Geschichte

Das deutsch-dänische Leben in Lüdersholm aus Sicht eines Dorflehrers

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Ellen und Friedrich Leick (r.) 1939 mit Schülerinnen und Schülern

In einer Nachschrift sind die Erinnerungen von Friedrich Wilhelm Leick aufgeschrieben worden, der nach der Volksabstimmung 1920 48 Jahre die dänische Schule im Dorf leitete. Bis zur Nazizeit war das Miteinander zwischen deutschen und dänischen Familien ungetrübt. Leicks Erzählung ist einer von sechs Beiträgen in der neuesten Ausgabe der Tønder Erindringer.

Friedrich Wilhelm Leick, geboren 1889, kam als 31-jähriger Lehrer im gleichen Jahr der Volksabstimmung 1920 nach Lüdersholm, wo er als einzige Lehrkraft die Leitung der dänischen Schule übernahm. Er erlebte die Gemeinschaft zwischen deutschen und dänischen Familien, die bis 1933 in friedlicher Koexistenz lebten, was sich nach der Machtergreifung Hitlers ändern sollte.

Leick erlebte das Dorf bei seiner Ankunft als liebenswerte Gemeinschaft, die den Neuen gleich aufnahm, obwohl er das ländliche Leben nicht kannte. In der Anfangszeit aß er im Wechsel von zwei Tagen bei den verschiedenen Familien und lernte so die Bewohnerschaft kennen.

In einer Nachschrift, geschrieben von seinem Sohn Adser Leick aus Broacker (Broager), wurden seine Erinnerungen an das schulische und gesellschaftliche Leben seiner ersten 25 Jahre in Lüdersholm festgehalten. Sie ist einer von sieben Beiträgen in der neuen lokalgeschichtlichen Schrift Tønder Erindringer XXV, herausgegeben vom lokalhistorischen Verein und Archiv Tonderns.

Die ehemalige dänische Schule in Lüdersholm

Friedrich Wilhelm Leick wurde 1898 geboren und lebte in Hadersleben (Haderslev). Als 18-Jähriger wurde er eingezogen und kämpfte im Ersten Weltkrieg an der Westfront. Er desertierte und kehrte nach Hadersleben zurück und machte die deutsche Lehrerausbildung. Leick war vom 1. Juni 1920 bis zu ihrer Schließung 1968 an der dänischen Schule in Lüdersholm tätig.

Leick und Grenzgendarme kommen nach Lüdersholm

Bei seiner Ankunft in Lüdersholm schreibt er: „Auf den Höfen lernte ich das Leben auf dem Lande kennen. Damals gab es zehn Bauernfamilien deutscher Gesinnung und fünf mit dänischer Gesinnung. Die Schmiede und drei Höfe waren unbewohnt, wurden dann von einem ostpreußischen Gutsbesitzer als Spekulationsobjekt gekauft.“

Nach 1920 zogen etwa 30 Grenzgendarme nach Lüdersholm. Nur wenige waren verheiratet und hatten Kinder, die sonst an der dänischen Schule hätten eingeschult werden können.

Der Kaiser musste weg

An einer Wand in der Schule hing ein Bild von Kaiser Wilhelm II., das durch ein Porträt von König Christian X. ausgetauscht wurde. Viele Jahre war das Kaiserbild verschwunden, während der Rahmen und das Glas auf dem Dachboden lagen.

Der Tischler Georg Hansen sollte das Bild neu einrahmen. Er war der Sohn des früheren Lehrers an der deutschen Schule im Ort. Als Friedrich Leick etwa zehn Jahre später hinter das Glas geratene Fliegen entfernen wollte, machte er eine putzige Entdeckung. Hinter dem Konterfei des dänischen Königs kam das Kaiserbild zum Vorschein.

Das Kaiserporträt im Schulzimmer

Dänisch leichter als Deutsch

Als Friedrich Leick am 1. Juni 1920 seinen Dienst antrat, traf er zum ersten Mal seine Schülerinnen und Schüler, denen er zu verstehen gab, dass der Unterricht jetzt auf Dänisch stattfinden würde. Ein Junge meinte keck: „Das ist nicht so schwer wie Deutsch.“

Der Schüler sollte Recht behalten, so Leick. Es sei erstaunlich gewesen, wie schnell die Kinder lernten, auf Dänisch zu lesen, zu schreiben und zu rechnen.

Drei Jahre nach seinem Dienstantritt wurde in Lüdersholm der Wunsch geäußert, eine deutsche Abteilung an der Schule einzurichten. Deswegen sollte eine Abstimmung in der Elternschaft durchgeführt werden. Nur zwei Elternpaare, die eine deutsche Schule wollten, erschienen.

Die ehemalige deutsche Schule in Lüdersholm. 1945 wurde sie geschlossen und nie wieder eröffnet.

Die Schulkommission entschied als Kompromiss, dass künftig täglich zwei Deutschstunden eingeführt werden sollten.

An den Weihnachtsfeiern der Schule nahmen sowohl deutsche als auch dänische Familien teil.

An der Weihnachtsfeier der Schule nahmen deutsche und dänische Familien teil.

Mit dem Bemühen der deutschen Gesellschaft Vogelgesang, ab 1926 dänische Höfe für deutsche Familien zu erwerben, startete der Versuch der Germanisierung. Die beiden größten landwirtschaftlichen Betriebe wurden aufgekauft und an Deutsche weiterverkauft.

Das Nationalbewusstsein gewann im Zuge dessen in den beiden Bevölkerungsgruppen an Stärke und der Frieden im Ententeich wurde gestört.

Grenzgendarme lassen Kinderzahlen steigen

Mit den Grenzgendarmen stieg die Zahl der Schülerinnen und Schüler in der dänischen Schule. 1920 war die Schülerschaft noch zu 50 Prozent deutsch. Sechs Jahre später gab es wesentlich mehr Kinder aus dänischen Familien als von deutschen.

Ostern 1928 wurde dennoch eine deutsche Schule eingerichtet. Der Unterricht fand zunächst auf den von Vogelgesang erworbenen Höfen statt. Sechs Kinder verließen die dänische Schule. Und das sei ganz in Ordnung gewesen, schreibt Leick.

Grenzen in der Bevölkerung riss die Gründung des dänischen Versammlungshauses auf. Eltern hätten ihm erzählt, dass dies der eigentliche Grund für die Wahl der deutschen Schule sei. So gab es zwei Schulen in Lüdersholm.

Nachdem ich mit meinem Nachbarn, der Vorsitzende der deutschen Privatschule war, gesprochen hatte, kehrte wieder Ruhe ein.

Friedrich Leick

Kleine Zusammenstöße zwischen Kindern der beiden Schulen waren auf der Tagesordnung. Eine Lehrerin der deutschen Schule sollte angeblich ihre Schüler zu provokantem Auftreten angestiftet haben. „Ich verbot meinen Schülerinnen und Schülern ein solches Verhalten. Nachdem ich mit meinem Nachbarn, der Vorsitzender der deutschen Privatschule war, gesprochen hatte, kehrte wieder Ruhe ein.“

Lüdersholms Versammlungshaus 1940 – das kleinste von ganz Dänemark

Deutsche isolieren sich von der Dorfgemeinschaft

Doch die deutschen Familien isolierten sich mehr und mehr von der Dorfgemeinschaft, während auf dänischer Seite die Arbeit für die dänische Sache intensiviert wurde.

Die Zahl der Schülerschaft an der dänischen Schule hatte sich Anfang der 1930er-Jahre auf etwa 60 Kinder erhöht, während der Trend in der deutschen Schule ein ganz anderer war.

Wieder trat Vogelgesang in Aktion. Zwei von drei neuen Höfen wurden an kinderreiche Rückwanderfamilien aus der Ukraine verpachtet. Die Familien brachten es zusammen auf 22 Kinder. Acht davon waren schulpflichtig.

Das veranlasste die Lehrerin, Fräulein Wernich, zum Ausspruch in der Nordschleswigschen Zeitung: „Das Deutschtum in Lüdersholm geht mit Riesenschritten vorwärts“.

Bei der Volksabstimmung 1920 gab es in Lüdersholm neun dänische Familien (fünf Landwirte und vier Grenzgendarme). Auf deutscher Seite waren es 14 Familien (13 Hofbesitzer und ein Handwerker).

25 Jahre später war die Anzahl der Familien auf dänischer Seite auf 32 (14 Hofbesitzer oder Häusler, drei Handwerker, 12 Grenzgendarme und drei Rentner gestiegen, während die Zahlen auf deutscher Seite fast denen von 1920 mit 15 Familien (13 Hofbesitzer oder Hofpächter, einem Rentner und einem Handwerker) entsprachen. Und es gab drei Familien in deutsch-dänischen Mischehen.

Friedrich Leick und seine Rasselbande 1920

Frei von nationalpolitischen Auseinandersetzungen

Auch in der Schulkommission, in der es deutsche und dänische Vertreter gab, verlief die Zusammenarbeit ohne nationalpolitische Auseinandersetzungen. Ernste Zusammenstöße habe es nicht gegeben, erzählt Leick. Die Arbeit sei sachlich und nüchtern verlaufen. Konflikte wurden mit Rücksichtnahme beider Seiten gelöst.

Nach der Machtergreifung verhärteten sich die Fronten, besonders bei Kindern und Jugendlichen. In der Hitlerjugend sei die Nationalpolitik fast zum Evangelium geworden. Folglich vertiefte sich die dänische Jugend mehr und mehr in das Dänischtum, das inhaltsreicher und bewusster wurde, so Leick.

Während der Besatzung Dänemarks verschlechterte sich die Stimmungslage zwischen Deutsch und Dänisch zusehends. „Beispiele dafür will ich in meinem Bericht nicht nennen“, schreibt Leick diplomatisch.

Die Schließung beider Schulen

Die deutsche Schule wurde wie die anderen deutschen Einrichtungen in Nordschleswig bei Kriegsende geschlossen und nie wiedereröffnet. 1968 – nach sinkenden Zahlen der Schülerschaft, dem Abzug der Grenzgendarme und weniger Beschäftigten in der Landwirtschaft – ereilte die dänische Schule das gleiche Schicksal.

Die Tønder Erindringer

Die Tønder Erindringer werden seit vielen Jahren vom lokalhistorischen Verein und Archiv Tonderns herausgegeben. Ehemalige Tonderanerinnen und Tonderaner und Zugezogene erzählen über ihre Kind- oder ihre Jugendzeit, über ihren Arbeitsalltag und mehr.

Im Dezember ist die 25. Ausgabe des beliebten Heftes erschienen. Sie enthält Beiträge von diesen sieben Personen:

Autoren und Mitglieder des lokalhistorischen Vereins bei der Präsentation der neuen Ausgabe.
Das neue Heft wurde vorgestellt und angeregte Gespräche geführt.