Bildungsstätte Knivsberg

Lernort Gedenkstätte: Die Namen bekommen nun Gesichter

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Museumsleiter Hauke Grella ist zuversichtlich, dass der neue historische Lernort auf dem Knivsberg noch in diesem Jahr eröffnet werden kann.

Ein neuer historischer Lernort auf dem Knivsberg soll zeigen, warum Erinnern mehr bedeutet als Namen auf Gedenktafeln. Museumsleiter Hauke Grella hat auf der Neujahrstagung in Sankelmark einen Einblick zum aktuellen Stand des Lernortes gegeben. „Der Nordschleswiger“ hat vor seinem Vortrag mit ihm gesprochen.

„Wir tragen nicht die Verantwortung für das, was damals passiert ist, aber dafür, dass es nicht wieder passiert. Genau dafür ist die Vermittlung von Geschichte so bedeutend, denn sie zeigt uns, was uns Rassismus und Faschismus gebracht haben“, sagt Hauke Grella, Museumsleiter des Deutschen Museums Nordschleswig, zur Bedeutung des geplanten historischen Lernortes neben der Gedenkstätte auf dem Knivsberg.

Fünf Namen entfernt

Ausgangspunkt des Projektes sind die Gedenktafeln, auf denen ursprünglich rund 680 Namen von deutschen Nordschleswigerinnen und Nordschleswigern verzeichnet waren, die in den beiden Weltkriegen gefallen sind. Heute sind es fünf weniger, denn die Namen Niels Riis, Hans Julis, Walter Heldtberg, Carl Friedrich Robert Heide und Gustav Alfred Jepsen wurden nachträglich entfernt. Sie waren Kriegsverbrecher.

Grella: Geschichte nicht einfach löschen

Lediglich mit einem Satz auf der Infotafel ist erwähnt, dass Namen von den Gedenktafeln entfernt wurden. Hintergründe dazu fehlen komplett – das soll sich nun ändern.

Mehr als einen kleinen Hinweis darauf gibt es an der Gedenkstätte aktuell nicht. Aus Sicht von Museumsleiter Hauke Grella ist das viel zu wenig. „Namen einfach zu löschen, heißt auch Geschichte einfach zu löschen“, sagt er. Zwar ist es nach einem Beschluss des Hauptvorstandes des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN) vorgesehen, dass die Namen von Personen auf den Gedenktafeln, die nachgewiesen für Kriegsverbrechen verurteilt wurden, auch weiterhin entfernt werden, trotzdem soll dies künftig nicht mehr fast kommentarlos geschehen. Dafür soll der neue historische Lernort sorgen. Geplant ist ein Ort, an dem die Namen, die auf den Tafeln stehen und standen, ein Gesicht bekommen. Ein Ort, an dem die Geschichten, die hinter den Namen stecken, erzählt werden. Ein Ort, an dem aus der Geschichte gelernt werden kann.

Bekannte Unterstützung

Entwürfe der Firma „No Parking" zeigen, wie der Lernort später aussehen soll. Der Zugang befindet sich am Ende des Weges der Gedenkstätte.

Beauftragt mit dem Entwerfen des Lernortes ist die Firma „No Parking“, ein Unternehmen zur Gestaltung von Ausstellungen, mit dem die Minderheit bereits beim Bau des neuen Museums in Sonderburg zusammengearbeitet hat. Geplant ist eine runde Installation mit zehn Metern Durchmesser, zu der es einen Zugang am Ende des Weges der Gedenkstätte gibt. In der Mitte der begehbaren Installation werden Bilder von den Personen ausgestellt, die sich auf den Gedenktafeln befinden. „Wir haben von circa 560 Personen ein Foto, von denen wir einen Teil dort präsentieren werden“, sagt Grella, für den die Bilder einen besonderen Wert in der Geschichtsvermittlung haben. „Es ist wichtig, den Namen ein Gesicht zu geben. Es geht einem unfassbar nahe, wenn man nicht nur die Namen liest, sondern auch sehen kann, wie jung diese Männer und Frauen eigentlich waren, die dort gestorben sind“, sagt Grella.

Vier Wände, vier Infotafeln

In der Mitte der Installation werden Bilder derjenigen ausgestellt, deren Namen auf den Gedenktafeln stehen.

An den Innenwänden werden vier Vermittlungstafeln angebracht. Auf der ersten Tafel wird es Informationen zur Vorgeschichte geben, sprich, warum und weshalb haben sich die Menschen freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet?

Die zweite Tafel beschäftigt sich damit, inwiefern die Gedenkstätte ein Spiegelbild der Minderheit ist. Warum wurde sie von „Ehrenhain“ in „Gedenkstätte“ umbenannt, und wie hat sich der Blick der Minderheit hinsichtlich ihrer eigenen Geschichte im Laufe der Zeit gewandelt.

Auf der dritten Tafel wird es um persönliche Geschichten der Gefallenen gehen. Aktuell ist es laut Grella geplant, die Hintergründe von 16 Personen dort aufzuzeigen. „Es wird zu jedem Namen etwa 15 bis 16 Sätze Informationen geben. Das liegt zum einen natürlich am begrenzten Platz, zum anderen aber vor allem auch daran, dass Texte nicht gelesen werden, wenn sie zu lang sind. Es würde also gar keinen Sinn ergeben, dort noch mehr Daten aufzulisten“, so der Museumsleiter, der allerdings auch ankündigt, dass der Lernort um eine digitale Datenbank erweitert wird. „In dieser Datenbank werden wir alle Informationen, die wir haben, zu allen Namen auf den Gedenktafeln bereitstellen. Diese digitale Lösung hat zudem den Vorteil, dass wir neu gewonnene Informationen einfach hinzufügen können, was auf den angebrachten Tafeln im historischen Lernort selbstverständlich nicht so leicht ist.“

Auswahl steht noch nicht fest

Welche 16 Personen auf der Tafel erwähnt werden, steht noch nicht fest. Es sollen aber Menschen aus verschiedenen Kategorien sein, beispielsweise Frontfreiwillige, Frauen, jene, deren Namen von den Tafeln entfernt wurden oder auch Personen, die auf den Tafeln stehen, aber bei denen es deutliche Anzeichen gibt, dass sie gar nicht der Minderheit angehörten.

„Das sind unglaublich spannende Geschichten. Dabei geht es gar nicht darum, im Nachhinein eine Bewertung vorzunehmen oder ihnen die Minderheitenzugehörigkeit abzusprechen, sondern die Geschichte dahinter zu erzählen und warum ihre Namen trotzdem auf die Tafeln gekommen sind, wenn es tatsächlich der Fall war, dass sie sich der Minderheit gar nicht zugehörig gefühlt haben“, so Grella. 

Er merkt zudem an, dass es die Versuche geben wird, mit den Hinterbliebenen derjenigen, die im Lernort erwähnt werden, im Vorhinein zu sprechen und sie zu informieren. „Es ist wichtig zu erklären, dass es ja nicht darum geht, jemanden an den Pranger zu stellen, sondern einfach nur um Geschichtsvermittlung und Erklärungsversuche, warum Dinge damals so passiert sind, wie sie passiert sind. Nur so können wir heute aus Fehlern von damals lernen.“

Auf der vierten Tafel, die im Lernort angebracht sein wird, wird die Geschichte der Gedenkstätte selbst behandelt. Wer waren die Personen, die damals im Gedenkstättenausschuss saßen und entschieden haben, welche Namen auf die Gedenktafeln kommen? Haben sie damals gewusst, dass auch Kriegsverbrecher darunter sind? Und wenn ja, warum wurden deren Namen trotzdem mit aufgelistet? „Das sind alles spannende Fragen, die bisher vielleicht nicht alle beantwortet werden können, aber über die es sich auf jeden Fall lohnt, einmal nachzudenken“, sagt der Museumsleiter.

Die runde Installation mit vier Wänden und Eingängen soll einen Durchmesser von zehn Metern haben.

Zusätzlich wird es innerhalb der Installation auch einen Bildschirm geben, auf dem Videos laufen, in denen einige der Hinterbliebenen zu Wort kommen.

Auf einen genauen Termin, wann der Lernort eingeweiht werden kann, möchte sich der Museumsleiter nicht festlegen. „Wenn alles gut läuft, hoffe ich, dass er noch in diesem Jahr fertig sein wird“, so Hauke Grella zum neuen historischen Lernort, der allerdings nur der nächste und nicht der letzte Schritt sein soll. „Die Geschichte des Knivsberges selbst ist bei alledem noch gar nicht thematisiert, das wird dann eine der nächsten Aufgaben sein“, kündigt er an.

Auf einem Bildschirm werden Videos von Hinterbliebenen zu sehen sein.
Direkt neben der Gedenkstätte (gelber Bereich) soll der neue Lernort enstehen.