Kulturkommentar

„Christiania: Zwischen Kulturschock und Farbenpracht“

Christiania: Zwischen Kulturschock und Farbenpracht

Christiania: Zwischen Kulturschock und Farbenpracht

Kopenhagen/Christiania
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Der Eingang zu Christianias „Pusher Street" Foto: Donna Scherlinzky

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Der Freistaat Christiania ist ein einzigartiger Ort. Das habe ich bei meinem Besuch in Kopenhagen bemerkt, als ich auf einen Ausflug in die alternative Wohnsiedlung gegangen bin. Welche Kulturschocks und Eindrücke ich mitgenommen habe, könnt ihr hier lesen.

Bunt und frei: Das ist die Stadt Christiania, die sich seit 1971 im Kopenhagener Bezirk Christianshavn auf einem verlassenen Militärgebiet angesiedelt hat. Bevor ich nach Dänemark (Apenrade, um genau zu sein) für mein Praktikum gezogen bin, hatte ich noch nie davon gehört.

Im Rahmen meines Trips in die Hauptstadt zusammen mit meiner Kollegin Hanna Wetzel, habe ich zum ersten Mal von dem Freistaat gehört. Die ersten zwei Informationen, die ich hatte? Im August gab es eine Schießerei in Christiania. Außerdem ist der Drogenhandel groß in der Stadt. Dementsprechend nervös war ich.

Bei unserer dreistündigen Zugfahrt habe ich erst einmal recherchiert: Was hat es mit diesem Christiania auf sich, dass die kleine Freistadt mitten in Kopenhagen eine so beliebte Sehenswürdigkeit ist? Das fand ich nach nur wenigen Google-Suchen raus: Die Stadt hat ihre eigenen Gesetze, die ganz simpel festgehalten sind.

Das ist Christiania: Auf dieser Karte ist das gesamte Gebiet der Stadt aufgezeichnet. Foto: Donna Scherlinzky

Alle können sein, wie sie wollen, solange sie rücksichtsvolle Mitglieder der Gemeinschaft sind. Erlaubt sind keine Waffen, harten Drogen und Gewalt. Zudem achtet die Stadt strikt darauf, dass es eine autofreie Zone ist. 

Bei meiner Recherche bin ich allerdings auch auf Artikel und Blogeinträge gestoßen, die Christiania als sehr unsicher und ungemütlich beschrieben haben – dadurch habe ich schon Respekt für diesen Ort entwickelt. 

Kein Bild, das ich mir im Voraus zu Christiania gemacht hatte, konnte am Ende aber dem Freistaat gerecht werden. Für mich war der Besuch ein einziger Kulturschock.

Christiania ist einfach bunt. Überall ist Graffiti. Bei unserem ersten Durchgang durch die Stadt bin ich geradezu überwältigt von all den Farben dort. Fast verdecken sie manche der schäbig wirkenden Orte – denn stellenweise finden sich in Fenstern Löcher, die davon zeugen, dass es sich hier um ein altes Militärgelände handelt, das die Menschen aus Christiania in den 70ern eingenommen haben.

Wallart in Christiania: Die angemalten Wände in der Stadt kaschieren die löchrigen Fenster. Foto: Donna Scherlinzky

Es dauert, bis ich diesen Kulturschock verarbeiten kann. So viel Buntes auf einem Fleck sehe ich nicht oft.

Irgendwie ist es ein komisches Gefühl, durch die Straßen Christianias zu laufen, gerade zu Beginn. Mir kommt es sehr schnell so vor, als würde man genau wissen, dass Hanna und ich nicht an diesen Ort gehören. Wahrscheinlich wirken wir nervös, nicht sicher, was uns erwarten wird.

Erleichtert bin ich trotzdem, wir sind nicht die einzigen Touristen hier. Immer wieder fotografieren andere Menschen beliebte Instagram-Spots. Ansonsten würde ich mich noch viel unwohler fühlen.

Wir laufen an einer Mülldeponie mit Upcycling-Laden und kostenlosen Büchern vorbei, und dann sehen wir sie: den Ursprung meiner Paranoia. Die sogenannte Pusher Street, in der offen Drogen verkauft werden. Mehrere Schilder mit durchgestrichenen Kameras machen klar deutlich, dass Fotografieren hier nicht erlaubt ist, deswegen lasse ich mein Handy tief in der Tasche stecken. An einer Mauer steht in Dänisch geschrieben:

Kauf Dein Haschisch hier

Kaufe Dein Kokain bei

Kbhs Polizei

Übersetzung der Inschrift an der Mauer vor der Pusher Street Christianias.

Das soll darauf hinweisen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner von Christiania starke Drogen von Anfang an nicht toleriert haben. Doch auch der Haschischhandel zieht zunehmend gefährliche Situationen an, wie die oben bereits genannte Schießerei, die es im August gab. Jetzt möchten die „Christianitten“ auch diesen loswerden. Die Inschrift stammt offensichtlich von den Dealern.

Beim ersten Rundgang trauen wir uns nicht, die Pusher Street zu betreten, es braucht einen zweiten Versuch, bei dem wir mutig genug sind. Kaum sind wir drin, habe ich das Bedürfnis, wieder zu gehen. Ich sehe kaum Frauen, lediglich eine, die halb auf ihrem Rad sitzt und bei einem der Dealer etwas kauft. Ansonsten sind hier Männer, so weit das Auge reicht.

Ich fühle mich unwohl wie lange nicht. Da traue ich mich nicht, nach links oder nach rechts zu sehen – lieber will ich keinen Blickkontakt mit irgendwelchen Menschen aufnehmen, die ich nicht einschätzen kann.

Bei einem kann ich mir sicher sein: Pusher of the Day war ich garantiert nicht. Foto: Donna Scherlinzky

Das erste Mal aufatmen kann ich, als wir schließlich die Straße verlassen haben und wieder in einem für mich sicheren Gebiet stehen. Nie wieder Pusher Street.

Wohler in Christiania fühle ich mich, als ich das erste Mal in einen der Läden gehe. Ein süßes Café, in dem auch noch ein kleiner Laden ist, wo ich mir als Mitbringsel einen kleinen Engel kaufe, den ich zu Weihnachten an den Weihnachtsbaum hängen werde.

Dabei trete ich in Kontakt mit einer älteren Frau, die vielleicht auch schon eine der ersten Einwohnerinnen Christianias war. Irgendwie beruhigt es mich zu wissen, dass süße ältere Frauen ebenfalls hier wohnen, das lässt mich bei meinem restlichen Rundgang durch Christiania etwas mehr entspannen.

Die alternative Wohnsiedlung ist auf jeden Fall einzigartig. 

Am Ende sind Hanna und ich trotzdem erleichtert, den Freistaat Christiania zu verlassen. Denn, wie ich am Ende zu ihr sage: „Ich bin schon ein kleiner Schisser.“

Vielleicht komme ich auch irgendwann wieder, dann halte ich mich aber ganz sicher von der Pusher Street fern.

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