Leitartikel

„Ich denke – also liege ich ziemlich oft daneben“

Ich denke – also liege ich ziemlich oft daneben

Ich denke – also liege ich ziemlich oft daneben

Apenrade/Aabenraa
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Wie entstehen Vorurteile? Cornelius von Tiedemann meint, dass sie eine zwangsläufige Folge des Umstandes sind, dass wir Menschen das Nachdenken gerne nachlassen.

Waren wir alle, die wir das Mittel von Pfizer/Biontech bekommen haben, nicht irgendwie froh, dass es der „gute“ Impfstoff war – und nicht Astrazeneca?

Ja, waren wir. Dabei gilt der letztgenannte Impfstoff selbst bei der dänischen Gesundheitsbehörde, die ihn hierzulande abgeschafft hat, keineswegs als gefährlich. Im Gegenteil, er hat weltweit schon Abermillionen Menschen gegen Covid-19 beschützt. Und nur bei ganz wenigen treten schwere Komplikationen auf. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt den Impfstoff uneingeschränkt – und das würdigt die dänische Behörde auch in ihren Berichten.

Doch die Experten haben im April nachgerechnet und sind zu dem Schluss gekommen, dass so viele schon geimpft sind und nur noch so wenige Menschen in Dänemark an Covid-19 sterben, dass das unwahrscheinlich geringe Risiko, durch Astrazeneca schwer zu erkranken, lieber nicht eingegangen werden soll.

Eine Entscheidung, die man ohne das nötige Fachwissen schlicht respektieren muss. Die aber, auch wenn sie gar nicht wirklich bedeutet, dass Astrazeneca als gefährlich eingestuft wird, unweigerlich zum schlechten internationalen Ruf des Impfstoffes beiträgt – und so vielleicht auch dazu, dass einige Menschen Angst vor der Impfung haben und lieber verzichten.

Nein, die dänische Gesundheitsbehörde ist nicht dafür verantwortlich, wenn sich Menschen in anderen Ländern nicht impfen lassen. Dafür sind diese Menschen schon selbst zuständig.

Doch leider lesen ja nicht weltweit alle, so wie wir in Dänemark es natürlich ausgiebig getan haben, die vollständigen Berichte der dänischen Gesundheitsbehörde zum Thema. Stattdessen hören sie in den Nachrichten, dass Dänemark Astrazeneca nicht mehr verabreicht, um Risiken zu minimieren.

Und schon sitzen wir in einer Falle, die zutiefst menschlich ist.

Denn wir halten uns zwar für rationale Wesen, die deshalb sind, weil sie denken. Doch in Wahrheit tun wir das in der Regel im Autopilot-Modus oder zumindest im Halbautomatik-Modus, indem wir nur noch kurz entscheiden, ob wir unseren Schlussfolgerungen vertrauen wollen – oder ob wir noch mal nach-denken sollten.

Wir Menschen sind darauf gepolt, aus unvollständigen Informationen innerhalb (zu) kurzer Zeit Antworten zu entwickeln, um nicht jedes Detail des Alltags (neu) bedenken zu müssen. Um also nicht ständig nachdenken zu müssen.

Doch selbst die Gescheitesten von uns, diejenigen, die gerne und schnell und vor allem mit optimalem Ergebnis nachdenken, verfallen immer wieder der bequemen Kunst der Heuristik, also des abgekürzten Denkens.

Dabei sind so gefundene Antworten anfällig für Trugschlüsse. Sie können nie mehr als das Ergebnis bloßer Mutmaßung sein.

Ein Beispiel unter etlichen: Gibt es mehr Morde oder mehr Selbstmorde? Von Morden wimmelt es in den Medien, in Serien und Filmen und in Krimis. Gefühlt und in gewisser Weise erfahren, gibt es also unsäglich viele Morde. Von Selbstmorden hören wir hingegen nur selten.

Doch tatsächlich bringen die Menschen in Friedenszeiten eher sich selbst um als einander. Die meisten Menschen kommen nicht zu diesem Schluss – und sind sich relativ sicher, dass es mehr Morde gibt.

Um zu einem schnellen Ergebnis zu kommen, setzen wir Menschen eben nicht unbedingt auf Wissen – sondern auf Hörensagen, subjektive Erinnerungen und Bauchgefühl. Wodurch es nicht nur zu Trugschlüssen, sondern auch zu Vorurteilen kommt. Gegen Minderheiten, gegen Kulturen oder Techniken – und auch gegen Impfstoffe.

Es gab wenige, aber eindrückliche Berichte über schwerwiegende Nebenwirkungen. Und dann gab es die Nachrichten, dass in Dänemark ganz, in anderen Ländern je nach Altersgruppe auf den Impfstoff verzichtet wird.

Das hat den Kurz-Schluss bei vielen ausgelöst, dass Astrazeneca irgendwie gefährlich sei.

Dabei ist das Gegenteil der Fall: Es hilft, uns zu schützen und ist vielerorts, wo noch nicht so viele geimpft sind wie bei uns, ein Segen. Zum Beispiel in den Ländern, die nun die nicht verwendeten dänischen Astrazeneca-Dosen bekommen haben.

Das verstehen hoffentlich alle, auch ohne viel darüber nachzudenken.

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