Deutsche Minderheit

Einblicke in jüngere deutsche Kirchengeschichte Nordschleswigs

Blick in jüngere deutsche Kirchengeschichte Nordschleswigs

Blick in jüngere deutsche Kirchengeschichte Nordschleswigs

Apenrade/Aabenraa
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Das Foto aus dem Jahr 1965 zeigt die Erntedankfeier im Pfarrbezirk Feldstedt mit Pastor Augustin in der Scheune Lachsmühle. Foto: Matthiesen-Verlag

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Der frühere Pastor der Nordschleswigschen Gemeinde, Propst em. Dr. Hermann Augustin, lenkt mit seinem Buch „Kirche muss Kirche bleiben“ das Interesse auf in Vergessenheit geratene Phasen des Kirchenlebens der deutschen Minderheit nach 1920. Ergänzt durch Beiträge Dr. Günter Weitlings wird die Phase 1933 bis 1945 kritisch unter die Lupe genommen.

Im Jahr vor dem 100-jährigen Bestehen der Nordschleswigschen Gemeinde, die 1923 als Reaktion auf die Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse nach der Abtretung Nordschleswigs an Dänemark 1920 entstanden ist, liefert das gerade veröffentlichte Buch von Dr. Hermann Augustin, „Kirche muss Kirche bleiben!“, neue Einblicke in die jüngere deutsche Kirchengeschichte im Landesteil.

Viele historische Fotos

Das durch viele Fotos insbesondere aus den 1950er und 1960er Jahren illustrierte Werk enthält historische Beiträge Dr. Günter Weitlings, der in seinem 2007 erschienenen Buch „Deutsches Kirchenleben in Nordschleswig seit der Volksabstimmung 1920“ unter anderem auch das Eindringen nationalsozialistischen Gedankengutes in die kirchliche Arbeit insbesondere im ländlichen Raum Nordschleswigs zwischen 1933 und 1945 beleuchtet hat.

 

Auf einem Foto ist der langjährige Geschäftsführer der Nordschleswigschen Gemeinde, H. B. Jepsen, an seinem Arbeitsplatz in Tingleff abgebildet. Foto: Matthiesen-Verlag

 

Auch der 1932 in Lendemark geborene Hermann Augustin, der seit 1963 im Pfarrbezirk Feldstedt (Felsted) für die Nordschleswigsche Gemeinde (NG) tätig war, setzt sich kritisch mit der „braunen“ Vergangenheit der Nordschleswigschen Gemeinde auseinander, was im Untertitel des 160 Seiten starken Buches, „Nationale und nationalsozialistische Einflüsse auf das evangelisch-lutherische kirchliche Leben der deutschen Minderheit in Nordschleswig“ zum Ausdruck kommt.

NS-Verstrickungen und Neustart

Ausführlich wird an den schwierigen Neustart der Nordschleswigschen Gemeinde nach 1945 erinnert, als NG-Pastoren von den dänischen Behörden ausgewiesen worden waren oder wegen Verurteilungen durch die dänische Justiz aufgrund von NS-Verstrickungen keine Amtshandlungen vornehmen konnten.

Augustin geht besonders auch auf die Spaltung der kirchlichen Betreuung der deutschen Nordschleswiger ein. Während die Stadtgemeinden als Bestandteil der dänischen Volkskirche mit Pastoren wie Friedrich Prahl oder Carl Beuck deutlich weniger Teil der NS-Gleichschaltung der Minderheit nach 1933 wurden, kam es im ländlichen Raum, in dem die NG dominierte, zu einer Entwicklung, die der in Schleswig-Holstein nach 1933 ähnelte. Augustin schreibt, dass offiziell die NG nicht den Kurs der NS-nahen deutschen Christen übernommen habe, allerdings Einzelpersonen.

 

Ein schlichter Einband prägt das neue Buch. Foto: Matthiesen-Verlag

 

Erwähnt wird auch die Rolle der Breklumer Mission, die mit Anhängerschaft auch in Nordschleswig der Gleichschaltung der Kirche widerstanden habe. Nachzulesen ist über die unrühmliche Rolle der Kirche im Buch Augustins die Passage, dass der nordschleswigsche Pastor Gottfried Horstmann anlässlich des Einmarsches deutscher Truppen in Dänemark am 9. April 1940 die Nordschleswigsche Gemeinde aufforderte, „zu beten für Führer und Volk, für Wehrmacht und Heimatfront“, als Glied der evangelischen Kirche Großdeutschlands.

Mutige deutsche „Stadtpastoren"

Augustin knüpft in diesen Passagen an das Werk Weitlings an, in dem unter anderem auch die mutige Position der deutschen „Stadtpastoren“ bekannt gemacht wird. Diese hatten sich im September 1943 das Eintreten der dänischen Volkskirche zugunsten der von der Deportation bedrohten dänischen Juden zu eigen gemacht, und den Hirtenbrief des aus Nordschleswig stammenden Kopenhagener Bischofs Fuglsang-Damgaard in ihren Kirchen verlesen. Die Folge waren Anfeindungen aus Kreisen der Nordschleswigschen Gemeinde und die Einrichtung eines „Kirchenamtes“, mit dem die nordschleswigsche NS-Spitze um Jens Möller Druck auf die unabhängigen Stadtpastoren ausüben wollte.

Das Engagement unter anderem Pastor Prahls beim Entstehen der Haderslebener Erklärung, die 1945 wesentlich zum demokratischen Neuanfang der deutschen Nordschleswiger beigetragen hat, belegt, dass die „widerspenstigen“ Geistlichen gewissermaßen ein Stück Ehre der deutschen Nordschleswiger gerettet haben, auch wenn sich viele Mitglieder der Minderheit im Banne einer „Faarhusmentalität“ und Uneinsichtigkeit nicht kritisch mit der Zeit vor 1945 befassen wollten.

Nachkriegszeit

Hermann Augustins Ausführungen zur Nachkriegszeit sind besonders zur Lektüre zu empfehlen. Sie erinnern an das inzwischen alte deutsche Nordschleswig, als mit bescheidenen Mitteln treue Seelen die Gemeindearbeit stützten und auch Gemütlichkeit bei Kaffeetafeln und Veranstaltungen die Leute zusammenhalten ließen.

 

Auch das frühere Römlager, ein Foto aus dem Jahre 1972, findet im Buch Augustins Erwähnung. Foto: Matthiesen-Verlag

 

Die Schwarz-Weiß-Bilder, teilweise wohl aus der Privatsammlung Hermann Augustins, der bis 1973 in Nordschleswig wirkte und nach Tätigkeit in Hamburg Propst in Ratzeburg und stellvertretener Bischof des Sprengels Holstein-Lübeck war, belegen die Stimmung der damaligen Zeit.

Wie Mitautor Günter Weitling, der bis 2000 den deutschen Gemeindeteil der Volkskirche in Sonderburg (Sønderborg) betreut hat, kann Augustin auf ein wissenschaftliches theologischen Wirken zurückblicken. Er hat sich vor allem auch mit der NS-nahen Kirche in Schleswig-Holstein beschäftigt.

Rolle Bischof Westers

Im Buch findet man auch Auskunft zum Titel des Buches, „Kirche muss bleiben!“. Es ist ein Ausspruch des Schleswiger Bischofs Reinhard Wester, der nicht nur eine wichtige Rolle beim Neuanfang der Kirche in Schleswig-Holstein gespielt, sondern über seine Kontakte zu den lutherischen Kirchen in Dänemark, Schweden und Norwegen auch Hindernisse für die in den Augen der dänischen Mehrheitsbevölkerung diskreditierten deutschen Nordschleswiger einen Wiederaufbau der Nordschleswigschen Gemeinde unterstützt hat.

Neue deutsch-dänische Partnerschaft

Im Buch Augustins werden auch die Annäherung und inzwischen vertrauensvolle Partnerschaft der deutschen evangelischen Kirchen in Nordschleswig und in Schleswig-Holstein mit den dänischen Gemeinden nördlich und südlich der Grenze gewürdigt. Augustin vermittelt den Eindruck, dass auf dänischer Seite sehr lange auch ein mitunter wohl übertriebener Argwohn gegenüber der deutschen „Konkurrenz“ in den Dorfkirchen gepflegt worden ist.

 

Das neue NG-Kirchenkontor samt Mitarbeiterteam ist auch im Buch abgebildet. Foto: Matthiesen-Verlag

Der nun schon seit vielen Jahren vorherrschende neue Geist kommt im Text auf der Titelseite des Buches zum Ausdruck: „Nach neuen Anfängen sind dänische Mehrheit und deutsche Minderheit bei kirchlicher Arbeit im Grenzland Nordschleswig gemeinsam auf dem Weg.“

In seinem Vorwort zum neuen Buch spricht der heutige Senior der Nordschleswigschen Gemeinde, Pastor Matthias Alpen, den teilweise schwierigen Verlauf der Annäherung an.

„Kirche muss Kirche bleiben“ ist im Matthiesen-Verlag in Husum erschienen. Es ist zum Preis von 18 Euro im Buchhandel erhältlich.

 

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