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Chefdiplomat: Nach Zeitenwende nicht weniger, sondern noch mehr deutsche Verantwortung erwünscht

„Nicht weniger, sondern noch mehr deutsche Verantwortung erwünscht"

„Nach Zeitenwende: mehr deutsche Verantwortung erwünscht“

DN
Kopenhagen
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Ulrik Federspiel mit Siegfried Matlok im Innenhof von „Det Udenrigspolitiske Selskab“ in der Kopenhagener Amaliegade Foto: DK4

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Er saß an den Schalthebeln der dänischen Außen- und Sicherheitspolitik in entscheidenden Stunden für das Königreich: Der ehemalige Chefdiplomat Ulrik Federspiel spricht im Programm „Dansk-tysk med Matlok“ auf DK4  über seine Erlebnisse mit deutschen Kanzlern. Er bricht nicht den Stab über Angela Merkel und zweifelt nicht an Olaf Scholz.

Der langjährige dänische Chefdiplomat Ulrik Federspiel hat während seiner 37-jährigen Tätigkeit unter anderem die deutschen Kanzler Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Kanzlerin Angela Merkel aus nächster Nähe kennengelernt.

Mit Kohl hat er die entscheidenden Verhandlungen über das Edinburgh-Abkommen geführt, ohne das Dänemark nach seinen Worten vielleicht heute nicht mehr EU-Mitglied wäre. Nach der Zeitenwende von Bundeskanzler Scholz wünscht er sich nicht weniger, sondern sogar mehr deutsche Verantwortung in und für Europa.

In der Fernsehsendung „Dansk-tysk med Matlok“ auf „DK4“ sagte der Vorsitzende der Außenpolitischen Gesellschaft in Kopenhagen, er zweifle nicht an der Zeitenwende. Aber er kenne auch frühere Spitzenbeamte im Auswärtigen Amt, die in Gesprächen mit ihm noch immer erkennen lassen, dass sie an eine Rückkehr der guten, alten Zeiten mit Russland glauben. Diese deutsch-russische Zusammenarbeit liegt aber in Scherben und es wird auf lange Zeit keine Rückkehr zur früheren Entspannungspolitik mit Russland geben – auch nicht ohne Putin, betonte Federspiel.

Er erinnere sich noch an seine ersten Jahre im dänischen Außenministerium. Anfang der 90-er Jahre betrachtete man Deutschland als ökonomischen Riesen und zugleich als politischen Zwerg, aber es wurde schon damals die Hoffnung geäußert, dass Deutschland doch größere Verantwortung übernehmen möge. 

Er habe heute keine Zweifel an der Aufrichtigkeit der Zeitenwende. Natürlich müsse man auch auf die Haltung in der deutschen Bevölkerung Rücksicht nehmen, aber er hoffe doch sehr, dass die Deutschen ihren historischen Komplex überwinden, so Federspiel.

Er hob besonders die Rolle von Bundeskanzler Scholz hervor, der kürzlich mit Präsident Biden an einem Sonnabend im Weißen Haus ein Vier-Augen-Gespräch geführt habe. Dass keine anderen daran beteiligt waren, wertet der ehemalige Departementchef (Staatssekretär) im Staatsministerium und im Außenministerium als ein Indiz dafür, dass Scholz und Biden über die Möglichkeit eines Kriegsendes gesprochen haben. Zum Beispiel, um sich in stiller Diplomatie auch auf die Konditionen für ein mögliches Kriegsende vorzubereiten, obwohl dies leider nicht morgen kommen werde.

Europa als dritte Kraft

Die Weltordnung sei heute eine andere als 1990, aber kann Europa eventuell als dritte Kraft – neben USA und China – eine Rolle spielen? Federspiel zeigte sich erfreut darüber, dass die EU im Zuge des Ukraine-Krieges sogar gestärkt worden ist, aber auch die ökonomische Kraft Europas werde seiner Meinung nach nicht dazu führen, dass Europa in Zukunft global gleichwertig mit USA und China sein wird.

Wünscht kein föderales Europa

Er selbst sei kein Anhänger eines föderalen Europas, sagt Federspiel, der die deutschen Pläne für einen föderalen europäischen Bundesstaat nicht als realistische Zukunftsvision betrachtet. Man denke nur an die USA oder Frankreich, dann ist die Diskussion darüber doch gestorben, meint Federspiel, der aber durchaus die Notwendigkeit erkennt, dass die außen- und sicherheitspolitische Beschlusslage in der EU effektiver umgesetzt werden kann. Zwar spiele die Veto-Frage zurzeit keine Rolle, weil bisher stets durch Verhandlungen Einigkeit erzielt werde. Eine Änderung der Europäischen Verträge aber werde es zu einem bestimmten Zeitpunkt wohl geben müssen, sagte Federspiel, wobei er die dänische Volksabstimmung über den Beitritt zur EU-Verteidigungspolitik ausdrücklich begrüßte. 

War Merkel naiv?

Im Fernseh-Interview mit Siegfried Matlok spricht Federspiel auch eingehend über Angela Merkel und erzählt, dass die Kanzlerin die dänische Kriegsteilnahme im Irak an der Seite der USA vertraulich begrüßt habe. Sie werde zwar verfassungsrechtlich an einer deutschen Beteiligung gehindert, doch habe sie es – laut Federspiel – für wichtig gehalten, dass mit Dänemark ein europäischer Partner an die Seite der USA getreten ist.

Die große Frage nach dem Ukraine-Krieg „War Merkel naiv?“ lässt Federspiel so nicht gelten. Er habe Verständnis dafür, dass Merkel nach einer insgesamt doch erfolgreichen Kanzlerinnenschaft mit ihrer Antwort auf diese Frage bisher zurückhaltend sei. Die Vergangenheit könne nicht allein mit den Prämissen der Gegenwart beurteilt werden. Wer weiß, ob nicht in zehn Jahren das von Merkel gemeinsam mit Frankreich betriebene Minsker Abkommen mit Russland und der Ukraine, das einen Sonderstatus für den Donbass vorgesehen hat, vielleicht doch als Grundlage für einen kommenden Frieden dienen kann?

Federspiel ist deshalb nicht bereit, jetzt den Stab über Angela Merkel zu brechen.

Diskussion über Einladung an Helmut Kohl

Im Interview auf „DK4“ geht es uner anderem um eine Parallele zwischen den Schützengräben im Ersten Weltkrieg und dem Ukraine-Krieg, um den Westfälischen Frieden nach dem 30-Jährigen Krieg als Vorbild für eine eventuelle Friedenslösung, um die Zeitenwende in der Energiepolitik, um eine höchst umstrittene Einladung an Bundeskanzler Kohl zur Teilnahme an den dänischen Festlichkeiten 1995 zur Befreiung vor 50 Jahren – und auch um die besondere Rolle seines Vaters, Per Federspiel.

Das gesamte Interview findest du auf Seite von „DK4“ unter https://youtu.be/XD62jJS_-L4
 

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Leitartikel

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Doppelter Wechsel auf dänischer Seite“