Nachruf

Svend Taanquist: Einer der Besten

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Svend Taanquist
Svend Taanquist im Jahr 1990

Der frühere Folketingsabgeordnete aus Norburg ist im Alter von 95 Jahren verstorben. Der ehemalige Kopenhagener Sekretariatsleiter und Chefredakteur Siegfried Matlok würdigt seine Verdienste, die für die deutsche Volksgruppe weitaus größer waren, als bisher öffentlich bekannt.

Im Alter von 95 Jahren ist der frühere Folketingsabgeordnete Svend Taanquist in Norburg gestorben. Sein Name als Politiker wird heute den meisten kein Begriff sein, aber er hat sich nicht nur als Folketingsabgeordneter Verdienste um Nordschleswig erworben. Kaum bekannt ist, dass er auch auf Christiansborg bedeutende Leistungen für die deutsche Minderheit vollbrachte.

Am 21. Juli 1930 auf Alsen geboren, wurde er nach seiner Ausbildung Labormeister bei Danfoss und engagierte sich lokal frühzeitig für Arbeitnehmerfragen, sodass für ihn als Partei nur die Sozialdemokratie in Betracht kam, die er sowohl im Kommunalrat von Hagenberg (Havnbjerg) von 1966 bis 1970 und danach im Kommunalrat von Norburg von 1970 bis 1977 vertrat, wo er sich als Vorsitzender im Sozialausschuss einen Namen machte, ein Amt, das er mit Tüchtigkeit und mit großem Engagement auch in seiner Zeit als Mitglied im nordschleswigschen Amtsrat 1970-1977 bekleidete. 1982 schied er aus dem Amtsrat aus, denn die Partei hatte ihn im damaligen Augustenburgkreis bereits 1976 als Folketingskandidat nominiert. 

Engelbrecht: Taanquist Mann des Volkes 

Und am 15. Februar 1977 gelang ihm der Sprung nach Christiansborg, wo er bis zur Wahl am 21. September 1994 stets sein Mandat behauptete.

In einem Nachruf hat der jetzige sozialdemokratische Folketingsabgeordnete, Ex-Minister Benny Engelbrecht aus Sonderburg (Sønderborg), seinen früheren Parteigenossen als „Folkets mand fra Sønderjylland“ gewürdigt. In der Tat war er ein Mann des Volkes, dem die Anliegen des kleinen Mannes immer eine Herzensangelegenheit waren. Aber er war kein Blender, kein Medien-Politiker à la 2025, sondern einer der Stillen, auch in seiner Arbeit als Folketingsabgeordneter, wo es ihm nie um Schlagzeilen, sondern um Ergebnisse ging. 

Taanquist: Volksgruppe und Sekretariat Kopenhagen

Vertreter der deutschen Volksgruppe lernte Svend erst im Amtsrat – u.a. durch Harro Marquardsen – kennen, und deshalb hatte er in Kopenhagen auch keine politischen Berührungsängste, als das deutsche Sekretariat der Volksgruppe im September 1983 eingeweiht wurde. Unter meiner Leitung galt es natürlich, so oft wie möglich und nötig die nordschleswigschen Folketingsabgeordneten für unsere Anliegen zu gewinnen, männliche und weibliche Abgeordnete, die natürlich auch von der persönlichen Chemie her sehr unterschiedlich waren. Zu Taanquist fand ich schnell einen engen Kontakt, der sich vertrauensvoll über die Jahre entwickelte.  

Der gordische Knoten in der Büchereifrage

Obwohl mir viele in der Volksgruppe davon abgeraten hatten, weil sie die Frage des Bücherei-Zuschusses in Kopenhagen – seit den Tagen unseres Abgeordneten Jes Schmidt nur 150.000 Kronen jährlich – als vergebliche Liebesmühe betrachteten. Aber bei Taanquist fand ich volles Verständnis, um politisch den gordischen Knoten durchschlagen zu können. 

Obwohl zu jener Zeit die bürgerliche Regierung Schlüters das Sagen hatte, gelang es Taanquist – höchst ungewöhnlich – als Einzelgänger aus der Opposition heraus, die notwendige parlamentarische Unterstützung, also eine Mehrheit für eine deutliche Erhöhung zu erreichen. Dieser neue Kurs war natürlich auch der Regierung bekannt, die sich nach außen hin keine Niederlage durch einen Oppositionsvertreter wünschte. Deshalb lud mich der damalige konservative Kulturminister Professor H. P. Clausen zu einem vertraulichen Gespräch in sein Ministerium ein, wo nach einer kurzen telefonischen Rücksprache direkt mit Staatsminister Poul Schlüter eine Erhöhung auf zwei Millionen Kronen jährlich vereinbart wurde, die dann später bei der Abstimmung über den Staatshaushalt im Folketing ohne Widerstand beschlossen wurde. Das war Svends Leistung, lobte ihn damals sein sozialdemokratischer Kollege aus Sonderburg, J. K. Hansen.

Kampagne hinter den Kulissen für seine Wiederwahl

Taanquist hatte aber ein politisches Problem, musste hart für sein parlamentarisches Überleben arbeiten. Sein Wahlkreis – damals eine rote Danfoss-Hochburg – war zu klein geworden, um im heftig entbrannten Kampf um persönliche Stimmen ein Mandat zu erobern; vor der Kommunalreform 2007 hatte der Amtskreis Nordschleswig insgesamt sieben direkte Kreismandate. Als Taanquist um sein Mandat fürchten musste, habe ich ihm Hilfe angeboten – als Dank für seine entscheidende Unterstützung in der Büchereifrage. 

Im BDN gab es die ungeschriebene Regel, sich bei Folketingswahlen parteipolitisch strikt neutral zu verhalten, aber gemeinsam mit unserem Generalsekretär Peter Iver Johannsen fanden wir hinter den Kulissen einen listigen Ausweg: in Kreisen der Minderheit gab es viele „heimatlose“ Wählerinnen und Wähler und damals stimmte z.B. ein Bürgerlicher aus der Minderheit nie auf einen Sozialdemokraten oder umgekehrt –, aber wenn Anfragen kamen, wen man denn als Mitglied der Volksgruppe dänisch wählen könne, dann haben wir hinter den Kulissen sehr deutlich das Kreuz hinter Svend Taanquist empfohlen. Mit dem Ergebnis, dass der abstiegsbedrohte Taanquist plötzlich in Nordschleswig bei der Wahl eine der besten persönlichen Stimmenzahlen für sich verzeichnen und so sein Mandat sicher verteidigen konnte. 

Die historische Anfrage S 1102 an Staatsminister

Ein weiteres politisches Ergebnis, das als Verdienst auch auf sein Konto geht, ist seine Anfrage „S 1102“ im Folketing vom 22. August 1990 an den konservativen Staatsminister Poul Schlüter. Hintergrund war die deutsche Einheit, die in Dänemark keineswegs nur Beifall hervorrief.

Ja, es gab durchaus Sorgen, dass ein großes, wiedervereinigtes Deutschland sich nicht (mehr) um die Minderheitenpolitik im Grenzland kümmern würde. Eine Umfrage des „Nordschleswigers“ (deren Ergebnisse aber nie veröffentlicht wurden!!) ergab sogar, dass eine Mehrheit (!) unter den Mitgliedern der deutschen Minderheit der Einheit kritisch, ja teilweise ablehnend gegenüberstand. 

Manche befürchteten laut Umfrage, dass die bundesdeutschen Zuschüsse an die deutsche Minderheit wegen der Kosten für die Einheit möglicherweise reduziert werden könnten. 

Die schriftliche Anfrage, die Taanquist mit meiner Hilfe an Schlüter richtete, handelte von der grundsätzlichen, historischen Bedeutung der deutschen Einheit für die dänische Minderheit in Südschleswig und die deutsche Minderheit in Nordschleswig. 

Schlüters Antwort (siehe Anlage) war nicht nur eine Bestätigung der dänischen Regierung, die Arbeit mit den Minderheiten als einen Grundpfeiler im deutsch-dänischen Verhältnis fortzusetzen. Das Staatsministerium hatte vor seiner Antwort offenbar auch mit der Bundesregierung in Bonn Kontakt aufgenommen, denn in der Antwort wurde darauf hingewiesen, „dass die deutsche Einheit nach Artikel 23 für die Bundesrepublik die unveränderte Weiterführung ihrer völkerrechtlichen Verpflichtungen enthält“. 

Bonn: Dänisches Veto bei Kopenhagen-Bonn 1955

Antwort von Staatsminister Poul Schlüter an Svend Taanquist.
Antwort von Staatsminister Poul Schlüter an Svend Taanquist.

Und dann kommen die entscheidenden Sätze, die 2025, wenn man von den Bonn-Kopenhagener Minderheitenerklärungen spricht, leider völlig vergessen werden:

„Die Bundesregierung hat zum Ausdruck gebracht, dass sie mit den Bonner Erklärungen eine völkerrechtliche Verpflichtung eingegangen ist, die vom Bundestag beschlossen worden ist und die nur nach Absprache mit Dänemark geändert und aufgehoben werden kann. Der völkerrechtliche Status der Kopenhagen-Bonn-Erklärungen ändert sich also nicht durch die deutsche Einheit.“ 

Bonn-Kopenhagen also doch völkerrechtlich 

Diese Antwort des dänischen Staatsministers Schlüter – immerhin ja selbst Nordschleswiger – ist insofern auch historisch bedeutsam, weil bis heute oft genug unter den Gelehrten darüber diskutiert wird, ob die Bonn-Kopenhagener Minderheitenerklärungen völkerrechtliche Wirkung haben. „S 1102“ betont – sogar schwarz auf weiß! – die völkerrechtliche Bindung, und das wiedervereinigte Deutschland gibt Dänemark sozusagen sogar ein Vetorecht! 

Mein Dank an Svend Taanquist

In meiner 24-jährigen Arbeit als Kopenhagener Sekretariatsleiter habe ich oft wertvolle Unterstützung von zahlreichen nordschleswigschen Abgeordneten aus verschiedenen Parteien erhalten – ich nenne hier nur stellvertretend den Sozialdemokraten J. K. Hansen und den Konservativen Kaj Ikast –, aber rückblickend kann ich nur feststellen: Der Beste für mich in meiner Kopenhagener Arbeit war Svend Taanquist! 

Auch nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik, wobei er sich in Leserbriefen dennoch weiterhin zu Wort meldete, habe ich über viele Jahre einen engen Kontakt zu Svend Taanquist auch in seinem neuen Heim in Norburg gehalten und zusammen mit Peter Iver Johannsen auch mit dankenden Worten seinen 90. Geburtstag gefeiert.

Nun ist er im hohen Alter von uns gegangen, aber ich werde sein Andenken in bester Erinnerung wahren, und auch die deutsche Volksgruppe sollte in ihrer Geschichtsschreibung den Namen Svend Taanquist nicht vergessen!