Leserbeitrag

„Der Weg zur Einigung: Die Grenze als Front oder Brücke?“

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Lorenz Rerup
Lorenz Rerup (Bildmitte) bei einem Besuch in der Zentralbücherei in Apenrade in den 1990er Jahren, umrahmt vom damaligen BDN-Gespann Hans Heinrich Hansen und Peter Iver Johannsen.

Das deutsch-dänische Grenzland gilt heute als kulturelle Brücke, doch der Weg dorthin war lang und steinig. Historisch wurde es oft als Konfliktzone wahrgenommen. Der Historiker Wilfried Lagler wirft einen Blick auf die positiven Entwicklungen seit den 1950er Jahren – mit Literaturempfehlungen auch zur Rolle der nationalen Minderheiten.

Heute ist die deutsch-dänische Staatsgrenze unbestritten eine Brücke zwischen Deutschland und den skandinavischen Staaten bzw. Dänemark, und die nationalen Minderheiten zu beiden Seiten dieser Grenze stellen nicht nur eine historische Besonderheit dar, sondern sind in jeder Beziehung eine große Bereicherung nicht nur im kulturellen Leben des Grenzlandes. Sie stellen einen positiven „Standortfaktor“ dar, wie eine 2007 veröffentlichte „Kompetenzanalyse“ mehrerer europäischer Institutionen im Auftrag des Schleswig-Holsteinischen Landtags eingehend darlegte.

Ein sicher noch ausbaufähiger „Mehrwert“ also, vor allem auch im Hinblick auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen beiden Seiten. Eine solche Sicht war jedoch über lange Zeit nicht selbstverständlich – im Gegenteil.

1950er-Jahre: Als der „Brückenbau“ begann

Die beiden Minderheiten wurden als „Konfliktfaktor“ gesehen, das Grenzland Schleswig galt als nationale „Kampfzone“ zwischen zwei verschiedenen Kulturen, zumal der genaue Grenzverlauf jahrzehntelang umstritten war. Deshalb mag es aus heutiger Sicht erwähnenswert sein, dass es schon in den 1950er Jahren auch Gegenstimmen gab, die auf eine Verständigung, eine neue Sichtweise zielten. Die Staatsgrenze zwischen beiden Staaten sollte demzufolge nicht mehr nur als „Frontlinie“ eines nationalpolitischen Kampfes, sondern vor allem auch als „Brücke“ gesehen werden.

Bereits 1955 erschien eine kleine Schrift von Rüdiger Knebel in der Schriftenreihe der Gesellschaft für Burschenschaftliche Geschichtsforschung e.V. in Frankfurt/Main mit dem Titel: „Schleswig – Front oder Brücke?“ Der junge Autor hatte diese Schrift dem damaligen Kieler Historiker Alexander Scharff (1904–1985), der von 1957 bis 1972 die Professur für Schleswig-Holsteinische und Nordische Geschichte innehatte, vor der Veröffentlichung zum Gegenlesen gegeben. Scharff war Mitglied im Beirat der Gesellschaft für Burschenschaftliche Geschichtsforschung.

Junges, akademisches Interesse

Alexander Scharff
Alexander Scharff (rechts) bei der Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes durch Helmut Lemke (1970)

Es waren vor allem junge Studenten und Akademiker aus dem Grenzland, die sich in der frühen Nachkriegszeit zusammenschlossen. Ihnen ging es nicht nur um einen stärken Zusammenhalt der aus „Südschleswig“ stammenden Studierenden, sondern vor allem auch um die Förderung des gegenseitigen Verstehens. Anfangs war die Gruppe noch recht klein, zum Ende der 1950er Jahre war sie jedoch auf etwa 180 Mitglieder angewachsen und bestand aus mehreren Sektionen.

Von dänischer Seite gehörten Vertreter der „Grænseforeningens Ungdom“ dazu. Diese Gruppe veranstaltete Jahrestagungen mit einer Reihe von Referaten und gab von Februar 1950 bis 1960 eine kleine Zeitschrift heraus mit dem Titel „Front og Bro. Medlemsblad for forening af Sydslesvigs Studerende“ (seit dem Jahrgang 1954: „Tidsskrift for ny folkelighed“). Die Ausgaben von 1950 und 1951 waren großformatig und hektographiert, ab 1952 wurden sie dann kleinformatig gedruckt.

Schriftleiter dieser Zeitschrift war über mehrere Jahre Lorenz Rerup (1928-1996), der aus Flensburg stammte und an den Universitäten in Odense und Kopenhagen Geschichte studierte. Er hatte später – von 1972 bis 1994 – eine Professur für Neuere und Neueste Geschichte an der neugegründeten Universität Roskilde inne und amtierte zuletzt von 1992 bis 1994 als dänischer Generalkonsul in Flensburg.

Ein „anderes“ Zusammenleben wurde gezeichnet

Bereits 1954 kam eine kleine Schrift heraus, die Rerup zusammen mit dem dänischen Journalisten Bent A. Koch (1928-2010) unter dem Titel „Sydslesvig på en anden måde“ herausgab. Lorenz Rerup veröffentlichte später in Dänemark ein Buch über die Grenzlandentwicklung mit dem Titel: „Grænsen. Fra grænsekamp til sameksistens“ (1969). Ein von ihm erschienener Zeitschriftenartikel trägt bezeichnenderweise den Titel: „Dänen und Deutsche. Die Minderheiten sind heute keine Ärgernisse, sondern Reichtümer für die Kulturlandschaft der dänisch-deutschen Grenzregion“ (Beiträge zur Konfliktforschung, Jg. 1987).

Als Schriftleiter der kleinen oben genannten Zeitschrift folgte auf Lorenz Rerup der ebenfalls aus Flensburg stammende Historiker Johann Runge (1926-2014), der Kiel und Kopenhagen Geschichte studierte und 1958 bei Alexander Scharff promovierte. Runge leitete von 1974 bis 1996 die Studienabteilung der „Dansk Centralbibliotek for Sydslesvig e.V.“ in Flensburg. Auch der Historiker Erich Hoffmann (1926-2005), ebenfalls aus Flensburg stammend, gehörte zum Kreis von „Front og Bro“. Er war u.a. mit Lorenz Rerup befreundet und von 1978 bis 1991 Lehrstuhlinhaber für Schleswig-Holsteinische Geschichte an der Universität Kiel.

Nach dem im März 1955 erfolgreichen Abschluss der deutsch-dänischen Regierungsverhandlungen über die „Bonn-Kopenhagener Minderheitenerklärungen“ erschien sogleich eine Schrift der Gruppe um „Front og Bro“ mit dem Titel „Grænsekamp i nye fase? En dansk-tysk samtale“ (1956), herausgegeben von Bent A. Koch und Lorenz Rerup.

Ihrer Meinung hatte mit diesen Regierungserklärungen nun eine neue Phase in den so oft umstrittenen Grenzlandbeziehungen eingesetzt.

Einige Jahre später hat Johannes Hoffmeyer eine nähere Darstellung dieser Diskussion über diese „neue Phase“ veröffentlicht (Hartwig Schlegelberger/Johannes Hoffmeyer: „Der europäische Aufbruch. Grenze als Frage und Antwort“, Flensburg 1969).

Zwar gab es hierzu zunächst mancherlei Gegenstimmen von beiden Seiten, die bei den Befürwortern dieser „neuen Phase“ eher idealistische oder gar wirklichkeitsfremde Bestrebungen sahen, doch dürfte man aus heutiger Rückschau in den Äußerungen der Vertreter von „Front og Bro“ doch Hinweise auf positive und vor allem wegweisende Schritte sehen.

Der Verfasser hat 1981 in Kiel über die Minderheitenpolitik der schleswig-holsteinischen Landesregierung promoviert und war bis 2019 an der Universitätsbibliothek Tübingen tätig.