Gesellschaft

Kunststück Leben: Malen, skaten – und irgendwann ankommen

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Kunst am Boden: Junge Frauen lassen in der Kunsthalle ihrer Kreativität freien Lauf.

Kein Bock auf Kunst – und trotzdem dabei: Isabella ist 21, ohne Ausbildung – und Teil von Vision 2030. In Hadersleben zeigt ein Projekt, wie junge Leute mit Startschwierigkeiten über Zeichenkohle, Skateboard und klare Ansagen vielleicht wieder Tritt fassen.

Kunsthalle 6100. Es ist Donnerstagmittag in Hadersleben. Sechs junge Erwachsene arbeiten an Staffeleien oder am Boden, die Finger schwarz von Zeichenkohle. 

„Heute haben es sechs von zwölf geschafft, um 10 Uhr hier zu sein“, sagt Karsten Vium Strandridder. Vorwurfsvoll klingt er nicht. Er stellt fest. Strandridder ist Projektleiter von „Vision 2030“, einem landesweiten Kursangebot für junge Menschen zwischen 18 und 24, die weder Ausbildung noch Arbeit haben.

Was in „Kunsthal 6100“ läuft, ist kein Malkurs für Fortgeschrittene. Es geht um Struktur, Verlässlichkeit – und das Gefühl, Teil von etwas zu sein. Kunst ist Mittel zum Zweck: „Ich zeichne mit, bekomme auch schwarze Finger“, sagt Strandridder. „Nur so entstehen echte Beziehungen – und Vertrauen.“

Projektleiter Karsten Vium Strandridder und der Kopenhagener Künstler Peter Voss-Knude (rechts) machen sich in der Kunsthalle gemeinsam mit ihren Schützlingen beim Zeichnen mit Kohle die Finger schmutzig.

„Weil ich muss“

Isabella Andersen präsentiert ihre Zeichnung – und die Gedanken dahinter.

Isabella Andersen, 21, kommt ursprünglich von Seeland, lebt jetzt in Hadersleben. Auf die Frage, ob sie sich für Kunst interessiert, antwortet sie lakonisch: „Nein.“ Warum sie dann hier ist? „Weil ich muss.“ – Und gefällt es ihr? „Ist ganz okay, aber manchmal langweilig“, sagt die junge Frau und zeigt ihr Bild: eine Szene aus dem Haderslebener Dammpark – großflächig und mit Zeichenkohle hat Isabella den Park und seine Bäume zu Papier gebracht. „Ich mag die Struktur der Bäume“, sagt sie und scheint stolz auf ihr Werk. Nicht ohne Grund. 

Von der Staffelei aufs Skateboard

Die jungen Frauen beim Zeichnen in der Kunsthalle

„In zwei Wochen gehen wir mit der Gruppe in den StreetDome – Skateboard fahren“, erzählt Strandridder. Auch Musikschule, Theater und Sport stehen auf dem Unterrichtsplan seiner Schützlinge. Ziel ist, dass sich die jungen Leute ausprobieren, auftauen, mit Glück Orientierung finden. Und irgendwann bereit sind für den nächsten Schritt: eine Ausbildung – oder einen Minijob.

Die staatliche Kulturförderung finanziert Vision 2030. Das Programm läuft jeweils 26 Wochen – danach startet ein neuer Durchgang. „Manche steigen früher aus, weil sie es geschafft haben. Andere kommen später dazu.“

Kunst als Starthilfe fürs Leben – funktioniert das? 

Einige malen am Tisch, andere auf dem Boden: Die Ergebnisse können sich sehen lassen.

„Ich weiß es nicht“, räumt Strandridder achselzuckend ein: „Wir asphaltieren die Straße, während wir schon darauf fahren.“ 

Einsteigen, ausprobieren, weitermachen

Das staatlich geförderte Projekt richtet sich an junge Erwachsene, die ohne Job oder Ausbildung sind. Über Kunst, Sport und Gemeinschaft sollen sie lernen, Verantwortung zu übernehmen – und neue Perspektiven zu entwickeln. Jede Runde dauert 26 Wochen, mit flexiblem Einstieg. Ziel ist: raus aus dem Stillstand, rein ins Leben.