Minderheiten

70-jähriges Erfolgskonzept mit Gegenwartsproblemen konfrontiert

Veröffentlicht Geändert
Helle Hußmann (l.) und Birthe Andresen berichteten über andauernde Konfrontation mit Vorurteilen gegenüber Minderheiten.

Die deutsche und die dänische Minderheit im Fokus: Auf Schloss Schackenborg wurden die Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955 durchleuchtet. Der Diskussionsleiter Siegfried Matlok würdigte Otto Didrik Schack als Brückenbauer im Jahr 1920 und nach 1945.

Auf großes Interesse ist die Veranstaltung 70 Jahre Bonn-Kopenhagener Erklärungen im Rahmen des Schackenborg-Dialogs in Mögeltondern gestoßen. Der Direktor der Schackenborg-Stiftung, Allan Nielsen, gab Dienstagabend im voll besetzten Saal des Schlosses das Startsignal für fast zwei Stunden mit Vorträgen, Debatten und auch kritischen Fragen zum deutsch-dänischen Einvernehmen über die Bonn-Kopenhagener Erklärungen.

Diese wurden am 29. März 1955 per Unterschrift von Staatsminister H. C. Hansen und Konrad Adenauer in Kraft gesetzt – und geben bei jedem „runden“ Jahrestag mehr Grund zum Feiern.

Dabei wurde nicht nur der Auftakt zur deutsch-dänischen Entspannung und der Absicherung der deutschen und dänischen Minderheit gewürdigt. Tonderns Bürgermeister Jørgen Popp Petersen (Schleswigsche Partei) nannte auch seine Wahl als Mitglied der deutschen Minderheit zum Oberhaupt der Kommune mithilfe dänischer Stadtratsmitglieder als Beweis für das heutige vertrauensvolle Verhältnis zwischen Minderheit und Mehrheit.

Diskussionsleiter Siegfried Matlok, früherer Chefredakteur des „Nordschleswigers“, würdigte in seiner Einleitung die Vorreiterrolle des einstigen Hausherrn auf Schackenborg, Amtsmann Otto Didrik Schack (1882–1949), als Brückenbauer zwischen Deutschen und Dänen nach den Volksabstimmungen, der Neuziehung der Grenze 1920 und dem Ende der deutschen Besetzung Dänemarks nach 1945.

Herausforderungen im Grenzland

Der Direktor der Schackenborg-Stiftung, Allan Nielsen, hieß die Teilnehmerinnen und Teilnehmer während der Veranstaltung 70Jahre Bonn-Kopenhagener Erklärungen in Mögeltondern willkommen.

Historiker Jørgen Kühl ging in seinem Überblick zur Geschichte der Bonn-Kopenhagener Erklärungen bereits auf neue Herausforderungen für das Grenzland und die Minderheiten nördlich und südlich der Grenze ein. „Beide Minderheiten werden heute durch Zuwanderung und Zuzügler geprägt. Beide Minderheiten werden durch Globalisierung herausgefordert“, so der Minderheitenfachmann.

Kühl nannte auch Phänomene wie die größere Fluktuation im Grenzland und das Phänomen der Doppelidentität. So gebe es heute Aussagen von jungen deutschen Nordschleswigern, sie könnten sich im Slogan „Dänen gibt es in vielen Ausführungen“ wiederfinden.

Das junge Flensburger Stadtratsmitglied Mats Rosenbaum, Südschleswigscher Wählerverband (SSW), und Rasmus Meyer, Informationschef des dänischen Südschleswigschen Vereins (SSF), gaben ebenso wie der Sonderburger Vizebürgermeister Stephan Kleinschmidt (Schleswigsche Partei) und „Nordschleswiger“-Chefredakteur Gwyn Nissen Einblick in ihre eigenen Erlebnisse als junge Minderheitenmitglieder, die stets erklären mussten, ob sie nun Deutsche oder Dänen seien. „Hoffen wir, dass beim 100-jährigen Jubiläum der Bonn-Kopenhagener Erklärungen alle Probleme gelöst sind“, merkte Rosenbaum an.

Deutsch oder Dänisch?

Die beiden jungen Mitglieder der deutschen Minderheit in Nordschleswig, Helle Hußmann und Birthe Andresen, gaben mit ihren Redebeiträgen jedoch Anlass, daran zu zweifeln, ob es wirklich nur Grund zum Feiern gibt. „Wir stoßen auf Vorurteile, und wir müssen ständig überlegen, wie wir uns dazu verhalten sollen“, so Birthe Andresen. Und Helle Hußmann verriet, dass auch sie immer vor der Frage „Deutsch“ oder „Dänisch“ stehe: „Man muss es als junger Mensch erst lernen, auch stolz darauf zu sein, zur Minderheit zu gehören“.

Siegfried Matlok (am Rednerpult) war als Diskussionsleiter im Einsatz. Vorn links Jørgen Kühl, der als Historiker die Geschichte der Bonn-Kopenhagener Erklärungen erläuterte. Rechts Tonderns Bürgermeister Jørgen Popp Petersen (Schleswigsche Partei).

Stephan Kleinschmidt erinnerte etwas augenzwinkernd daran, wie es ihm seinerzeit gelungen sei, sich von der Unpopularität und den Stereotypen eines Minderheitlers zu befreien. „Unsere deutsche Minderheit war klein, aber oho. Und Minderheit ist nicht nur, wer will, sondern es gilt auch: Minderheit ist, wie man will“, so der SP-Politiker. Als Nachwuchspolitiker der deutschen Nordschleswiger konnte er den Trend schwindender Stimmzahlen der Partei der Minderheit maßgeblich zum Stimmenzuwachs und Popularität der SP auch bei der Mehrheitsbevölkerung wenden.

Die Vorsitzende des Mitveranstalters des Schackenborg-Dialogs, Tønder Amts Grænseforening, Marie Stamp, bedankte sich bei Publikum und Referenten für die lebhafte Teilnahme an der Veranstaltung.