Politik

Stadträte sind Männersache: „Das muss sich ändern“

Veröffentlicht Geändert
Ruth Candussi ist schon lange in der Politik aktiv. Sie ist seit der Gründung der Jungen Spitzen 1998 nicht mehr aus der Politik der deutschen Minderheit wegzudenken.

Frauen sind in der Kommunalpolitik Nordschleswigs weiterhin stark unterrepräsentiert. Woran liegt das? Den Versuch einer Erklärung unternimmt Ruth Candussi, Parteisekretärin der Schleswigschen Partei. Sie setzt sich dafür ein, dass Vielfalt in der Politik zur Normalität wird – doch der Weg ist noch lang.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Frauen sind in der Kommunalpolitik Nordschleswigs eine Minderheit. Der Frauenanteil in den vier Kommunen liegt bei durchschnittlich 30,6 Prozent. Während Hadersleben (Haderslev) mit 39 Prozent den höchsten Frauenanteil verzeichnet, liegt Sonderburg (Sønderborg) mit lediglich 23 Prozent am unteren Ende. In Apenrade (Aabenraa) sind es 32 Prozent, in Tondern (Tønder) 29 Prozent. Insgesamt sitzen in den Kommunalräten Nordschleswigs 124 Abgeordnete, davon nur 38 Frauen.

Warum also gibt es so wenige Frauen in der Kommunalpolitik? Ruth Candussi, Parteisekretärin der Schleswigschen Partei (SP), sieht vor allem das politische Klima als Hürde: „Es ist schwieriger, Frauen zu motivieren, sich politisch zu engagieren. Die Politik kann ein raues Geschäft sein. Der Diskussionsstil ist oft konfrontativ, persönliche Angriffe sind leider keine Seltenheit – wenn auch zum Glück nicht bei uns in der SP. Das schreckt viele Frauen ab.“

Maßnahmen gegen den rauen Ton

Besonders in den sozialen Medien seien Frauen häufiger abwertenden Kommentaren ausgesetzt als Männer. „Plötzlich spielt es eine Rolle, dass es sich um eine Frau handelt – und das in einer Art und Weise, die Männer so nicht erleben“, sagt Candussi. „Das gilt nicht nur für die Politik, sondern für viele Bereiche des öffentlichen Lebens. Da müssen wir alle gegensteuern, denn das ist vollkommen inakzeptabel.“

Die SP hat sich zum Ziel gesetzt, einen respektvollen Diskussionsstil zu fördern. „Wir dulden auf unseren Social-Media-Plattformen keinen despektierlichen Ton und keine persönlichen Angriffe – und weisen in unserer Etikette ausdrücklich darauf hin. Zum Beispiel haben wir mit jungen Menschen einen Debattierworkshop veranstaltet, damit sie von Anfang an lernen, fair und sachlich zu diskutieren“, so Candussi. Sie betont, dass der Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN) und alle BDN-Verbände ebenfalls gefordert seien, diesen Prozess laufend zu unterstützen und das Thema Gleichberechtigung weiter voranzutreiben.

Für die SP ist das Thema nicht neu, sondern wird kontinuierlich aufgegriffen, betont die Parteisekretärin. „Nicht nur, weil in diesem Jahr Kommunalwahlen anstehen. Es ist entscheidend, dass Frauen sich politisch einbringen, denn in der Kommunalpolitik wird darüber entschieden, wie unser Leben vor Ort gestaltet wird. Diese Entscheidungen betreffen alle – nicht nur die männlichen 50 Prozent der Bevölkerung.“

Die Politik muss die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln – jung und alt, verschiedene Berufsgruppen, Männer und Frauen. Nur dann treffen wir wirklich Entscheidungen, die alle betreffen.

Ruth Candussi

Von den zehn Mandaten, die die Schleswigsche Partei derzeit hält, sind vier von Frauen besetzt. In Tondern sind es zwei von vier, in Sonderburg zwei von drei. In Apenrade und Hadersleben jedoch keine. In der Parteispitze dominieren weiterhin Männer – etwa auf den Posten des Vorsitzenden und des stellvertretenden Vorsitzenden.

Strukturelle Hürden abbauen

Neben dem rauen Ton in der politischen Debatte gibt es weitere strukturelle Hindernisse für Frauen. So fehlen oftmals weibliche Vorbilder, und die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und politischem Ehrenamt ist eine Herausforderung. Sitzungen finden oft abends statt, wenn viele Frauen familiär eingebunden sind. Doch ohne mehr weibliche Stimmen bleibe die Politik einseitig geprägt, warnt Candussi. Die SP versucht deshalb gezielt, Frauen für die Politik zu gewinnen.

„Wir können nur dazu aufrufen, dass Frauen den Mut haben zu sagen: Ich habe etwas zu sagen, und ich will mitgestalten! Politik ist eine spannende Aufgabe. Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, das eigene Umfeld aktiv zu gestalten“, betont Candussi, der es letztlich um noch mehr als die Frauenfrage geht: „Die Politik muss die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln – jung und alt, verschiedene Berufsgruppen, Männer und Frauen. Nur dann treffen wir wirklich Entscheidungen, die alle betreffen.“