Zeitgeschichte

Judenverfolgung in Nordschleswig: Sara aus Gravenstein starb in Auschwitz

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2025 ist es 80 Jahre her, dass das Vernichtungslager Auschwitz befreit wurde. Hier töteten die Nationalsozialisten laut Bundesarchiv schätzungsweise rund 1,1 Millionen Menschen. Auch jüdische Mitmenschen aus der deutsch-dänischen Grenzregion waren unter den Opfern.

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs verhaftete die Gestapo den Berliner Max Bestel in Sonderburg, den die Nationalsozialisten als „Halbjuden“ klassifizierten. Wie oft es zur Verfolgung von jüdischen Mitmenschen in der Grenzregion kam, weiß Autor Bernd Philipsen.

Ein Nachbar lieferte den entscheidenden Tipp, und wenige Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs stürmte die Gestapo das Haus des Sonderburgers Georg Seelk. Er hatte den Berliner Max Bestel auf seinem Dachboden versteckt, den die Nationalsozialisten als „Halbjuden“ einordneten. Beide Männer wurden verhaftet.

Wie erging es Jüdinnen und Juden in Nordschleswig während der Zeit des Nationalsozialismus und der deutschen Besatzung?

„Es gab in Nordschleswig zur Zeit des Zweiten Weltkriegs kaum mehr jüdische Familien“, sagt der Flensburger Journalist und Autor Bernd Philipsen, der am Buch „Juden in Flensburg“ von Bettina Goldberg mitgearbeitet hat.

Menschen jüdischen Glaubens zogen in die Metropolen

Jüdische Familien gab zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in Hadersleben (Haderslev), Apenrade (Aabenraa), Sonderburg und Gravenstein (Gråsten).

„Manche dieser Familien sind nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 mehr und mehr in Richtung der Städte gezogen, um in der Anonymität der Großstadt unterzutauchen“, sagt Bernd Philipsen. „Und schon vorher hatte es einen Trend zu Metropolen gegeben.“

Bernd Philipsen hat unter anderem ein Schicksal einer Jüdin recherchiert: Das Leben von Sara Levy, die 1890 in Gravenstein (Gråsten) zur Welt kam und 1944 in Auschwitz starb. Sie wurde nicht in Nordschleswig gefangengenommen und deportiert, sondern in Niedersachsen.

Unter dem Zwang der Verhältnisse blieb mir nichts anderes übrig, als Berlin fluchtartig zu verlassen. Ich gelangte bis Flensburg, wo ich die dänische Grenze überschritt und in Sonderburg im Hause eines Dänen Unterschlupf fand. Hier wurden der Däne und ich von der Gestapo im Hause verhaftet.

Max Bestel

„Sara Levy heiratete den Kaufmann Walter Wirtheim und zog zu ihm nach Hannover“, sagt Bernd Philipsen.

Als es im Oktober 1943 in Dänemark zur Verhaftung von Menschen jüdischen Glaubens kam, war Sara aus Gravenstein bereits inhaftiert. 1942 wurde sie zusammen mit ihrem Mann aus Hannover nach Theresienstadt deportiert, von wo aus sie ins Vernichtungslager Auschwitz kam.

„Gezielte Festnahmen und Verhaftungen durch die Gestapo gab es in Nordschleswig meines Wissens nicht, da es im Grunde keine Jüdinnen und Juden in Nordschleswig mehr gab“, sagt Philipsen.

Der in Sonderburg verhaftete Max Bestel ist einer der wenigen Menschen mit Verbindung zum Judentum, über dessen Verhaftung in Nordschleswig etwas bekannt ist. Er kam gebürtig aus Berlin, wo der Auslandskorrespondent nach eigener Aussage von der I. G. Farbenindustrie als Zwangsarbeiter verpflichtet worden war, auf einer Baustelle in Auschwitz zu arbeiten. Ihm gelang die Flucht nach Berlin, wo es für ihn immer gefährlicher wurde.

Bernd Philipsen (2. v. l.) hat sich als Journalist und Publizist umfassend mit dem Judentum im deutsch-dänischen Grenzland befasst.
Mittlerweile gibt es auch in Nordschleswig sogenannte Stolpersteine. Dieser Stein erinnert in Schelde (Skelde) an den Grenzwächter Thomas Emil Jessen, der von der Gestapo verhaftet wurde und im Konzentrationslager starb. Die Gestapo warf ihm und anderen Grenzgendarmen vor, jüdische Flüchtlinge an der deutsch-dänischen Grenze nicht abgefangen zu haben.

In amtlichen Dokument nach Ende des Kriegs schreibt Bestel: „Unter dem Zwang der Verhältnisse blieb mir nichts anderes übrig, als Berlin fluchtartig zu verlassen. Ich gelangte bis Flensburg, wo ich die dänische Grenze überschritt und in Sonderburg im Hause eines Dänen Unterschlupf fand. Hier wurden der Däne und ich von der Gestapo im Hause verhaftet.“

Max Bestel kam im April 1945 auf freien Fuß

Während der Haft in Sonderburg im März 1945 bedrohte die Gestapo Bestel in Verhören mit der Peitsche, nach einigen Tagen überstellte man ihn ins Landgerichtsgefängnis Flensburg (Flensborg). Im April 1945 kam er auf freien Fuß, und nach dem Ende des Kriegs stellte er 1946 einen Antrag beim Flensburger Sonderhilfsausschuss für Häftlinge von Konzentrationslagern.

Die ehemalige Kreismeldekartei Bernau zeigt Einwohnermeldedaten für Max Bestel. Demnach war er seit den 1950er Jahren geschieden und wohnte er seit 1946 in Bernau. 1952 zog Max Bestel nach Zepernick und war 1955 bei der DIA Berlin als Export-Kaufmann tätig. Am 19. September 1955 zog Max Bestell nach Westdeutschland. Der Seite „Find a Grave“ zufolge verstarb Max Bestel 1990 in Düsseldorf.

Im Buch „Juden in Flensburg“ ist dokumentiert, dass in der Nachbarstadt Flensburg weitaus mehr jüdische Mitmenschen gab, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen.

Die Zahl der bekannten Flensburger Holocaustopfer liegt bei 44 Personen.

Dieses Dokument aus dem Stadtarchiv Flensburg zeigt den Antrag von Max Bestel an den Sonderhilfsausschuss für frühere Häftlinge von Konzentrationslagern.