Diese Woche in Kopenhagen

„Traumstadt“

Traumstadt

Traumstadt

Kopenhagen
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Dronning Louise Bro in Kopenhagen. Foto: Walter Turnowsky

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Walter Turnowsky findet auf einer Brücke die letzte freie Bank, lässt die Stadt an sich vorbeiziehen und die Gedanken schweifen.

Als ich die „Burg“ verlasse, sind ein paar Skateboarder auf dem Vorplatz unterwegs. Die Treppen und Absätze hier sind auch allzu einladend.

Während ich Strøget überquere, bemerke ich mehr Leben in der Fußgängerzone als noch vor Kurzem. Auch auf den Radwegen herrscht wieder mehr Normalität, was in Kopenhagen so viel heißen will wie mehr Rempeleien. Doch selbst das wirkt in diesen Zeiten fast beruhigend.

Auf der Dronning Louises Bro lasse ich mich nieder. Ich bin nicht der Einzige; gerade noch erwische ich die letzte freie Bank. Kurz darauf lassen sich auch zwei junge Männer auf ihr nieder. Den vorgeschriebenen Corona-Abstand können wir fast einhalten.

Kopenhagen der Träume

Die Sonne ist eher blass, und daher ist es nicht so besonders warm. Doch auf der Brücke geht es dennoch lebendig zu. Die Kopenhagener in allen Farben, Formen und Klamotten strömen vorbei.

Die Gespräche sind lebhaft, ja fröhlich. Fast mag man an so etwas wie Normalität glauben.

Es herrscht reges Treiben auf der Dronning Louises Bro. Foto: Walter Turnowsky

Ein Song der Band „Love Shop“ geht mir durch den Kopf: Drømmenes København. Und irgendwie ist die Brücke genau der richtige Ort, um davon zu träumen, dass Kopenhagen, das Land, die Welt wieder so einigermaßen werden wie früher.

Mettes Plan

Denn selbst im tiefsten Winter war die Dronning Louises Bro so etwas wie eine Oase inmitten des Shutdowns und der Restriktionen. Man traf sich auch in der Kälte hier. Im vergangenen Frühling wurde sie zwar zum Hotspot erklärt. Polizisten wachten darüber, dass die menschliche Nähe nicht zu nah wurde. Doch kaum waren die Polizisten verschwunden, haben die Kopenhagener die Brücke schon wieder eingenommen.

Der Traum von der Normalität erhält Nahrung von der Tatsache, dass Mette am Dienstag nun endlich einen langfristigen Plan für eine Wiedereröffnung vorstellen möchte. Während ich diese Zeilen schreibe, erreicht mich dann auch die Nachricht, dass bereits ab Montag ein wenig gelockert wird.

Vielen von uns würde der Gedanke an eine wohlfrisierte Stadt in noch höherem Maß den Schlaf rauben.

Kollege Boris in London hat einen langfristigen Plan bereits vor einem Monat vorgestellt. Allmählich braucht man (ich) die Möglichkeit, ein wenig länger als nur wenige Tage oder Wochen im Voraus planen zu können. Man will sich auf etwas freuen dürfen. Wieso Mette dies nicht früher verstanden hat, gehört zu den Rätseln der Corona-Politik.

Geht's auch lauter?

Aus der Kopenhagener Lokalpolitik kam in dieser Woche auch eine (aus meiner Sicht) positive Nachricht: Ein angedachter Plan zur Regulierung des Nachtlebens wurde vom Tisch gefegt. Geplant war, in gewissen Zonen den Verkauf von Alkohol im Einzelhandel nach 22 Uhr zu verbieten, Versammlungsverbote an gewissen Plätzen auszusprechen. Dass einige Politiker durch die Corona-Maßnahmen auf dumme Gedanken kommen würden, war ja zu befürchten.

Die späte Nachmittagssonne spiegelt sich in den Fenstern. Am Himmel blickt hoffnungsvolles Blau durch. Foto: Walter Turnowsky

Doch da hatten sie die Rechnung ohne die Kopenhagener gemacht. Schon möglich, dass wir des Nachts auch gerne mal ohne Lärm schlafen möchten. Aber vielen von uns würde der Gedanke an eine wohlfrisierte Stadt in noch höherem Maß den Schlaf rauben.

Die Politiker haben so relativ kurz vor den Kommunalwahlen den Widerstand recht schnell mitbekommen, und einer nach dem anderen erklärten sie, es sei nicht ihre Idee gewesen. Und so gingen dem Plan die Anhänger verloren.

Sicher, hier und dort wird mal über die Stränge geschlagen, und das darf auch gerne unterbunden werden.

Doch letztlich wird Kopenhagen – und das ist kein Traum – so bleiben, wie es bleiben soll: laut und widerspenstig.

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