Identität

„Who we are“ – digitale Minderheitenausstellung soll zum Mitmachen animieren

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Who We Are
Eine Schau, die man bequem von zu Hause aus besuchen kann. Minderheitenangehörige können selbst Beiträge hochladen, die dann auf einer Karte erscheinen.

Wie verschieden können Menschen innerhalb von Minderheiten sein? Eine Antwort soll das Projekt „Who we are“ geben – eine digitale Ausstellung, bei der Minderheitenangehörige weltweit über eine Internetseite selbst mit Beiträgen mitwirken und sich vernetzen können. Zum Start geben neun Menschen aus dem Grenzland in Videos und Podcastfolgen Einblick in ihr Leben in der Minderheit.

„Hier wird etwas für die nachkommende Generation hinterlassen. Jeder, der sich hieran beteiligt, beteiligt sich auch an den Menschen“, sagt Matthäus Weiß in Sankelmark auf dem Launch-Event für eine neue, interaktive Minderheitenausstellung.

In der Brust von Matthäus Weiß schlagen zwei Herzen. Weiß ist Kieler und Sinto. Seit 1993 ist er Landesvorsitzender der Sinti und Roma. Er ist einer derjenigen, die sich für das Projekt „Who we are“ (dt. Wer wir sind) vor die Kamera und ans Mikrofon gestellt haben. 

In Podcasts und Videos haben insgesamt neun Minderheitenangehörige aus dem Grenzland den Grundstein für die vom Bundesinnenministerium geförderte Ausstellung gelegt, die, so hofft Projektmitarbeiter Leon Bossen vom Minderheitenkompetenznetzwerk (MKN), weiter wächst und Minderheiten über Grenzen hinweg vernetzt. 

Die Ausstellung soll Angehörige von Minderheiten dazu animieren, über eine Webseite selbst Teil der Ausstellung zu werden.

Matthäus Weiß: Wir sind am Ende nur Menschen

Hier wird etwas für die nachkommende Generation hinterlassen. Jeder, der sich hieran beteiligt, beteiligt sich auch an den Menschen.

Matthäus Weiß

Weiß ist an diesem Nachmittag angeschlagen, spricht mit heiserer Stimme. Trotzdem ist er da. Es ist eine Herzensangelegenheit. Er macht in seinem Beitrag deutlich, dass die Minderheit immer etwas anderes als die Mehrheitsbevölkerung sei. Mit einem großen Aber: „Wir sind am Ende nur Menschen. Mehr wollen wir nicht sein“, sagt er. 

Für Weiß war die Teilnahme etwas Besonderes. Er habe durch die Zusammenarbeit neue Perspektiven erhalten.

Neben Matthäus Weiß ist an diesem Nachmittag noch Kirsten Futtrup anwesend. Trotz anfänglicher Skepsis sei es sehr spannend gewesen, an dem Projekt mitzuwirken. Sie gehört der dänischen Minderheit an und berichtet über ihr Aufwachsen in Dänemark und Südschleswig. 

Matthäus Weiß
Matthäus Weiß engagiert sich seit 40 Jahren für die Sinti und Roma in Schleswig-Holstein.

Ich bin integrierter Däne mit dänischer Staatsangehörigkeit, geborener Deutscher und nun beides zugleich. Ich kann mich weder als deutsch noch als dänisch einordnen und wähle den Mittelweg: Ich bin Nordschleswiger.

Leif Curdes

„Man kann es bei vielen jungen Menschen merken, die von hier kommen, wie beschwerlich es besonders im Jugendalter ist, Stellung zu beziehen – wer bin ich und warum?“, so Futtrup. Diese Selbstreflexion sei im weiteren Leben besonders wertvoll. Das Leben sei nicht nur schwarz und weiß, sagt sie.  

Leif Curdes: Projekt bringt Nähe mit

Aus der deutschen Minderheit haben Kulturkonsulent Uffe Iwersen und Leif Curdes von den Jungen Spitzen teilgenommen. Nach Sankelmark zum Launch-Event konnten beide zwar nicht kommen, dem „Nordschleswiger“ haben sie aber vorab über ihre Erfahrungen berichtet. 

„Dass wir in den Minderheiten selbst eine Stimme durch dieses Projekt bekommen, bringt auch ein gewisses Element der Nähe mit, von welchem die Konsumentinnen und Konsumenten der Ausstellung sicherlich profitieren werden“, sagt Curdes, der sich nach zwölf Jahren in der deutschen Minderheit inzwischen als Nordschleswiger identifiziert. 

„Ich bin integrierter Däne mit dänischer Staatsangehörigkeit, geborener Deutscher und nun beides zugleich. Ich kann mich weder als deutsch noch als dänisch einordnen und wähle den Mittelweg: Ich bin Nordschleswiger.“

„Who we are“ könne Minderheiten vernetzen, Menschen zusammenbringen, Informationen vermitteln und aufklären, bevor es zu Missverständnissen kommen kann, ist Curdes sicher. „Die Minderheiten sind super Beispiele dafür, wie sich Volksgruppen begegnen, austauschen und verständigen können. Hiervon können Menschen vielerorts einiges lernen.“

Who We Are
Die Ausstellung soll auch ohne Internet erlebbar sein. Auf Roll-ups sind die neun Minderheitenangehörigen und ihre Geschichte zu sehen – hier Leif Curdes, im Hintergrund Kirsten Futtrup aus der dänischen Minderheit.

Uffe Iwersen: Es entsteht ein Gesamtbild

Es werden so auch unterschiedliche Ecken unseres Grenzlandes gezeigt, bei mir insbesondere Bülderup-Bau – ein Ort, der eher selten gezeigt wird.

Uffe Iwersen

Das sieht auch Uffe Iwersen so. „Das Besondere an dem Projekt ist, dass die Minderheiten im Grenzland durch verschiedene Einzelpersonen mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen und Hintergründen gezeigt und somit zu einem Gesamtbild zusammengefügt werden. Die Verschiedenheiten und Unterschiede werden so sichtbar.“ 

Ihm sei das besonders in der Podcast-Folge mit Leif Curdes aufgefallen, in der es um unterschiedliche Minderheitenaspekte ging. „Das war sehr interessant, weil Leif und ich komplett unterschiedliche Hintergründe haben. Dieses Gespräch hat deutlich gezeigt, dass Minderheit vielfältig gelebt werden kann, dass es jedoch auch immer ein gemeinsames Fundament gibt.“

Die Videos würden das Ganze zusätzlich attraktiv machen, so Iwersen. „Es werden so auch unterschiedliche Ecken unseres Grenzlandes gezeigt, bei mir insbesondere Bülderup-Bau – ein Ort, der eher selten gezeigt wird.“ 

Ausstellung soll keine Klischees reproduzieren

Um die unterschiedlichen Menschen innerhalb einer Minderheit soll es in der Schau gehen. Minderheiten sollten bei dem Projekt nicht erneut als geschlossene und homogene Gruppe dargestellt werden, sagt Leon Bossen. „Wir erleben im Grenzraum täglich, wie lebendig, vielfältig und engagiert unsere Minderheiten sind, und gleichzeitig, wie wenig immer noch verhältnismäßig in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird.“ Vieles werde vereinfacht dargestellt oder auf wenige Schlagworte reduziert. Die neue Ausstellung sollte diese Vereinfachungen nicht wieder reproduzieren. Auch das Thema Sichtbarkeit sollte eine ganz besondere Rolle spielen. 

Mitmach-Webseite für Stimmen aus den Minderheiten

Lebenswege, Meinungen, Erfahrungen, Brüche im Leben, Stärken und Zweifel: Das alles kann unabhängig von Alter und Haltung bei „Who we are“ Raum bekommen. „Uns war klar: Wenn wir eine Ausstellung machen, muss sie diese Vielfalt zeigen“, sagt Leon Bossen. Daher sollte das Projekt auch möglichst offen gestaltet werden.

„Entstanden ist eine Webseite, auf der Menschen aus Minderheiten Videos, Fotos, Texte und persönliche Geschichten hochladen und ihre Orte und Traditionen präsentieren können.“ So werde aus einem abstrakten Begriff wie „Minderheit“ ein Mensch, so der Projektinitiator.

Auf „who-we-are.org“ sind zunächst die Videos und Podcastfolgen der neun Angehörigen aus deutscher und dänischer Minderheit, der friesischen Volksgruppe und der Sinti und Roma zu sehen. 

Leon Bossen
MKN-Projektmitarbeiter Leon Bossen (Mitte), Matthias Runge von Firebird Productions (rechts) und Webentwickler Elias Arndt freuen sich über den Start der digitalen Ausstellung.

Ausstellung digital – aber auch offline

Webseite von „Who We Are“:
Blick auf die Webseite von „Who We Are“: Hier können Minderheitenangehörige eigene Beiträge hochladen, eingereichte Beiträge über die Story-Map finden und ansehen oder über eine Filterfunktion einzelne Minderheiten-Beiträge aufrufen.

Parallel zur digitalen Plattform ist eine analoge, modulare Ausstellung aufgebaut worden. Sie zeigt die Inhalte von „Who We Are“ auf Roll-ups. Über QR-Codes sind diese direkt mit der Online-Ausstellung verknüpft. Sie kann künftig in Museen, Schulen, Konferenzzentren, Kulturhäusern oder bei Veranstaltungen gezeigt werden und schlägt so die Brücke zwischen Bildschirm und Begegnungsraum, heißt es. 

Ausstellung ohne konkretes Ende

Deutsche Minderheit
Die deutsche Minderheit hat für den Kick-off des Projekts einen Beitrag geleistet.

Damit das Projekt so richtig ins Rollen kommt und sich möglichst viele Menschen aus autochthonen Minderheiten daran beteiligen, sollen unter anderem eine Werbekampagne gestartet und intensiv Social Media genutzt werden. „Who We Are“ hat kein Enddatum und soll zunächst für die kommenden Jahre bestehen. 

Zur Plattform „Who We Are“.