Kriminalität

Expertin: „Drugging“ ist ein ernstes gesellschaftliches Problem

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Drugging passiert vor allem im Nachtleben (Symbolfoto).

Die Telefonhotline „Giftlinjen“ hat in den vergangenen zehn Jahren einen deutlichen Anstieg an Anrufen erlebt, weil Menschen den Verdacht haben, jemand habe K.-o.-Tropfen in ihren Drink gemischt. Die Polizei hat mittlerweile elf Anzeigen wegen Drugging beim Ringreiterfest in Sonderburg erhalten.

„Drugging“ ist in Dänemark zu einem immer ernsteren Problem geworden. So lautet die Einschätzung der Oberärztin Dorte Fris Palmqvist am Bispebjerg Hospital in Kopenhagen. Sie ist zuständig für die landesweite Telefonhotline „Giftlinjen“, an die man sich bei einem Verdacht auf jegliche Form von Vergiftung wenden kann.

„Wir haben einen deutlichen Anstieg an Anfragen erlebt, bei denen Personen den Verdacht haben, jemand habe Rauschmittel oder bestimmte Medikamente unbemerkt in Drinks gemischt“, so Palmqvist gegenüber dem „Nordschleswiger“.

Hohe Dunkelziffer

Im Jahr 2015 gab es ungefähr 100 Anrufe, im vergangenen Jahr war die Anzahl auf 722 gestiegen. Die Oberärztin betont jedoch, dass die Anzahl der tatsächlichen Fälle nicht unbedingt im selben Umfang gestiegen ist. Ein Teil des Anstiegs ließe sich mit einem größeren Bekanntheitsgrad des Beratungsangebots erklären.

„Für mich besteht jedoch kein Zweifel, dass wir vor einem ernsten gesellschaftlichen Problem stehen. Wir wissen auch, dass es eine große Dunkelziffer gibt“, sagt sie.

Das „Kriminologisk Observatorium“ an der Kopenhagener Universität hat beim Roskilde Festival eine Studie durchgeführt. Sie zeigt, dass 81 Prozent es niemandem gesagt haben, obwohl sie Verdacht haben, K.-o.-Tropfen verabreicht bekommen zu haben. Der weitaus größte Teil der Fälle bleibt somit verborgen.

Empfehlung: Sofort Anzeigen

Die Drugging-Fälle in der Studie sind nicht unbedingt beim Festival passiert. Laut Palmqvist erhalten Menschen am häufigsten im Nachtleben mit Drogen versetzte Drinks. Doch es komme auch bei privaten Festen und Musikfestivals vor.

Wie der jüngste Fall aus Sonderburg zeigt, ist man auch beim Ringreiten davor nicht sicher. Zunächst haben drei Personen einen Verdacht bei der Polizei angezeigt, bis Freitag stieg die Zahl auf zehn Anzeigen und im Laufe des Wochenendes ist eine weitere dazugekommen.

„Wir empfehlen, dass man es sofort anzeigt, wenn man den geringsten Verdacht hat, dass man einem Drugging ausgesetzt gewesen ist“, so Oberärztin Palmqvist. Das würde es der Polizei ermöglichen, zu untersuchen, ob ein Muster dahintersteckt.

„Außerdem kann es dazu beitragen zu verhindern, dass anderen dasselbe widerfährt“.

Jungen Frauen besonders gefährdet

Laut „Giftlinjen“ sind in den meisten Fällen jüngere Menschen betroffen, aber nicht ausschließlich.

„Eine Analyse der Zahlen aus dem Jahr 2021 zeigt, dass in knapp drei Viertel der Fälle, Menschen unter 30 betroffen waren. In der Mehrheit sind es Frauen, aber eine nicht unbedeutende Anzahl Männer wendet sich an uns“, sagt Palmqvist.

Häufig ist das Motiv für Drugging, die Person gefügig zu machen. Das hauptsächlich, um Sexualstraftaten oder andere Delikte, wie Diebstahl, zu begehen. Wie die Studie vom Roskilde Festival zeigt, gibt es jedoch vermehrt auch Fälle, wo die Tatperson es „aus Spaß“ macht.

Mögliche Schutzmaßnahmen für betroffene Personen

Armbänder, Strohhalme oder Nagellack, die K.-o.-Tropfen in Getränken nachweisen können sollen, sind im Drogeriemarkt oder in Apotheken erhältlich. Darauf verlassen sollte man sich aber nicht. „Diese Produkte sind sehr unsicher und reagieren in der Regel nur auf den Wirkstoff GHB. Man sollte sich auf keinen Fall in falscher Sicherheit wägen“, heißt es vom Verein Frauen gegen Gewalt.

Quelle: Frauen gegen Gewalt e.V.