75 Jahre „Der Nordschleswiger“

Lokalredakteurin im Ruhestand: „Ich habe mich getraut!“

Lokalredakteurin im Ruhestand: „Ich habe mich getraut!“

Lokalredakteurin im Ruhestand: „Ich habe mich getraut!“

Karin Friedrichsen
Karin Friedrichsen Journalistin
Nordschleswig
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Gisela Seffel wohnt seit über zehn Jahren in Grenznähe bei Krusau. Foto: Karin Riggelsen

„Der Nordschleswiger“ wurde am 2. Februar 75 Jahre alt. Wir bringen im Laufe des Jubiläumsjahres eine Serie über uns selbst. Ehemalige journalistische Mitarbeiter blicken zurück auf ihre Zeit bei der Zeitung der deutschen Minderheit.

75 Jahre

„Der Nordschleswiger“ wurde am 2. Februar 2021 75 Jahre, und am selben Tag erschien die Tageszeitung der deutschen Minderheit in Nordschleswig zum letzten Mal. „Der Nordschleswiger“ setzt in Zukunft primär auf eine digitale Berichterstattung.

Dies ist eine Jubiläums-Serie über die Geschichte und die Zukunft des „Nordschleswigers“.

Gisela Seffel hat über drei Jahrzehnte beim „Nordschleswiger“ gearbeitet. Als sie sich 1980 bei Chefredakteur Siegfried Matlok auf eine Stelle im Kulturressort bewarb, machte der Chefredakteur sie darauf aufmerksam, dass sie bei einer Zusage zum neuen Job Neuland betreten und die erste Journalistin der Zeitung werde.

Die erste Frau in der Riege kam auf den Prüfstand

„Matlok fragte mich, ob ich mich traue, nur unter Männern zu arbeiten. Ich habe mich getraut!“, sagt Gisela Seffel. Obwohl ursprünglich angedacht war, dass sie für das Kulturressort arbeiten sollte, musste sie zunächst „dauernd“ Vertretungen machen.

Gisela Seffels erste Vertretung hatte einen traurigen Hintergrund, denn der langjährige Redakteur Günther Kirsten in Tingleff (Tinglev) war gestorben. „Der Nordschleswiger“ hatte seine Lokalredaktion im Haus des verstorbenen Mitarbeiters. „Frau Kirsten, die damals noch im Haus wohnte, hat mir eine Decke gebracht und auch eine warme Suppe gekocht“, erinnert sich Gisela Seffel an den Alltag bei kühler Raumtemperatur im Winterhalbjahr.

Unvergessen bleibt ihr auch das anhaltende Ticken des Fernschreibers. „Das war immer ein Wettlauf, wir mussten in der uns zur Verfügung gestellten Zeit unsere Artikel in den Fernschreiber eingeben“, sagt die Redakteurin im Ruhestand. In den Anfangsjahren wurde noch mit Bleisatz gearbeitet, und die Lokalredaktionen übermittelten ihre Texte per Fernschreiber an die Hauptredaktion. „Das war ziemlich aufregend“, so Seffel, die als neu Hinzugekommene Kontakte aufbauen musste und im Wettlauf mit der zugeteilten Zeit am Fernschreiber schnell arbeiten musste.

Matlok fragte mich, ob ich mich traue, nur unter Männern zu arbeiten. Ich habe mich getraut!

Gisela Seffel, Lokalredakteurin im Ruhestand

Von Sonderburg an die Westküste

Nach Tingleff wurde die Lokalredaktion in Tondern (Tønder) Gisela Seffels nächste berufliche Anlaufstelle. „Da musste ich jeden Tag die lange Tour fahren von Sonderburg an die Westküste“, so Seffel, die sich, aus Deutschland kommend, in der Region Sonderburg (Sønderborg) niedergelassen hatte.

„Ich war auch noch nicht so firm im Dänischen. Deswegen war ich froh, dass ich in Tondern einige aus der deutschen Minderheit kannte. In Tondern konnte ich auch mit Sekretärin Traute Hiller zusammenarbeiten“, sagt Gisela Seffel. Nach ihrer Zeit an der Westküste und einer kurzen Vertretung in der Sonderburger Lokalredaktion übernahm sie die Leitung der Lokalredaktion in Hadersleben (Haderslev).

Umzug in die Domstadt

Chefredakteur Matlok hielt es damals für selbstverständlich, dass Lokalredakteure und Lokalredakteurinnen vor Ort wohnten. Deswegen war Seffels Beförderung mit einem Wohnortwechsel verbunden. Sie kaufte sich ein kleines Haus am Mühlenstrom und lebte sich gut ein in der Domstadt, wo sie sich tatkräftig in der deutschen Minderheit einbrachte.

Gisela Seffel kam 1980 zum „Nordschleswiger“. Nach Einsätzen in den Lokalredaktionen in Tingleff, Tondern und Sonderburg arbeitete sie über 25 Jahre in Hadersleben. Foto: Karin Riggelsen

Nette Begegnungen mit Lesern

In Hadersleben arbeitete Gisela Seffel rund 25 Jahre. „Es gab viele nette Begegnungen mit Leuten, die oft in der Redaktion vorbeischauten. Obwohl das den Arbeitsgang etwas aus dem Rhythmus bringen konnte, ergaben sich daraus auch Impulse für Geschichten“, sagt Gisela Seffel. Nach dem langjährigen Standort am Jungfernstieg 5 verlegte „Der Nordschleswiger“ in den 1990er Jahren seine Lokalredaktion an den Gammelting.

Probleme mit der Technik blieben nicht aus

„Wir waren die erste Zeitung, wo die Redakteure den Umbruch selber machten“, spricht Gisela Seffel die Umstellung auf digitale Plattformen, die in den 1980er und 1990er Jahren Schwung aufnahmen, an.

Wenn es Probleme gab mit der Technik, sei es auch schon vorgenommen, dass sie mit überhöhter Geschwindigkeit in die Hauptredaktion fuhr, um ihre Produktion auf einem externen Datenspeicher abzuliefern. Es sei auch geschehen, dass ganze Seiten verschwanden und Artikel und Meldungen von vorne geschrieben werden mussten. Während ihrer Zeit als Lokalredakteurin vertrat Gisela Seffel auch viele Jahre die Interessen ihrer Kollegen und Kolleginnen als gewerkschaftliche Vertrauensfrau.

Frauen in vier Lokalredaktionen

Als Gisela Seffel 2007 den Posten als Lokalredakteurin an Ute Levisen abgab, entschloss sie sich zum Umzug in die Nähe von Krusau (Kruså). Ihre Tätigkeit bei der Zeitung setzte sie weitere Jahre auf Teilzeitebene in der Hauptredaktion und im Homeoffice fort.

„Ich war über 70, als ich in den Ruhestand ging“, sagt Seffel, die 2020 ihren 80. Geburtstag feierte. Nach über drei Jahrzehnten beim „Nordschleswiger“ hat sie mit den beiden Chefredakteuren Siegfried Matlok und Gwyn Nissen zusammengearbeitet. Als erste Redakteurin ebnete sie Kolleginnen den Weg in die Redaktionsräume. Seit ihrem Einstieg 1980 haben viele Mitarbeiterinnen Einzug gehalten ins Redaktionsteam des „Nordschleswigers“. Als „Der Nordschleswiger“ am 2. Februar sein 75-jähriges Bestehen beging, führten Redakteurinnen die Lokalredaktionen in Sonderburg, Hadersleben, Tondern und Apenrade. Lediglich in Tingleff ist die Stelle des Redakteurs mit einem Mann besetzt.

Die Zeitung kann nicht mehr geteilt werden

„Als ich nach Krusau zog, wurde der ehemalige technische Leiter des ,Nordschleswigers‘ mein unmittelbarer Nachbar. Ich habe all die Jahre die Zeitung mit ihm geteilt. So hat sich der Kreis geschlossen“, sagt Gisela Seffel und lacht. Das Teilen der Zeitung ging am 2. Februar, als die Tageszeitung auf Papier wegfiel und „Der Nordschleswiger“ eine Web-Zeitung wurde, zu Ende. Jetzt liest die Redakteurin im Ruhestand „ihre Zeitung“ auf dem Tablet.

Die ehemalige Lokalredakteurin Ruth Nielsen engagiert sich nach wie vor für die deutsche Minderheit im Raum Sonderburg. Foto: Karin Riggelsen

Aus angedachten fünf Jahren wurden drei Jahrzehnte

Als Ruth Nielsen 1989 ihr Volontariat beim „Nordschleswiger“ einleitete, hatte sie nicht erwartet, dass sie der Zeitung 30 Jahre lang die Treue halten würde. Herbert Giese, ihr Vorgänger in der Sonderburger Lokalredaktion, feierte sein 25-jähriges Dienstjubiläum in der Alsenmetropole. „Damals habe ich noch gedacht: 25 Jahre in der Lokalredaktion, nie im Leben. Ich bleibe höchstens fünf Jahre“, sagt Ruth Nielsen.

Damals habe ich noch gedacht: 25 Jahre in der Lokalredaktion, nie im Leben. Ich bleibe höchstens fünf Jahre.

Ruth Nielsen, ehemalige Lokalredakteurin

Engagierter Einsatz von Anbeginn

Die an der Pädagogischen Hochschule Vechta und an der Universität Oldenburg ausgebildete Lehrerin kam 1983 nach Dänemark. Nach Vikariaten an den Schulen des Deutschen Schul- und Sprachvereins für Nordschleswig (DSSV) bot Chefredakteur Siegfried Matlok ihr an, beim „Nordschleswiger“ einzusteigen. Das war 1989. Nach sechs Wochen in der Hauptredaktion wurde Ruth Nielsen vertretungsweise für einige Wochen nach Hadersleben geschickt.

„Ich war journalistisch ungelernt, aber ich konnte schreiben, das war es. In den ersten Tagen in der Hauptredaktion habe ich lange an meiner ersten Meldung gesessen. Ich wusste, dass ich für die Öffentlichkeit schreibe. Deswegen war mir wichtig, dass mein Text Hand und Fuß hat. Das war ziemlich anstrengend“, sagt Ruth Nielsen.

Interviews mit Bürgermeistern

Nielsen, die damals Anfang 30 war, fand schnell den Rhythmus des Arbeitsalltages einer Journalistin. Der Chefredakteur hielt interessante Aufgaben für sie bereit. Der Redakteur der Apenrader Lokalredaktion nahm sie anfänglich unter seine Fittiche. Als „Der Nordschleswiger“ eine Artikelserie mit den damaligen 23 Bürgermeistern des Landesteils machte, führte Ruth Nielsen etwa die Hälfte der Interviews. Matlok hatte, so Nielsen, es so zurechtgelegt, dass sie die Gespräche hatte mit den Stadtoberhäuptern der Region Sonderburg. Dadurch konnte Ruth Nielsen sich im Vorfeld ihres kommenden Wirkungsbereichs bekannt machen.

Lokalredaktion mit Faxanschluss

Im Herbst 1990 übernahm Nielsen die Leitung der Lokalredaktion in ihrem Wohnort Sonderburg. In der Redaktion am Rönhofplatz hatte sie nicht nur Sekretärin Hilda Lindemann From, die auch redaktionelle Aufgaben leistete, an ihrer Seite. Sie hatte auch das große Glück, wie sie sagt, die neueste technische Errungenschaft der Zeitung, das Faxgerät, in ihrem Büro vorzufinden.

„Mit einem Fax konnte man schnell reagieren, wenn man beispielsweise einen Interviewpartner erreichen wollte“, sagt Ruth Nielsen. Das Faxgerät war aber auch gut für die Lokalredakteurin, um Kontakte zu den Vereinen und Organisationen der deutschen Minderheit zu knüpfen. „Der Nordschleswiger“ stellte das Gerät zur Verfügung, damit Ehrenamtliche aus den deutschen Vereinen schnell und unkompliziert Nachrichten verschicken konnten an andere Vereine in Nordschleswig. Der kostenlose Service habe sich zum Treffpunkt der Minderheit gemausert.

Ganzseitenumbruch und Digitalkamera erleichterten den Arbeitsalltag

Ganzseitenumbruch, Internetanbindung und die Einführung von Digitalkameras gehören zu den Errungenschaften, die Ruth Nielsens Arbeitsalltag positiv geprägt haben. Die ersten Jahre nachdem sie den Karrieresprung von der Hauptredaktion in die eigene Lokalredaktion gemacht hatte, waren noch davon gekennzeichnet, dass sie manchmal mit Bleistift und Lineal auf Papier ausmaß, wie sie ihre Artikel gestalten konnte, um die Sonderburger Lokalseite zu füllen.

Den Arbeitsgang mit den Papierbildern, die mit dem Bus nach Apenrade geschickt wurden, hat Ruth Nielsen, genau wie die meisten ihrer Kollegen und Kolleginnen, nicht nur in positiver Erinnerung. „Es ist schon mal passiert, dass der Busfahrer vergaß, unser Foto-Paket in Apenrade abzuliefern“, so Nielsen. Sie weiß auch noch, dass es manchmal schwer war, Fotos, die im großen Fotoarchiv der Hauptredaktion abgelegt waren, auf Anhieb wiederzufinden. Die Fotoentwicklung konnte, so Nielsen, auch ins Geld gehen: „Dann haben wir Ende des Jahres von Apenrade zu wissen bekommen, dass wir ein Auge auf die Ausgaben haben müssen“, sagt Ruth Nielsen.

Ruth Nielsen hat zwei Söhne. Sie freut sich darauf, dass ihr zweites Enkelkind zur Welt kommt. Foto: Karin Riggelsen

Sechs Kommunen und eine Redakteurin

Vor dem Inkrafttreten der kommunalen Strukturreform 2007 war Ruth Nielsen für sechs Kommunen zuständig. Sie habe ihre Aufgabe sehr ernst genommen und versucht, jeden Winkel ihres Einzugsbereiches abzudecken. Dabei scheute sie nicht davor zurück, wochentags und am Wochenende über Land zu fahren. Allerdings habe sie in den Anfangsjahren noch damit gekämpft, den Bekanntheitsgrad der Lokalredaktion zu stärken.

Als sie das erste Mal an einer Sitzung des Kommunalrates in Sundewitt (Sundeved) teilnahm, stellte sie fest, dass nicht wie sonst üblich ein Stuhl für die Zeitung reserviert war. „Ich habe mich als ,Ruth vom Nordschleswiger‘ vorgestellt, und alle waren ganz erstaunt. Das Gleiche passierte mir in Broacker“, lacht Ruth Nielsen.

Der damalige Chefredakteur Siegfried Matlok sei bereits seinerzeit weit über die Grenzen des Landesteils hinaus bekannt gewesen. In ihrer Amtszeit sei Nielsen trotzdem auf Leute gestoßen, die nicht wussten, dass „Der Nordschleswiger“ nicht nur in Apenrade, sondern auch vor Ort vertreten ist. Wenn Nielsen sich bei Veranstaltungen vorstellte, wurde sogar manches Mal angenommen, sie arbeite bei „Flensborg Avis“. Das Missverständnis beruhe wohl darauf, dass einige Leute die deutsche Minderheit in Nordschleswig mit der dänischen Minderheit südlich der Grenze verwechseln, meint Ruth Nielsen.

Wichtiger Meilenstein

Der Umzug der Lokalredaktion vom Rönhofplatz ins deutsch-dänische Medienhaus an der Perlstraße vor fünf, sechs Jahren war für Ruth Nielsen ein wichtiger Schritt. „Für mich war es richtig gut, ein Teil des großen Hauses zu sein“, unterstreicht Nielsen. Sie habe es als schwer empfunden, in der Urlaubszeit wochenlang allein zu sitzen. Im Medienhaus habe sie immer das Gefühl gehabt, Leben um sich herum zu wissen: „,JydskeVestkysten’ und ,Der Nordschleswig’ sind zwar Konkurrenten, aber untereinander haben wir immer ein gutes Verhältnis gehabt.“

Chefredakteur Gwyn Nissen (r.) beim Abschied von Lokalredakteurin Ruth Nielsen im Oktober 2019 (Archivfoto) Foto: Karin Riggelsen

„Online ist nicht meine Welt“

Ruth Nielsen zog sich im Herbst 2019 nach 30 Jahren journalistischen Einsatzes aus der Redaktion des „Nordschleswigers“ zurück. „Online ist nicht meine Welt“, sagt die 65-Jährige, die etwas „in der Hand braucht“, wenn sie Nachrichten liest.

„Ich bin konservativ. Der Entschluss, die Papierzeitung einzustellen, hat mich getroffen. Das tut es immer noch. Bei einer Zeitung hast du das Stück in der Hand, und das schafft mehr Zusammenhalt“, meint Nielsen, die momentan arbeitslos ist. Sie warte nun ab, was die neue, 14-tägige, Papierzeitung des Nordschleswigers zu bieten hat. Ruth Nielsen ist 2020 zur Bezirksvorsitzenden des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN) in Sonderburg gewählt worden, und sie setzt somit ihre ehrenamtliche Tätigkeit für die deutsche Minderheit fort.

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