Kommentar

„Nordschleswig liefert – Dänemark profitiert“

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Warum gilt die Provinz oft als abgehängt? Nordschleswig liefert längst, was die Städte brauchen: Strom. Die neue Leitung zwischen Apenrade und Aarhus zeigt, dass nicht Nordschleswig ans Netz angeschlossen wird, sondern Dänemark an Nordschleswig. Zeit für ein neues Selbstverständnis, kommentiert Journalistin Marle Liebelt.

Zwischen Apenrade und Aarhus soll in den kommenden Jahren eine neue Hochspannungsleitung entstehen – eine Stromautobahn, mit der der grüne Strom sicher durchs Land fließen kann. Ein Milliardenprojekt, das den Ausbau der Energiewende sichern soll. Klimaminister Lars Aagard (Moderate) habe das Projekt genehmigt, „das sich von Trige bei Aarhus bis nach Kassø bei Apenrade erstreckt“.

Manchmal liest sich so eine Nachricht, als würde Nordschleswig ans Netz angeschlossen werden – als bräuchte die Provinz dringend Nachschub. Dabei ist es oft genau umgekehrt: Hier in der Region wird längst Strom produziert. Viel Strom. Grüner Strom. Und der wird gebraucht – in Aarhus, in Odense, in ganz Dänemark.

Ein Beispiel ist Kassö (Kassø): Hier steht die größte Power-to-X-Anlage der Welt – ein Vorzeigeprojekt der grünen Transformation. Dort wird E-Methanol für die Industrie produziert, und die Anlage soll sogar noch weiter ausgebaut werden. Die Nähe zur deutschen Grenze macht Nordschleswig zu einem zentralen Bindeglied – nicht nur in der Energiewende, sondern auch für Handel und Innovation.

Gerade deshalb ist es wichtig, das auch so zu benennen. Denn in vielen ländlichen Regionen wächst das Gefühl, nur mitgemeint zu sein – selten Mittelpunkt, fast nie Ausgangspunkt. Doch im Fall der Energiewende wendet sich das Blatt: Genau genommen wird hier nicht Nordschleswig an Dänemark angeschlossen, sondern Dänemark an Nordschleswig.

Wer liefert, darf auch fordern

Das soll kein „Wir leisten das für euch“ sein – so funktioniert ein Land nicht. Verschiedene Regionen bringen unterschiedliche Stärken ein. Das ist normal. Es ist Ausdruck von Zusammenhalt und Solidarität. Aber wer solidarisch ist, darf auch selbstbewusst sein.

Nordschleswig liefert Strom. Grüne Energie für ganz Dänemark. Gleichzeitig fehlt es an anderer Stelle: an Hausärztinnen und Hausärzten, an guten Bus- und Bahnverbindungen, an wohnortnahen Behörden. Viele öffentliche Leistungen sind in der Fläche schwerer erreichbar. Aber wer trägt, darf auch fordern. Nicht im Ton der Abgrenzung, sondern mit dem Selbstbewusstsein einer Region, die weiß, was sie leistet – und was ihr zusteht.

Nordschleswig liegt am Rand der Karte – aber nicht am Rand der Entwicklung. Wer verstehen will, wo die Energiewende beginnt, muss hier in die Provinz schauen. Und wer dorthin schaut, sollte auch zuhören.