereinigung plötzlich möglich war, da hatte Ritt Bjerregaard große Bedenken. Diese fasste sie in einem Artikel in der Tageszeitung „Politiken“ am 4.2.1990 unter der Überschrift „Danmarks nabo mod syd“ zusammen. Die Abhängigkeit von Deutschland hatte sie früher mit diesem Bild beschrieben: „Politisch und wirtschaftlich gehört Dänemark zur norddeutschen Tiefebene.“ Sie befürchtete einen „aggressiven Nachbarn im Süden“ und sprach sogar vom „Vierten Reich“. „Ein rationales Misstrauen von fünf Millionen gegenüber künftig 80 Millionen Deutschen“ sei nach ihren Worten notwendig, um eine deutsche Dominanz in Europa zu verhindern. Bei einer von Jørn Buch bei „Danmarks Radio“ geleiteten Rundfunkdiskussion zwischen Ritt und mir flogen verbal die Fetzen, und wenn Ritt in einem später herausgegebenen Buch behauptet, dass „der Fall der Berliner Mauer ihr die Augen öffnete“ und sie danach die Notwendigkeit erkannte, Deutschland – wie sie es formulierte – in Europa „einzubinden“, dann war das wohl eine Nachrationalisierung ihrer eigenen Position. Ihr Mann, der anerkannte Historiker Søren Mørch, definierte es drastischer: Die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit mit Deutschland sei „Logik selbst für Perlhühner“.

Ritt, Kohl und Merkel

Dass Ritt nun als engagierte Pro-Europäerin auch zur bundesrepublikanischen Politik Vertrauen fand, hing damit zusammen, dass sie als dänische EU-Kommissarin für Umwelt sogar privat in Mecklenburg-Vorpommern eine Kollegin als Umweltministein kennenlernte, der sie niemals eine Kanzlerschaft zugetraut hatte: Angela Merkel. Und in der Brüsseler EU-Zentrale lernte sie bei zahlreichen Verhandlungen auch Bundeskanzler Kohl schätzen, der mit seiner – wie sie es formulierte – „treppenpsychologischen Politik“ neues Vertrauen für das größere Deutschland in Europa schuf.

Unheilvoller Krebs

Nach ihren Jahren als EU-Kommissarin (1995-2000) und als Kopenhagener Oberbürgermeisterin von 2005 bis 2009 beendete sie ihre politische Karriere, ohne sich ihren Traum zu erfüllen, dänische Außenministerin zu werden, denn das Amt als Staatsministerin – das wusste sie – war nie in Reichweite. Ihre politische Stimme verstummte jedoch nie, im Gegenteil war sie nicht nur hinter den Kulissen in der Sozialdemokratie eine wichtige Akteurin, die auch den Weg zur ersten dänischen Staatsministerin Helle Thorning freimachte.

2015 wurde bei ihr unheilbarer Darmkrebs entdeckt, aber selbst diese schwere Krankheit trug sie offen bis zuletzt. Direkt von der Chemo-Behandlung im Reichshospital kam sie 2019 zu einem „DK4“-Fernsehinterview nach Christiansborg für mein Programm „Dansk-tysk med Matlok“ und sprach sich dabei für eine engere Zusammenarbeit mit Deutschland, aber auch für eine Stärkung der deutschen Sprache in Dänemark aus.

Sie machte es sich – aber auch anderen – nicht immer leicht. Ihr sprichwörtlicher Satz „Hellere kælling end en kylling“ verrät politisch und medial ihr großes Kämpferherz, das nun zwar nicht mehr schlägt und doch in der dänischen Politik weiterleben wird.

Link zum Podcast

Dansk-tysk med Matlok – Ritt Bjerregaard vom 27. März 2019

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Gerrit Hencke
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