Deutsche Minderheit

Jef Blume: Der Freiwillige der Waffen-SS aus Norderlügum

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Ein Blick auf Jef Blumes Tagebuch, dessen Einträge auf Deutsch und auf Dänisch niedergeschrieben wurden.

Vor 85 Jahren besetzten die Nationalsozialisten das dänische Königreich. Aber was genau passierte damals? Im Sonderburger Schloss wird ein ganzer Sonnabend diesen fünf Jahren der Besatzung gewidmet. Nina Jebsen spricht als Archivleiterin des Deutschen Archiv Nordschleswig über einen Mann mit einer ganz besonderen Geschichte.

Im Deutschen Museum am Rønhaveplads in Sonderburg, dem Museum der deutschen Minderheit, lernen Besuchende interessante Menschenschicksale aus Nordschleswig auf moderne und anspruchsvolle Art kennen. Für die seit 2021 angestellte Historikerin Nina Jebsen (44) wurde eine Kiste voller handbeschriebener, loser Papiere eine wahre Fundgrube. „Sie war beim Umzug des Archivs von Apenrade nach Sonderburg dabei. Wir fanden heraus, dass das Jef Blumes Erinnerungen waren“, sagt Nina Jebsen. 

Jef Bertelsen Blume (1912-1996) wurde in Norderlügum (Nørre Løgum) geboren. Er war ein deutsch-dänischer Lehrer und Führer bei der Deutschen Jungenschaft Nordschleswig. Jef Blume hatte Sympathien für Hitler und dessen Politik. Er engagierte sich im DJN (Deutsche Jungenschaft Nordschleswig) und trat laut Wikipedia 1938 in die NSDAP-N ein.

Über diesen Nordschleswiger und dessen Beteiligung an der deutschen Besatzung Dänemarks spricht die Archivleiterin des Deutschen Archiv Nordschleswig am Sonnabend, 25. Oktober, ab 12 Uhr im Rittersaal des Sonderburger Schlosses. 

Beim historischen Tag, der sich der Zeit der Besatzung von 1940 bis 1945 widmet, stellt sich die Museums-Mitarbeiterin 20 bis 30 Minuten lang den Fragen des Journalisten Simon Kratholm Ankjærgaard. Ihr Auftritt im Rittersaal ist für sie eine vielversprechende Möglichkeit, Werbung für das Museum der deutschen Minderheit zu machen.

 

Nina Jebsen ordnet das Leben und die Aufschriften von Jef Blume historisch ein. „Seine Erinnerungen sind das eine, Tatsachen was anderes. Er meint zum Beispiel, dass er nie Mitglied der NSDAP in Nordschleswig war. Aber er war Mitglied im ,Kleinen politischen Rat’, der für die Einberufung von jungen Kriegsfreiwilligen arbeitete. Das müsste schon kritisch kommentiert werden. Das werde ich auch beim Interview tun“, so die Historikerin. Seine Erinnerungen hat Jef Blume in den 80er-Jahren niedergeschrieben. 

Nina Jebsen mit einem Tagebuch von Jef Blume

Nina Jebsen denkt auch über ein Buch nach. Die Aufzeichnungen von Jef Blume müssten dann ebenfalls mit einordnenden Kommentaren versehen werden.

 

Im September 1940 legte Jef Blume den Lehrerberuf ab und wechselte nach Apenrade in das Dibbernhaus in der Skibbrogade, das damalige zentrale Hauptquartier der deutschen Minderheit in Dänemark.

Ein Porträt von Jef Blume, der am 19. Juni 1996 im Alter von 85 Jahren verstarb

Ich kann gut verstehen, dass einige Menschen damals nicht so gut auf die Familie Blume zu sprechen waren. Viele haben ein Familienmitglied verloren. Niemand war damals verpflichtet, in den Krieg zu ziehen.

Nina Jebsen

Mitglied im „Kleinen politischen Rat“

Im Zweiten Weltkrieg unterstützte er ab 1939 die Einberufung von jungen Kriegsfreiwilligen in Nordschleswig. Er wurde im Herbst 1940 Mitglied im sogenannten „Kleinen politischen Rat“ und im Sommer 1940 Mitglied der Waffen-SS. 

„Er hat sehr aktiv die Werbetrommel gerührt. Ich kann gut verstehen, dass einige Menschen damals nicht so gut auf die Familie Blume zu sprechen waren. Viele haben ein Familienmitglied verloren. Niemand war damals verpflichtet, in den Krieg zu ziehen“, so Nina Jebsen.

Jef Blume zog selbst mehrfach in den Krieg und erhielt das Eiserne Kreuz 2. Klasse. „Für die deutsche Sache ist er aktiv eingetreten. Er fühlte sich verpflichtet, dem deutschen Volk beizustehen“, so Nina Jebsen. 

Für die deutsche Sache ist er aktiv eingetreten. Er fühlte sich verpflichtet, dem deutschen Volk beizustehen.

Nina Jebsen

Das Bezirksgericht in Apenrade verurteilte Blume im Herbst 1948 zu fünf Jahren Gefängnis. Er wurde 1949 begnadigt und kehrte zuerst auf den elterlichen Hof zurück, kam dann wieder in den Schuldienst. Von 1962 bis 1965 war er stellvertretender Vorsitzender des Bundes Deutscher Nordschleswiger. Er kandidierte 1964 erfolglos für die Schleswigsche Partei für das Folketing.

„Er hat nie verschwiegen, dass er nach seiner Verurteilung im Faarhus-Lager war und an oberer Stelle bei den Nationalsozialisten mitarbeitete. Er hat dazu gestanden“, so die Historikerin. 

Nina Jebsen, Munkbrarup, leitet seit 2021 die Forschungsstelle der deutschen Minderheit.

„Er war ein sehr guter Lehrer und Vermittler von Wissen“, so Nina Jebsen. Für den Jungen aus Norderlügum war der Zuspruch der deutschen Minderheit wichtig. So wurde er, so Nina Jebsen, dazu gedrängt, sich 1964 für die SP um einen Platz im Folketing zu bemühen, obwohl er sich in den Kriegsjahren freiwillig für die Waffen-SS gemeldet hatte. Er war – trotz seiner Geschichte – in der Minderheit angesehen. 

Die Historikerin kennt das Schloss

Für Nina Jebsen sind das Sonderburger Schloss und das Museum Sønderjylland kein fremdes Feld. Nach ihrem Geschichtsstudium an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel war sie vier Jahre an der Süddänischen Universität (SDU) in Sonderburg am Institut für Grenzregionsforschung tätig. Sie hat dort 2013 den Doktortitel (Ph.d) mit einer Dissertation über das Thema „Volksabstimmungen in Europa nach dem Ersten Weltkrieg – Eine Propagandaanalyse“ erworben. Nina Jebsen hat schon diverse Vorträge im Sonderburger Schloss gehalten. Als Archivleiterin des Deutschen Archiv Nordschleswig ist sie aber das erste Mal dort auf der Bühne.