Lokale Geschichte

Als „unechte“ Tochter auf der Suche nach biologischem Vater

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Ketty Atzen (ganz rechts) zog die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Vortragsabend des lokalhistorischen Vereins Hoyer in den Bann. Sie vermittelte mit ihren Ausführungen ein Bild der Nachkriegsgesellschaft in Nordschleswig, in der unehelichen Kindern und deren Müttern das Leben oft nicht leicht gemacht wurde.

Die Hoyeranerin Ketty Atzen fesselte im lokalhistorischen Verein ihre Zuhörerschaft mit ihrer Lebensgeschichte: In ihrer Kindheit waren die fürsorglichen Großeltern Elternersatz für die unehelich geborene Enkelin.

Kein Platz war während des Vortragsabends des lokalhistorischen Vereins Hoyer im alten Bürgermeisteramt frei, als dort Ketty Atzen ihre Lebensgeschichte unter dem Titel „Længsel efter min biologiske far“ (Sehnsucht nach meinem biologischen Vater) vortrug.

Ketty Atzen berichtete, dass sie im Jahr 1947 im Elternhaus der Mutter in Hoyer als uneheliches Kind geboren wurde. Sie nahm die 40 Zuhörenden mit in die Nachkriegszeit in Hoyer, wo die Großeltern als Elternersatz einsprangen, nachdem die Beziehung der Mutter zum Vater ihrer kleinen Tochter abgerissen war.

Geschehen aus Perspektive der unehelichen Kinder dargestellt

Die Referentin verstand es, ihr eigenes Erleben der Situation zu vermitteln, von den Großeltern fürsorglich betreut zu werden, dabei aber zugleich die leibliche Mutter in Unklarheit und Distanz zu erleben.

Ketty Atzen berichtete über das Leben der Mutter als junges Mädchen in Hoyer. Sie hatte den in Nordjütland beheimateten Vater ihres Kindes während seiner Stationierung als dänischer Soldat im Grenzgebiet mit Unterkunft in ihrem Heimatort kennengelernt.

Ketty Atzen illustrierte ihre Ausführungen durch Lichtbilder. Das Foto zeigt die Referentin zusammen mit ihrer Freundin als Teilnehmerinnen des Kinderkarnevals im vor 50 Jahren aus dem Hoyeraner Ortsbild verschwundenen Hotel Sylt.

Uneheliche Kinder auch als „Erbe“ der Besatzungszeit

In Hoyer lebten in der von Spannungen zwischen deutschen und dänischen Nordschleswigern geprägten Nachkriegszeit zahlreiche uneheliche Kinder. Oftmals waren bis 1945 in Hoyer stationierte deutsche Soldaten deren Väter.

Die dänischen Soldaten wurden ab 1945 zur Bewachung der deutsch-dänischen Grenze, aber auch zur Abriegelung von Flüchtlingslagern wie dem Heim für nach Hoyer evakuierte Kinder im Hof Hohenwarte eingesetzt.

Es wurde deutlich, dass die Situation als Mutter eines unehelichen Kindes Ende der 1940er-Jahre nicht einfach war. So war Ketty Atzens Mutter zeitweise geradezu von der Bildfläche der eigenen kleinen Tochter verschwunden.

Die Referentin berichtete über eine schöne Kindheit in ihrem Heimatort Hoyer mit Freundinnen im dänischen wie deutschen Bevölkerungsteil des Ortes. Auf den Lichtbildern, mit denen der Vortrag illustriert wurde, tauchten anrührende Kinderfotos ebenso wie Abbildungen von Kinderfesten auf.

Ketty Atzen hat ihre Großeltern, abgebildet das Paar im hohen Alter, in dankbarer Erinnerung. Sie sicherten der Enkelin eine Kinheit in Geborgenheit.

Schatten während der Kindheit

Dabei wurde aber auch immer wieder klar, dass die Rolle als „uægte barn“ („unechtes Kind“) immer wieder einen Schatten auf die Kindheit und Jugend der Referentin geworfen hat.

Sei es bei Fragen in der Schule oder beim eigentlich liebevollen Kontakt zu den jüngeren Geschwistern, die ins Leben von Ketty Atzen traten, nachdem die Mutter mit einem neuen Partner eine Familie gegründet hatte.

„Die Geschwister waren nie meine richtigen Geschwister, ich habe meine Mutter lange nur mit ihrem Vornamen Kirsten angesprochen“, so die Referentin.

Sie verriet im weiteren Teil des Vortrags, wie sie erst vor knapp 20 Jahren ihren leiblichen Vater aufgespürt hat, nachdem sie jahrzehntelang nicht über dessen Identität aufgeklärt worden war – und sich auch lange nicht getraut hatte, Aufklärung in der Familie einzufordern.

Staunend hörten die Anwesenden, wie Ketty Atzen, nach Gründung einer eigenen Familie und Jahren fern der Heimat, unter anderem in Kanada, im Jahre 2006 erstmals den Vater in Nordjütland getroffen hat.

Ketty Atzen zeigte auch ein Lichtbild, das ihren leiblichen Vater als Gardesoldaten zeigt. Sie hat spät erfahren, dass er längere Zeit mit ihrer Mutter befreundet war. Er hat später auch Unterhalt für die uneheliche Tochter gezahlt und vergeblich Kontakt zur Tochter gesucht, während diese in Kanada lebte.

Mit Unterstützung aus der Familie und nach einiger Überwindung gelang es über ein lokalhistorisches Archiv, Kontakt herzustellen.

Erleichterung durch Zusammentreffen

Der hochbetagte Vater gestand, dass er jahrzehntelang Sehnsucht nach der unehelichen Tochter gehabt hatte, obwohl er eine „neue“ Familie gegründet hatte.

Die Referentin berichtete, dass sie bis heute eine große Erleichterung verspüre, den biologischen Vater kennengelernt zu haben, der eineinhalb Jahre nach dem ersten Zusammentreffen verstorben ist.