Deutsche Minderheit

Neues Buch: Spionage im Grenzland liefert überraschende Erkenntnis

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Thomas Wegener Friis ist Mitherausgeber des Buches „Spionage im Grenzland – Nachrichtendienste in Schleswig-Holstein und Süddänemark".

Thomas Wegener Friis zufolge sind Minderheiten für Geheimdienste grundsätzlich interessant. Er ist Mitherausgeber eines Buches, das sich mit dem Auskundschaften der deutschen und der dänischen Minderheit befasst. Beim deutsch-dänischen Vergleich stellte er etwas Erstaunliches fest.

„Nachrichtendienste sind selten kooperativ“, sagt Thomas Wegener Friis, Direktor des Centers for Cold War Studies an der Syddansk Universitet. Spuren der Tätigkeiten in Form von Akten lassen sich aber trotzdem finden, und so gibt der Wissenschaftler mit anderen ein Buch heraus, das sich mit Spionage beiderseits der deutsch-dänischen Grenze beschäftigt und am 27. Juni im BeBra Wissenschaft Verlag erscheint. Es trägt den Titel „Spionage im Grenzland – Nachrichtendienste in Schleswig-Holstein und Süddänemark“.

Beide Grenzregionen, Nord- und Südschleswig, kommen in dem Buch vor – mit zwei Minderheiten, die dort ihr Zuhause haben: der deutschen Minderheit in Nordschleswig und der dänischen Minderheit in Südschleswig. Der Historiker Jon Thulstrup, ehemaliger Forschungsleiter der deutschen Minderheit, hat zwei Artikel beigesteuert, die sich mit geheimdienstlichen Aktivitäten in Nordschleswig vor und nach 1945 befassen.

Minderheiten für Spione interessant

Das Abtauchen in die Akten und in die Beiträge der Autoren war für Thomas Wegener Friis eine spannende Angelegenheit und hat den Forscher teilweise selbst überrascht. Doch vor der Überraschung die Erkenntnis: „Minderheiten sind für die Geheimdienste des Staates, in dem diese Minderheiten wohnen, immer interessant. Eine Minderheit fordert den Staat heraus“, so Wegener Friis. Dieser Staat will offenbar gern wissen, woran er ist.

„Für mich überraschend ist, dass auf dänischer Seite die geheimdienstliche Überwachung der deutschen Minderheit deutlich früher eingestellt wurde als vergleichbare Aktivitäten südlich der Grenze.“ Dort hatte der deutsche Verfassungsschutz die dänische Minderheit im Auge. Mit Blick auf die deutsche Vergangenheit – auf den Nationalsozialismus, den Krieg und die Besetzung Dänemarks durch die Wehrmacht – liegt die Vermutung nahe, dass das Beobachten der Deutschen durch die Dänen im Königreich länger währte. Dem war laut Wegener Friis nicht so. Er liefert in dem Buch den Beitrag: „Die dänische Minderheit unter der Lupe“.

Ein großes Puzzle

Teil dieser Überwachung waren geheime Informanten, sogenannte V-Leute. „Über sie werden wir nie etwas erfahren, aber Akten geben Aufschluss darüber, wann sie wo anwesend waren“, so Thomas Wegener Friis, der von einem großen Puzzle spricht, das zusammengesetzt werden musste. Und wird man auf der einen Seite nicht fündig, dann vielleicht auf der anderen, weil der dortige Geheimdienst die Aktivitäten der „Kollegen“ auch überwachte.

Bleibt zum Schluss noch etwas Versöhnliches: „Es ist einfach, Feindbilder aufzubauen, das geht sehr schnell – sie abzubauen dauert“, sagt Thomas Wegener Friis, und mit Blick auf das Grenzland kommt er zu dem Schluss: „Spionage ist aber kein Naturzustand.“ Wenn Staaten zu der Erkenntnis gelangen, dass Minderheiten keine Gefahr darstellen, kann Spionage auch Geschichte werden.