Dänische Minderheit

Der kleine Fritz ohne Bindestrich: Nicht alles in einen Topf werfen

Veröffentlicht Geändert
Jens A. Christiansen im Kopenhagener DK4-Studio beim Interview mit Siegfried Matlok. Nach mehr als 24 Jahren tritt er am 1. Oktober als SSF-Generalsekretär der dänischen Minderheit zurück. Der 69-Jährige bewirbt sich nun um den Posten als FUEN-Präsident für die europäische Minderheiten-Union.

Der Generalsekretär der dänischen Minderheit, Jens A. Christiansen, auf DK4: Front und Brücke gegen den gefährlichen Begriff einer deutsch-dänischen Minderheit.

Der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen hat kürzlich beim 100. Jahrestreffen der dänischen Minderheit in seiner „Årsmøde“-Rede in Flensburg die „deutsch-dänische Minderheit“ gelobt, aber der Generalsekretär der dänischen Minderheit, Jens A. Christiansen, warnt vor diesem Bindestrich-Begriff, der aus seiner Sicht die Gefahr bedeutet, dass dänische Sprache und Kultur nach und nach mit dem Badewasser ausgeschüttet werden.

Ja zur historischen Rede von Heinrich Schultz

In der Sendung „Dansk-tysk med Matlok“ auf DK4 verweist der Moderator auf eine historische Rede des ehemaligen SSF-Vorsitzenden Heinrich Schultz, der sich 1995 auf Düppel anlässlich des 75-Jahrestages erstmalig im Namen der dänischen Minderheit für eine Anerkennung der Staatsgrenze von 1920 ausgesprochen habe. Diese Äußerung habe den SSW-Abgeordneten K. O. Meyer sehr verärgert, der die „Genforenings“-Hoffnung nie aufgeben wollte.

„Liegt die Grenze also fest?“, fragt Matlok.

Jens A. Christiansen antwortet: „Ja. Wir leben heute in einer anderen Wirklichkeit, in einer engen Zusammenarbeit zwischen Dänemark und Deutschland und beide Länder sind Partner in zahlreichen internationalen Organisationen wie EU, Nato und UNO. Deshalb ist die Vorstellung einer Grenzverschiebung unrealistisch. Es ist ja auch in der Helsinki-Schlussakte so vereinbart worden, dass das Selbstbestimmungsrecht zwar aufrechterhalten wird, dass es aber eine gewaltsame Grenzänderung nicht mehr geben darf.

Illusorischer Traum

Natürlich könnte man davon träumen, dass man eines Tages so viele Dänen in Südschleswig hat, um das Selbstbestimmungsrecht in Anspruch zu nehmen, aber das ist doch illusorisch. Meine Grundhaltung ist: Die dänische Minderheit in Südschleswig hat sich in den letzten 30 bis 40 Jahren unglaublich positiv verändert, wir sind eine markante Größe in der deutschen Gesellschaft, auch kulturell durch die Schulen, und eine politische Kraft in den Kommunen, im Landtag und durch Stefan Seidler auch im Bundestag. Wir leben in einem anderen Europa, in einer anderen Zeit, wo einerseits die Zusammenarbeit im Mittelpunkt stehen, andererseits aber auch der Unterschied anerkannt werden muss.

Keine Minderheit ohne Grenze – Front und Brücke

Niemand solle sich jedoch darin täuschen – und ich habe das ja auch gelegentlich etwas provokativ so formuliert: Ohne Grenzen gibt es keine Minderheit. Und eine Minderheit kann nur in einer Dialektik leben und überleben: Es gilt einerseits – ohne fremde Einmischung – die eigene Kultur zu bewahren und andererseits die Mitwirkung an die gesellschaftliche Entwicklung.

Der Generalsekretär erinnert dabei an eine frühere Zielsetzung aus den 30er Jahren mit den Worten des damaligen Chefredakteurs von Flensborg Avis, Ernst Christiansen: Front und Brücke. Front zur Wahrnehmung der eigenen Kultur und Brücke zwischen Dänemark und Deutschland sowie zwischen Europa und dem Norden. Dieser Grundsatz gilt noch heute, und dabei geht es darum, in einem positiven freundschaftlich-kulturellen Wettbewerb die dänische Position und ihre natürliche Verankerung in Südschleswig zu wahren. Und da muss ich ja feststellen, dass die Zustimmung für die dänische Kulturarbeit in den letzten Jahren durch die enge Verbindung zu Dänemark sprachlich, aber auch in der Mentalität gewachsen ist. Und gleichzeitig haben wir beste Relationen zu unseren deutschen Nachbarn, die eine große Veneration für Dänemark und den Norden empfinden.

Voraussetzung für Minderheit in 50 bis 100 Jahren

Matlok-Frage: In einer „Årsmøde“-Rede haben Sie kürzlich in Satrup zum Thema Bindestrich-Minderheit gesagt: „Det må ikke blive et fedt.“ Das heißt, Sie sind gegen die Gleichmacherei im Grenzland und damit weiterhin für eine gewisse Abgrenzung?

Jens A Christiansen: „Ja, das ist notwendig, denn wenn wir die Mission und Vision beibehalten wollen, um die dänische Sprache und Kultur als eine natürliche Verankerung im Landesteil zu behaupten, dann müssen wir auch die Identität und die Werte fördern, die uns mit Dänemark verbinden. Das bedeutet, sich dessen bewusst zu sein, dass wir auch bildungsmäßig sowohl in den Schulen als auch in unseren Vereinen dafür sorgen müssen, dass das dänische Bein mehr trägt als das deutsche.“

Christiansen erinnert dabei an Grundtvigs Grundsätze über die Vorliebe für dänische Sprache und Kultur. „Das ist die Voraussetzung dafür, dass die dänische Minderheit in ihrer jetzigen Konstruktion und innerhalb des völkerrechtlichen Rahmens auch in 50 und 100 Jahren bestehen kann.“

Dialektik und Badewasser

Es sei nach seinen Worten wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass die Relativierung von Kultur – auch global – zu einer Uniformierung führen kann. „Wir erkennen durchaus an, dass es unterschiedliche nationale Identitäten gibt, also auch einen Unterschied im Grenzland, gleichwohl tragen wir aber auch zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in unserer Region bei. Nur, diese Dialektik darf nicht dazu führen, dass wir alles in einen Topf werfen. Der Bindestrich ist aus meiner Sicht in Wirklichkeit eine falsche Relativierung und birgt die Gefahr, dass dänische Sprache und Kultur nach und nach sozusagen mit dem Badewasser verschwinden. Das müssen wir verhindern.“

Bekenntnis zur dänischen Minderheit mehr als „Hygge“

Matloks Hinweis auf den auch auf deutscher Seite anerkannten südschleswigschen Historiker Jørgen Kühl, wonach für die dänische Minderheit nach 1989, also nach dem Fall der Berliner Mauer, eine entscheidende Wende eingetreten sei, wird durch die Anmerkung des Interviewers ergänzt, dass sich – wenn man das mal so sagen darf – immer mehr Deutsche für die dänische Minderheit entscheiden und sich ihr anschließen, weil sie die dänische Minderheit mit „Hygge-Danmark“ verwechseln.

Jens A. Christansen dazu: „Für mich ist es wichtig, dass die dänische Minderheit und dass dänische Südschleswiger tiefer wurzeln. ,Hygge´ wird zwar auch oft mit Dänemark identifiziert, doch Voraussetzung für die Minderheit ist es, dass künftige Generationen über Wissen und Einsicht verfügen, um zu verstehen, warum sie zum Beispiel für ihre Kinder die dänische Schule wählen. Sowohl Eintritte als auch Austritte sind in der Minderheit ja möglich. Ganz nach den Grundsätzen der Bonn-Kopenhagener Erklärungen, die fantastisch liberal sind, aber wenn Leute ihren kleinen Fritz in eine dänische Institution schicken, etwa in einen dänischen Kindergarten, dann ist unsere Botschaft klar: Man hat sich dadurch nicht für eine Sprach-Institution entschieden, sondern für die dänische Minderheit. Und dann ist es – z. B. durch SSF – unsere Aufgabe, diesen Eltern die Möglichkeiten zu geben, sich enger mit der dänischen Minderheit zu verknüpfen – mit dem Bekenntnis zur dänischen Minderheit und zur dänischen Sprache und Kultur. Um einen individuellen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten als Voraussetzung für die Zukunft in der Gemeinschaft der dänischen Minderheit.

Christiansens Fazit: Ja zur Bekenntnisfreiheit in den Bonn-Kopenhagener Erklärungen, aber eben nicht grenzenlos!

Das gesamte Interview finden Sie auf diesem Link:Dansk-tysk med Matlok: Jens A. Christiansen