Geschichte

HAG-Heft zu NS-Zeit und Herrnhuter in Nordschleswig

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Das abgebildete, um 1900 erbaute Gebäude an der Skibbrogade in Apenrade diente ursprünglich dem Arzt Johannes Dibbern für dessen Praxisbetrieb. Ab 1937 bis 1945 war im „Dibbernhaus" die Zentrale der NS-geprägten Organisationen der deutschen Minderheit in Nordschleswig. Heute befinden sich in dem restaurierten Gebäude Privatwohnungen.

Die 100. Ausgabe der Schriften der Heimatkundlichen AG für Nordschleswig liefert Einblicke in die Zentrale der deutschen Minderheit zwischen 1940 und 1945, die Lebensgeschichte Jef Blumes und das Wirken der Brüdergemeine vor der Gründung Christianfelds. HAG-Jahrestagung am 7. März 2026 über Kunst und Künstler in Nordschleswig.

In diesen Tagen sind die neuen „Schriften der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig“, Heft 100, Jahrgang 2025, den Mitgliedern zugestellt worden. Sie bieten „neue" Einblicke in die Geschichte Nordschleswigs und der deutschen Minderheit in Dänemark. 

Der erste längere Beitrag im 148 Seiten umfassenden Werk stammt von Claus Pørksen. Sein Text gibt Einblicke in Personal, Arbeitsweise und Aufgaben der Zentrale der nationalsozialistisch geprägten deutschen Minderheit in Apenrade in den Jahren 1940 bis 1945. 

Auf der Titelseite des kürzlich erschienenen Heftes 100 der Schriften der Heimatkundlichen AG Nordschleswig (HAG) ist das einstige Wohnhaus des Spitzenmanns der NS-geprägten deutschen Minderheit vor 1945, Jens Möller, in Gravenstein abgebildet.

Karriere trotz NS-Verstrickung

Nina Jebsen ist Autorin des Beitrags „Einstieg – Aufstieg – Ausstieg“, in dem sie die Karrieren Jef Blumes als wichtigen Akteur während der NS-Zeit in Nordschleswig und auch nach dem Zweiten Weltkrieg erläutert.

Unter dem Titel „Erst verfolgt, dann gefragt – die Herrnhuter Brüdergemeine im Herzogtum Schleswig im 18. Jahrhundert“ erklärt Florian Jungmann in seinem Beitrag, die Vorgeschichte des Wirkens der evangelischen Glaubensgemeinschaft in Dänemark und den Herzogtümern bereits Jahrzehnte vor der Gründung ihrer Siedlung Christiansfeld 1772. Das HAG-Heft enthält auch einige Buchbesprechungen und neben dem Jahresbericht der HAG-Vorsitzenden Gisela Jepsen auch die Jahresberichte des Deutschen Museums und des Deutschen Archivs Nordschleswig von Hauke Grella und Nina Jebsen.

Der Beitrag von Claus Pørksen zeichnet sich durch eine Vielzahl von Informationen über das „Innenleben“ der spätestens ab Mitte der 1930er-Jahre nationalsozialistisch gelenkten Organisationen der deutschen Minderheit aus.

Der „Führerstab" der Jugendorganisation der NS-gelenkten deutschen Nordschleswiger (v. l.) Peter Klindt, Theo Hinrichs, Rudolf Grimm, Fritz Thier, Asmus W. Jürgensen, Bruno Thaysen, Jef Blume, Christoph Wohlenberg, Christian Juhl, Martensen präsentierte sich in „schneidigen" Uniformen dem Fotografen.

Dokumente wurden 1945 verbrannt

Pørksen hat dazu viele Dokumente der von Johan Hvidtfeldt nach 1945 geleiteten Kommission zur Rolle der deutschen Minderheit während der NS-deutschen Besatzungszeit 1940 bis 1945 ausgewertet. Die Kommission hatte Material, das Minderheitenangehörige belastete, aus Deutschland erhalten. Viele Dokumente der im Dibbernhaus in Apenrade untergebrachten NS-Spitzen waren unmittelbar vor der Befreiung Dänemarks am 5. Mai 1945 von den dort tätigen Personen verbrannt worden. 

Im Beitrag wird deutlich, was für „Typen“ in der Minderheit vor 1945 den Ton angaben. 

1942 ließ sich eine Spitzengruppe der NS-geprägten Minderheitenorganisationen in Gravenstein vor dem Haus des „Volksgruppenführers" Jens Möller (l.) fotografieren. Neben Möller (v. l.) Rudolf Stehr, Haboe Kardel, Peter Petersen, Peter Larsen und Peter Callesen

NS-Funktionäre kamen glimpflich davon

Claus Pørksen hat herausgefunden, dass es interne Gegensätze, Rivalitäten und auch Möglichkeiten gab, sich eigene materielle Vorteile zu verschaffen, oder Gegner kaltzustellen. Interessant sind auch die Passagen, die Auskunft geben, wie glimpflich viele Spitzen der braunen Führungsebene davonkamen, während viele „kleine Fische“ im Zuge der dänischen Rechtsabrechnung relativ lange hinter Gittern verbringen mussten. 

Jef Blumes zweite „Karriere"

Nina Jebsens Beitrag thematisiert den einstigen „Landesjugendführer“ der NS-gleichgeschalteten deutschen Minderheit, Jef Blume. Der Artikel zeigt, wie Blume bereits als Jugendlicher in den Bann des Nationalsozialismus geriet. Nina Jebsen hat dabei Erinnerungen Blumes ausgewertet. Dabei wird deutlich, dass Blume, der maßgeblich an der Werbung junger Nordschleswiger für die Waffen-SS beteiligt war, nicht nur seine eigene Rolle verharmlost hat, sondern auch als Beamter im schleswig-holsteinischen Schuldienst und als zeitweiliger BDN-Vize-Hauptvorsitzender von einer „Schwamm-Drüber-Mentalität“ während der Nachkriegszeit in der Minderheit in Nordschleswig ebenso wie in der Regierung Schleswig-Holsteins profitiert hat. 

Florian Jungmanns Beitrag liefert nicht nur interessante Informationen über die Entstehungsgeschichte der Herrnhuter Brüdergemeine, die in das vorreformatorische Wirken der Hussiten in Böhmen im 15. Jahrhundert zurückreicht. Er zeigt daneben, dass es bereits lange vor der Gründung der Herrnhuter-Siedlung Christiansfeld in Dänemark und den Herzogtümern Schleswig und Holstein vielfach illegale Aktivitäten von Anhängern der Glaubensrichtung gegeben hat. Der Zulassung Christiansfelds während der Regierungszeit Struensees waren Zusammenkünfte von Anhängern der Herrnhuter im Herzogtum Schleswig wie im Dänemark nördlich der Königsau vorausgegangen. 

Die 1772 gegründete Herrnhutersiedlung Christiansfeld, auf dem Foto das Gotteshaus der Brüdergemeine, ist heute eine Sehenswürdigkeit. Florian Jungmann weist in seinem Beitrag im HAG-Heft darauf hin, dass die Glaubensgemeinschaft in Dänemark lange argwöhnisch betrachtet worden war. Die Gründung Christiansfelds erfolgte in der kurzen Regierungszeit des Reformators Struensee.

HAG-Heft für Interessierte erhältlich

Das neue HAG-Heft bekommen Interessierte bei Eintritt in die HAG, der Jahresbeitrag beträgt 150 Kronen/20 Euro, oder über das Deutsche Archiv Nordschleswig in Sonderburg, archiv.bdm.dk. 

HAG-Veranstaltungen 2026

Die Heimatkundliche AG Nordschleswig lädt 2026 zu ihrer Jahrestagung zum Thema „Künstler und Kunst in Nordschleswig von der Jahrhundertwende bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts“ am 7. März 2026 in die Akademie Sankelmark ein. 

Am 21. Februar beginnt der Veranstaltungsreigen mit der HAG-Generalversammlung am Sonnabend, 21. Februar, 14.30 Uhr, in der Deutschen Nachschule Tingleff (Tinglev). Dort spricht Ilse Friis über „Die Mädchen der Minderheit in der Zeit des Nationalsozialismus und unmittelbaren Nachkriegszeit“. 

Die HAG-Exkursionen führen im Mai und September auf die Insel Röm (Rømø) und nach Flensburg (Flensborg). Informationen zur HAG finden sich auch unter bdn.dk/heimat im Internet.