Reform

Hausarzt Kley schlägt Alarm: So gefährdet die Regierung die medizinische Hilfe in Nordschleswig

Veröffentlicht Geändert
Hans-Iver Kley, Hausarzt in Hadersleben, Kommunalpolitiker der Schleswigschen Partei und aktives Mitglied der deutschen Minderheit (Archivbild)

„Wir fühlen uns gerade sehr bedroht.“ Mit deutlichen Worten warnt der Haderslebener Arzt Hans-Iver Kley vor der geplanten Reform der Allgemeinmedizin. Das Gesetz könnte tief in die Arbeitsweise von Hausärztinnen und Hausärzten eingreifen – und damit, so Kley, die medizinische Versorgung in Nordschleswig verschlechtern.

Mit einer umfassenden Reform will die dänische Regierung die Organisation der Allgemeinmedizin neu ordnen. Ab 2027 sollen die Regionen laut dem Gesetzentwurf „Lovforslag 2b“ bestimmen dürfen, wie viel und wann praktizierende Ärztinnen und Ärzte arbeiten, welche Aufgaben sie übernehmen und wie sie dafür bezahlt werden. Auch die Zahl der Patientinnen und Patienten pro Praxis könnte künftig zentral festgelegt werden – auf Grundlage eines Algorithmus.

Damit würde sich die Machtbalance laut dem Haderslebener Allgemeinarzt Hans-Iver Kley grundlegend verschieben: Die Selbstständigkeit der Praxen nähme deutlich ab, während Steuerung und Kontrolle auf Staat und Regionen übergingen. Für viele Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner sei das ein unverständlicher Bruch mit dem bisherigen System.

„Die Gesundheitsreform ist ein massiver Eingriff in unsere Selbstständigkeit. Wir haben eines der effektivsten Systeme überhaupt – und die Verantwortlichen sehen gar nicht, was sie da kaputtmachen. Die Qualität, wage ich zu behaupten, wird sinken. Und am Ende wird es nicht nur schlechter, sondern auch deutlich teurer“, kritisiert Kley.

Sorge um die Versorgung in Nordschleswig

Auch die geplanten Algorithmen zur Steuerung der Patientenzahlen bereiten ihm Sorgen. Erste Berechnungen hätten ergeben, dass Praxen in Hadersleben künftig weniger Menschen aufnehmen sollen.

„Die meisten Praxen hier hätten Kapazität für mehr Menschen. Und die Ärztinnen und Ärzte vor Ort haben kein Interesse daran, weniger zu betreuen“, sagt Kley. Gerade in Nordschleswig, wo es schon heute an Allgemeinärztinnen und -ärzten fehlt, könnte die Reform die Probleme verschärfen.

PLO: Weniger Nachwuchs, schlechtere Qualität

Auch der Verband der praktizierenden Ärztinnen und Ärzte in Dänemark, PLO (Praktiserende Lægers Organisation), warnt, dass das Gesetz gravierende Konsequenzen für Rekrutierung und Behandlung haben könnte. Junge Ärztinnen und Ärzte wünschten sich fachliche Freiheit und die Möglichkeit, eine Praxis selbst zu führen. Wenn diese Perspektive entfalle, drohe sich die Landarztkrise weiter zuzuspitzen.

Werde die Arbeit stärker top-down gesteuert, könnten Ärztinnen und Ärzte zudem gezwungen sein, Quantität über Qualität zu stellen. Das wirke sich direkt auf die Patientinnen und Patienten aus – mit weniger persönlicher Betreuung und geringerer Kontinuität.

Kley sieht die Entwicklung ähnlich kritisch: „Die jungen Ärzte, die den Traum hatten, eine eigene Praxis zu führen, überlegen sich das nun zweimal“, sagt er und fügt hinzu: „Es fehlen schon jetzt praktizierende Ärztinnen und Ärzte – darauf weisen wir seit 10 bis 15 Jahren hin. Statt die Ausbildungskapazitäten rechtzeitig zu erhöhen, hat man das Problem verschleppt. Jetzt sitzen wir im Schlamassel.“

Schwer wiege für ihn auch das Gefühl mangelnder Anerkennung: „Wir stemmen jeden Tag enorme Arbeit, helfen den Krankenhäusern oft aus der Patsche – und trotzdem hat man nicht den Eindruck, dass das wirklich wertgeschätzt wird.“

Ministerin verteidigt den Plan

Die Regierung weist die Kritik zurück. Gesundheitsministerin Sophie Løhde (Venstre) betont, man wolle die Versorgung insbesondere in den ländlichen Regionen stärken. „Wir werden massiv in die Allgemeinmedizin investieren und 40 Prozent mehr Hausärztinnen und Hausärzte ausbilden“, erklärte sie in einer schriftlichen Stellungnahme gegenüber „DR“.

Zugleich betont Løhde, man wolle die Selbstständigkeit nicht abschaffen: „Wir haben kein Interesse daran, die Ärztinnen und Ärzte zu enteignen oder durch staatlich betriebene Kliniken zu ersetzen.“

Die Ministerin kündigte außerdem an, die eingehenden Stellungnahmen aus der Anhörung sorgfältig zu prüfen und „den Dialog mit den Akteurinnen und Akteuren“ fortzuführen. Ziel sei es, Missverständnisse auszuräumen und das Gesetz weiter zu konkretisieren.

Wie es weitergeht

Das Gesetzespaket befand sich bis zum 21. August in der Anhörung. Nun entscheidet das Folketing über das weitere Verfahren. Für Hans-Iver Kley und viele seiner Kolleginnen und Kollegen bleibt die Hoffnung, dass ihre Warnungen Gehör finden.