Flucht 1945

Drei Jahre Kindheit im Flüchtlingslager Oksbøl: Helmut Tomaschewski erinnert sich

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Internierte deutsche Flüchtlingskinder schauen über den Koldingfjord.

Im vierten und letzten Teil der Erinnerungen von Helmut Tomaschewski und seiner Cousine Else Keuchel an die Zeit als Ost-Flüchtlinge ab 1945 in Dänemark beschreibt der heute 84-Jährige seine Kindheit im Flüchtlingslager Oksbøl.

Es ist Sommer 1947. Im August wird Helmut Tomaschewski sechs Jahre alt. Er lebt mit einem Teil seiner Familie im Lager Oksbøl, wo deutsche Flüchtlinge untergebracht sind. Seine zehnjährige Cousine hat mit ihrem Teil der Familie Glück. Sie kann das Lager verlassen und nach Deutschland reisen.

Je älter der junge Helmut Tomaschewski wird, desto mehr kann er sich an das Lagerleben erinnern. Er schreibt: „Da ich es ja nicht anders kannte und ich auch keine Vergleiche hatte, war für mich, im Gegensatz zu meiner Cousine Else, das Lagerleben normal. Ich kann mich nicht entsinnen, dass ich gehungert hatte, denn meine Mutter sorgte gut für mich, sodass es mir an nichts fehlte. Da sie Schneiderin war, war ich auch immer gut angezogen. Sie nähte auch für andere Leute und auch in einer Nähstube. Dafür bekam sie zusätzlich mal was zu essen.“

Helmut Tomaschewski

Geplagt von Ungeziefer

Viele Menschen auf engstem Raum, wenig Möglichkeit zur Hygiene – Ungeziefer wird ein Problem. Helmut Tomaschewski erinnert sich an eine Entwanzungsaktion, die nicht viel brachte, und an Wände aus Krepppapier mit einer unangenehmen Eigenschaft: „Da die beiden Seiten der zusammengestellten Stockwerksbetten von verschiedenen Familien bewohnt wurden, musste man eine Trennung einbauen. Dies löste man mit Krepppapier. Krepppapier hat nun die Eigenschaft, dass es sehr elastisch ist. Es gibt nach, wenn man dagegen drückt und wenn man wieder nachlässt, bilden sich längliche Röhren. Dies war ein ideales Tagesversteck für Wanzen und davon hatten wir genug.“

Reichlich Sand zum Spielen

Kinder wollen spielen. Selbst das war in Oksbøl möglich – wenn auch mit Grenzen: „Sand zum Spielen war reichlich vorhanden und es gab auch einen Wald in der Nähe, durch den man streifen konnte, bis man an einen Stacheldrahtzaun kam, der uns vom Rest der Welt trennte“, so Helmut Tomaschewski, der auch einige Spielsachen sein Eigen nennen konnte: ein Steckenpferd, eine alte Fahrradfelge, einen kleinen schwarzen Stoffhund und ein Holzpuzzle mit dem Bild einer Hasenschule. Das hat Helmut Tomaschewski immer noch.

Mit seinen guten sechs Jahren ist es Zeit, zur Schule zu gehen. Ab Ostern 1948 besucht er die 1. Klasse der deutschen Lagerschule in Oksbøl. „An Details von dieser Schulzeit kann ich mich nicht mehr erinnern, aber das Zeugnis vom 2. Oktober 1948 habe ich noch und es ist sehr gut ausgefallen“, erinnert sich Helmut Tomaschewski.

Das Lager leert sich

Noch einmal wird es eng im Lager, obwohl immer mehr Deutsche ausreisen können. „Die Leute aus den Pferdeställen wurden in die frei gewordenen Wohnbaracken eingewiesen. Ich nehme an, dass es im Frühjahr oder Sommer 1948 war. Diese Baracken waren zwar zum Wohnen eingerichtet, aber es wurden sehr viele Leute in einem Raum zusammengelegt, so dass wir jetzt wieder sehr beengt wohnten.“

Dann geht es schnell: „Mit Datum vom 22. November 1948 erhielten wir einen Notpass, dies war anscheinend eine vorbereitende Maßnahme zum Ausreisen. Sicher ging es danach gleich ans Packen. Für Freitag, 26. November 1948, war der Abtransport vorgesehen.“

Mit dem Zug nach Deutschland

„Wir hatten zwar wenig, aber das Wenige von drei Leuten, vor allem das Bündel mit den Federbetten, die wir bis hierher gerettet hatten, war für meine schwache Mutter sicher mehr als zu viel“, erinnert sich Helmut Tomaschewski und denkt sich: „Der Opa mit 83 Jahren war keine große Hilfe. Ich mit sieben Jahren tat wahrscheinlich mein Bestes, aber die Hauptlast blieb doch bei meiner Mutter. Auf irgendeine Weise schafften wir es bis zum Bahnhof und in den Zug, der uns nach Deutschland brachte.“

Seine Heimat hat er wie seine Cousine in Weilheim gefunden, ganz im Süden der Bundesrepublik, dort, wo die Alpen sich am Horizont abzeichnen. Dort lebt Helmut Tomaschewski immer noch nach seiner Flucht von Ostpreußen über die Ostsee nach Dänemark, wo er dreieinhalb Jahre seiner Kindheit verbrachte. Er heiratete und baute sich in den Nachkriegsjahren eine Existenz auf und konnte Not und Armut hinter sich lassen. Dänemark, das Lager Oksbøl, besuchte er mehrmals, 1966 und 2010. Als das Museum Flugt in Oksbøl öffnete, fuhr er hin, um es sich anzuschauen. Vom neuen Museum angetan, habe er, der Jahre dort verbrachte, einen Nachbau des Lagerlebens vermisst, um den Besucherinnen und Besuchern zu zeigen, unter welchen einfachen Bedingungen die Menschen dort ihre Zeit verbringen mussten, so Helmut Tomaschewski am Telefon.

Teil 4 von 4 Teilen, basierend auf den Aufzeichnungen und Erinnerungen von Helmut Tomaschewski und seiner Cousine Else Keuchel, geborene Grabowski, geboren 1941 bzw. 1935. Alle Artikel zum Thema unter https://www.nordschleswiger.dk/de/kriegsfluechtlinge