Einsatz für Gleichberechtigung

Frauen, die in Nord- und Südschleswig Geschichte machten

Veröffentlicht Geändert
Lis Mikkelsen (stehend) erläuterte ihren Beitrag zum Jahrgang 2025 der „Sønderjyske Årbøger“ über die Politikerin Ingeborg Refslund Thomsen während der Präsentation der Jahresschrift im Apenrader Folkehjem. Links neben ihr Redaktionsmitglied Ditte Kock und rechts daneben die Autoren Lars Henningsen und Poul-Erik Thomsen (ganz r.).

Der Verein „Historisk Samfund for Sønderjylland“ widmet sein Jahrbuch 2025 erstmals einem Schwerpunktthema: Beiträge über die Politikerinnen und Frauenrechtlerinnen Ingeborg Refslund Thomsen und Camma Larsen-Ledet streifen auch die deutsche Minderheit in Nordschleswig. „Sønderjyske Årbøger“ porträtieren außerdem die Malerin Franciska Clausen und das dramatische Leben Anna Buchwalds im 16. Jahrhundert.

„Für unseren Verein ist die Vorstellung der neuen ‚Sønderjyske Årbøger‘ stets ein Festtag“, so Mads Mikkel Tørsleff am Donnerstag im Apenrader Folkehjem im Namen der Redaktion der Jahresschrift des Geschichtsvereins „Historisk Samfund for Sønderjylland“.

Thematische Schwerpunkte als Neuerung

„Erstmals folgen wir unserem neuen Konzept, die Jahrbücher einem Schwerpunktthema zu widmen“, so Tørsleff unter Hinweis auf den Titel „Kvinder i Sønderjyllands Historie“. 

Die bekannte Autorin aus Toftlund, Lis Mikkelsen, stellte persönlich ihren Beitrag über die Landtings- und Folketingsabgeordnete Ingeborg Refslund Thomsen (Radikale Venstre, 1891–1972) vor. In Lis Mikkelsens Ausführungen war Begeisterung für die Leistungen der Tochter des dänischen Architekten der Volksabstimmungen 1920 und der Grenzziehung spürbar.

Mads Mikkel Tørsleff eröffnete die Präsentation des erstmals 1889 erschienenen historischen Jahrbuches im Apenrader Folkehjem. Neben ihm Redaktionsmitglied Mogens Rostgaard Nissen und Mikkel Leth Jespersen (ganz links), Vorsitzender von „Historisk Samfund for Sønderjylland“.
Die neuen Jahrbücher tragen eine Collage mit Darstellungen der Frauen, die in dem Werk gewürdigt werden.

Diese war geprägt von einer Kindheit unter preußischer Oberherrschaft in Nordschleswig, der Rolle als Ehefrau des Amtmanns Kresten Refslund Thomsen mit dramatischen Ereignissen während der deutschen Besetzung 1940 bis 1945 und ihrem Eintreten für mehr Frauenrechte als Politikerin in der Nachkriegszeit und den 1950er-Jahren.

Das Foto zeigt ein Porträt der 1972 verstorbenen nordschleswigschen Politikerin Ingeborg Refslund Thomsen, das im Folkehjem in Apenrade hängt. Gemalt hat es Franciska Clausen.

Politikerin forderte Gerechtigkeit für deutsche Minderheit nach 1945

Lis Mikkelsen erinnert an das Engagement der seinerzeit landesweit bekannten Politikerin für Gerechtigkeit gegenüber der durch Nazifizierung und Kollaboration mit den deutschen Besatzern diskreditierten deutschen Minderheit in Nordschleswig. 

Nachzulesen ist, wie Ingeborg Refslund Thomsen ebenso wie ihr Ehemann nach 1945 wegen angeblicher Deutschenfreundlichkeit diffamiert wurden. 

Das Foto aus dem neuen Jahrbuch zeigt Amtmann Kresten Refslund Thomsen und seine Frau Ingeborg vor dem Eintreffen des dänischen Königspaares im Apenrader Hafen Ende der 1940er Jahre.

Gegen die Schließung der deutschen Schulen

Die Politikerin setzte sich unter Hinweis auf die in preußischer Zeit geltende Verwehrung dänischen Schulunterrichts gegen eine Schließung deutscher Schulen ein.

Ablehnung der Bonn-Kopenhagener Erklärungen

Erwähnt wird auch, dass sie als Radikale gegen die Parteilinie 1955 die Bonn-Kopenhagener Erklärungen zugunsten der Grenzland-Minderheiten ablehnte – aus tiefem Misstrauen gegenüber der damit verbundenen Wiederaufrüstung der Bundesrepublik Deutschland, in Verbindung mit einem Beitritt Deutschlands zur NATO. Sie kenne ihre „Pappenheimer“, sagte sie in einem Vortrag. 

„Die Demokratie ist den Deutschen noch nie bis ins Blut vorgedrungen. Wenn sie die alte Kriegsmelodie hören, dann treten sie an“, so ihre Ausführungen, die sie gerne auch mit deutschen Zitaten würzte. Sie lehnte die Erklärungen auch ab, weil keine nordschleswigschen Politiker an der Ausarbeitung der Bonn-Kopenhagener Erklärungen beteiligt wurden. In den ersten Nachkriegsjahren hatten sich viele deutsche Nordschleswiger persönlich an Ingeborg Refslund Thomsen gewandt, die beispielsweise als Pächter der Höfegemeinschaft Vogelgesang Haus und Hof verloren.

„Die Demokratie ist den Deutschen noch nie bis ins Blut vorgedrungen. Wenn sie die alte Kriegsmelodie hören, dann treten sie an.“

Ingeborg Refslund Thomsen im Jahre 1955

Pionierin Camma Larsen-Ledet 

Der Beitrag des Journalisten Poul-Erik Thomsen, Tingleff (Tinglev), ist der einstigen sozialdemokratischen Familienministerin und Apenrader Bürgermeisterin Camma Larsen-Ledet (1915–1991) gewidmet. Thomsen gibt einen interessanten Einblick in die auch in Nordschleswig lange (bis heute) vorherrschende Dominanz der Männer in Kommunal- und Landespolitik.

Am Beispiel Camma Larsen-Ledets, die in einfachen Verhältnissen in Esbjerg (mit einer Mutter aus Nordschleswig) aufgewachsen ist, vermittelt Poul-Erik Thomsen anschaulich, dass das Engagement der Landespolitikerin für mehr Frauenrechte eng mit der Kenntnis von materieller Not beispielsweise alleinstehender Mütter verknüpft ist. 

Als Apenrader Bürgermeisterin ließ sich Camma Larsen-Ledet (Mitte) auf einen „Handel“ mit Schiffsreeder Michael Jebsen (links) ein, den in den 1970er-Jahren geplanten neuen Jachthafen nicht vor dem von seinem Vater Jacob Jebsen erbauten Haus Lensnack zu platzieren. Jachtclubvorsitzender Gunnar Pedersen (rechts) war einverstanden. Es sollen fünf Millionen Kronen geflossen sein. Das Foto ist im neuen Jahrbuch zu sehen; es ist offenbar länger unsachgemäß gelagert worden.

Einsatz für den dänischen Wohlfahrtsstaat

Es wird deutlich, dass der vielgelobte dänische Wohlfahrtsstaat Ergebnis eines jahrzehntelangen politischen Kampfes gewesen ist. Thomsen erinnert auch an die 16-jährige Tätigkeit Camma Larsen-Ledets als Bürgermeisterin der „Großkommune“ Apenrade ab 1970, die sie den Stimmen der Schleswigschen Partei verdankte.

SP-Mann mit brauner Vergangenheit als Stellvertreter vermieden

Er berichtet, dass Larsen-Ledet auch auf die SP setzte, als der als radikaler NS-Anhänger vor 1945 bekannte Jep Schmidt zwischen 1974 und 1978 als Vizebürgermeister wirkte. Sie habe sich allerdings nie länger aus Apenrade entfernt, damit ihr Stellvertreter ja nicht die Kommune repräsentieren sollte. 

Weitere Beiträge wie der von Elsemarie Dam-Jensen über den Frauenverband „Dansk Kvindesamfund“, der ab 1920 die Rechte der Frauen in Nordschleswig einforderte, oder Gunnar Lind Haase Svendsens und Nanna Hørlycks „Sich selbst zu versorgen bedeutet alles“ erinnern an Initiativen und Wege von Frauen im ländlich konservativen Nordschleswig, sich durch soziales Engagement, Bildung und Berufstätigkeit aus männlicher Bevormundung zu befreien.

Neues über Franciska Clausen

Sally Schlosser Schmidt liefert neue Einblicke in die Lebensgeschichte der heute recht berühmten, aber während ihres Lebens (1899–1986) oft von schwierigen Verhältnissen und mangelnder Anerkennung geplagten Apenrader Malerin Franciska Clausen. 

Während Mogens Rostgaard Nissen in seinem Beitrag mit Briefen dänisch-südschleswigscher Frauen an ihre zu deutschem Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg eingezogenen Männer die Verhältnisse in Flensburg (Flensborg) lebendig werden lässt, lädt Mikkel Leth Jespersen zu einer Reise ins Frauenleben im 16. Jahrhundert ein.

Das Foto von Erik Smedegaard zeigt die Apenrader Künstlerin Franciska Clausen vor einigen ihrer Porträts, die sie nach ihrer Rückkehr aus Berlin und Paris in die nordschleswigsche Heimat geschaffen hat.

Ehrenrettung nach Demütigung einer Adligen

Der Vorsitzende des Vereins „Historisk Samfund for Sønderjylland“ stellt die Tochter aus der in Schleswig und Holstein einst mächtigen Adelsfamilie Anna Buchwald vor. Ihr prunkvoller Grabstein ist in der Flensburger Marienkirche zu sehen. Renaissanceexperte Leth Jespersen stellt eine fast romanhafte Lebensgeschichte der Adelsdame vor, die nach der Heirat eines Mitglieds des niederen Adels auf der 1634 untergegangenen Marscheninsel Strand Demütigungen und Verleumdungen ertragen musste.

Es werden heute exotisch erscheinende Formen der Wiederherstellung der Ehre einer adligen Frau geschildert, die viele Jahre vor ihrem Tod 1597 an der Flensburger Großen Straße in Wohlstand leben konnte – und als Frau mit eigener Inschrift inmitten der Grabmale von Männern eine Sonderstellung einnahm. 

Diese Grabplatte erinnert an Anna Buchwald in der St.-Marien-Kirche in Flensburg, wo sie 1597 verstorben ist. Es ist eine Besonderheit, dass sie als alleinstehende Frau ein eigenes Grabmal erhielt.

Kritische Rezensionen und Berichte 

Im Jahrbuch sind auch viele Jahresberichte der nordschleswigschen Museumsszene und Rezensionen zu finden, in denen kompetente Fachleute selbst renommierten Wissenschaftlern „Schnitzer“ in ihren Veröffentlichungen unter die Nase halten. Das reich mit Bildern illustrierte 279 Seiten starke Buch ist für 250 Kronen im Buchhandel und bei „Historisk Samfund for Sønderjylland“ erhältlich. Vereinsmitglieder erhalten das Buch kostenlos.