Deutsche Minderheit

Grönland-Kenner: „Dänemark war nicht die gute Kolonialmacht“

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Walter Turnowsky
Walter Turnowsky während seines Vortrags

Verschleppte Kinder, Suizide, Frauen, denen gegen ihren Willen Spiralen eingesetzt wurden: Es ist schwere Kost, die Walter Turnowsky in seinem Vortrag präsentiert. Doch er zeichnet mit berührenden Geschichten auch ein Bild von starken Menschen auf dem Weg in die Selbstständigkeit.

Walter Turnowsky, Hauptstadt-Korrespondent des „Nordschleswigers“, macht sich bereit für seinen Vortrag: Setzt Headset und Brille auf, betritt die Bühne. Um sich dort erst mal mit der Technik herumzuschlagen. Die braucht er, denn in seinem aufwendig gebauten Vortrag bekommen die Menschen, über die er spricht, über Videos und Audios im wahrsten Sinne selbst eine Stimme.

Dann, nach 15 langen Minuten mit streikender Technik: „So, jetzt klappt es endlich. Fangen wir an“, sagt Walter Turnowsky, der sich von alledem, ganz Hauptstadt-Korrespondent, nicht aus der Ruhe bringen lässt. 

Die Menschen, über die er in seinem Vortrag spricht, hat er alle persönlich getroffen. Von 2013 an arbeitete Turnowsky sieben Jahre lang für die grönländischen Medien „KNR“ und „Sermitsiaq“. Einen Einblick in die Lebenswelt der Grönländerinnen und Grönländer zu erhalten, ist ebenso spannend wie wichtig, nachdem der alte weiße Mann im Weißen Haus nicht nachlässt, was seine Besitzansprüche auf die arktischen Gefilde angeht.

Darum geht es allerdings im Vortrag nur am Rande; viel wichtiger sind schließlich die Geschichten über die Menschen.

Vom Rapper zum Minister 

So lernt das gebannt zuhörende Publikum als erstes Maasi kennen: einen von Turnowskys ehemaligen Kollegen. Als stets gut gelaunten Rapper und Journalisten beschreibt er ihn. „Dabei war ihm das nicht in die Wiege gelegt. Maasi hatte eine schwere Kindheit, in der er schon als achtjähriger Hasch rauchte.“

Nach einem Gastauftritt mit der dänischen Band „TV2“ nutzt der Rapper Maasi seine Bekanntheit, um sich für vernachlässigte Kinder einzusetzen. Eines Tages bekommt er einen Anruf: „Maasi wurde gefragt, ob der Minister für Kinder und Jugendliche werden will.“ Er wollte. 

Das sei ganz typisch für Grönland, wie Walter Turnowsky in seinem Vortrag anschaulich präsentiert. „Wer etwas kann, bekommt auch sehr schnell sehr viel Verantwortung.“

Im Dezember allerdings sei Maasi von seinem Amt wieder zurückgetreten: Er habe nicht mehr genügend Zeit für seine eigenen Kinder gehabt. „Das zeigt, welche immense Rolle die Familie in Grönland spielt.“ Aber auch, wie eng Power und Verwundbarkeit beieinander liegen. 

Der Rapper Maasi auf der Bühne mit TV2

Entwurzelt: Das sogenannte Kinder-Experiment 

Dann erzählt Walter Turnowsky die Geschichte von Helene Thiesen. Im Mai 1951 wird sie aus dem Haus der Mutter geholt und nach Dänemark gebracht. Sie ist sieben Jahre alt. In Dänemark wird das Kind zuerst in ein Heim gesteckt, danach in Pflegefamilien untergebracht.

Als das Kind nach einem Jahr wieder nach Hause kommt, kann es sich nicht mehr verständigen: Helene Thiesen hat ihre eigene Muttersprache, Grönländisch, verlernt. Das ist bis heute so geblieben, erzählt Walter Turnowsky.

So wie Helene Thiesen ging es mehr als 20 anderen Kindern. Sie wurden missbraucht für das, was die dänische Regierung damals als „Das Experiment“ bezeichnete. „Die Gruppe von Kindern sollte die Elite für das neue Grönland nach dänischem Vorbild werden“, erklärt Turnowsky den Hintergrund des im wahrsten Sinne unglaublichen Experiments.

22 Kinder, die so ihre grönländischen Wurzeln verloren, soziale Probleme hatten, frühzeitig starben. Von diesen 22 Kindern sind heute noch 6 am Leben. Helene Thiesen ist eines von ihnen.

Helene Thiesen vor dem dänischen Kinderheim, in das sie mit neun Jahren verschleppt wurde

Mit falschen Bildern aufräumen 

Es sind Geschichten wie die von Helene Thiesen, mit denen Walter Turnowsky auch aufmerksam machen will auf falsche Bilder, die der eine oder die andere im Kopf haben mag. „Dänemark ist nicht die gute Kolonialmacht gewesen. Vielleicht kann Dänemark da ein bisschen was von Deutschland lernen“, sagt Walter Turnowsky.

Spirale soll Bevölkerungswachstum eindämmen

Walter Turnowsky spielt das nächste Audio in seinem multimedialen Vortrag ab. Zu hören ist die ruhige Stimme einer Frau. „Ich erinnere mich nicht mehr an viele Details. Aber an die Instrumente erinnere ich mich.“

Naja Lyberth erzählt davon, wie ihr eine Spirale eingesetzt wurde. Da war sie 14 Jahre alt. Sie ist eine von 4.500 Grönländerinnen, denen in den Jahren von 1966 bis 1975 gegen ihren Willen beziehungsweise gegen den Willen der Eltern Spiralen eingesetzt wurden.

Turnowsky erzählt, dass Dänemark über das Wachstum der Bevölkerung besorgt war. Durch die sogenannte Spiralenkampagne habe Grönland weltweit den stärksten Rückgang der Geburtenrate verzeichnet. Viele Frauen hätten niemals Kinder bekommen: Die Spiralen, die man ihnen eingesetzt hatte, seien für junge Frauen überhaupt nicht geeignet gewesen.

Kinder, die nie geboren wurden, junge und ältere Menschen, die sich das Leben nahmen, weil sie eben damit nicht klarkamen: Walter Turnowsky gelingt es trotzdem oder gerade deshalb, ein positives Bild der Menschen Grönlands zu zeigen.

Lebensgeschichten, die Mut machen

Sankelmark
Das Publikum lauscht gebannt den Geschichten aus Grönland.

Ob es Lebensgeschichten wie die seines ehemaligen Kollegen Malik Høegh sind – Tontechniker und Grönlands größter Rockstar, der schon vor über 50 Jahren die Bewegung für die Selbstständigkeit Grönlands anstieß. 

Oder die Geschichte der jungen Frau Paninngnaq Heilmann, die 2014 selbstbewusst im Wahlkampf mit grönländischen Politikern über grönländische Identität diskutiert.

„Man sollte anerkennen, dass Grönland sich längst auf den Weg in die Selbstständigkeit gemacht hat. Das sollte man in Dänemark anerkennen und gelassener damit umgehen“, resümiert Walter Turnowsky. „Und diese Selbstständigkeit bedeutet nicht, Amerikaner zu werden“, so Turnowsky. 

Berührender Vortrag und – Zuhören als Schlüssel zu Wissen

Am Ende des Vortrags erntet Walter Turnowsky anhaltenden Applaus für seine Geschichten aus Grönland. Eine Dame möchte wissen, wo in Nordschleswig man Grönländisch lernen könne; „ein Paukerfach, die Sprache ist wirklich kompliziert“, wie Turnowsky deutlich macht. 

„Das war ganz berührend und schön, tatsächlich die Stimmen aus dem Land zu hören“, sagt eine der Zuhörerinnen nach dem Vortrag. 

Und am Ende geht es genau darum. Um das Hören. Das Zuhören, findet Walter Turnowsky. „Ich selbst habe damals geglaubt, viel über Grönland zu wissen. Tatsächlich wusste ich wenig. Aber wenn man zuhört, statt alles besser zu wissen, erfährt man am meisten über die Menschen.“