Vergangenheit Nordschleswigs

Die Minderheit sollte ihre eigene Geschichte wiedererkennen

Die Minderheit sollte ihre eigene Geschichte wiedererkennen

Die Minderheit sollte ihre eigene Geschichte wiedererkennen

Sonderburg/Sønderborg
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Henrik Skov Kristensen hat in Verbindung mit den Vorbereitungen für eine Ausstellung über das „Faarhuslager" im Komplex des „Frøslevlejrens Museums“ des dänischen Nationalmuseums dunkle Kapitel in der Geschichte der deutschen Minderheit in Dänemark wissenschaftlich durchleuchtet. Foto: Volker Heesch

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Nach 32 Jahren als Leiter des „Frøslevlejrens Museum“ ist Henrik Skov Kristensen mit dem Erscheinen seines neuen Buches „Gestapos Fangelejre i Danmark. Horserød 1943-44, Frøslev 1944-45“ in den Ruhestand gegangen. Der Historiker hat den selbstkritischen Blick der deutschen Nordschleswiger auf die eigene Vergangenheit befördert.

„Das Buch wiegt 1,7 Kilogramm und es hat 742 Seiten“, stellt Henrik Skov Kristensen zu Beginn des Interviews mit dem „Nordschleswiger“ in Sonderburg fest und zeigt auf sein neuestes Werk mit dem Titel „Gestapos Fangelejre i Danmark“, mit dessen Fertigstellung er fast zeitgleich am 1. Juli dieses Jahres seine Tätigkeit als Leiter des Museums „Frøslevlejrens Museum“ bei Pattburg (Padborg) abgeschlossen hat.

Seit 1989 Museumsleiter in Fröslee

Seit 1989, 32 Jahre, stand der 1953 geborene Historiker an der Spitze des als Teil des dänischen Nationalmuseums geführten Ausstellungs- und Forschungsbetriebs im einstigen „Polizeigefangenenlager“ nur wenige Kilometer nördlich der deutsch-dänischen Grenze. Das im August 1944 auf Anordnung der deutschen Besatzungsmacht errichtete Lager wurde nach der Befreiung Dänemarks und der in Fröslee (Frøslev) seit 1944 inhaftierten dänischen Widerstandskämpfer und Polizisten am 5. Mai 1945 als Internierungslager und staatliche Haftanstalt in dänischer Regie genutzt. Seit 2012 informiert ein Teil der Ausstellung auch über den Aufenthalt von Mitgliedern der deutschen Minderheit und dänischen Kollaborateuren in dem ab Juni als Faarhuslager bezeichneten Barackenkomplex, das als Straflager 1949 geschlossen worden ist.

Am 13. August ist das neueste Werk Henrik Skov Kristensens unter dem Titel „Gestapos Fangelejre i Danmark. Horserød 1943-44, Frøslev 1944-45“ im Verlag Gyldendal erschienen. Es ist ab sofort zum Preis von 399 Kronen im Buchhandel erhältlich. Foto: Volker Heesch

Das Lager war 1944 in der Absicht errichtet worden, Deportationen dänischer Gefangener durch die Besatzungsmacht nach Deutschland vermeiden zu können. Dennoch wurden 1.600 Gefangene aus dem Fröslevlager nach Deutschland in Konzentrationslager verschleppt, was viele mit dem Tode bezahlen mussten. Henrik Skov Kristensen hat in den vergangenen Jahren mit seinen Büchern großen Eindruck in der deutschen Minderheit und der Mehrheitsbevölkerung in Nordschleswig hinterlassen.

Juristische Aufarbeitung der Aktivitäten der Minderheit vor 1945

Das Buch „Straffelejren“, erschienen 2011, beleuchtet die juristische Aufarbeitung der Kollaboration unter Einbeziehung der deutschen Minderheit und deren juristische Konsequenzen samt Betrieb des Straflagers Faarhus. Skov Kristensen arbeitete heraus, dass die deutschen Nordschleswiger nach rechtsstaatlichen Prinzipien behandelt worden waren, nach Gesetzen, die für alle Bürger galten. „Gerningsmænd eller Ofre?“, erschienen 2019, analysiert die Erinnerungskultur der deutschen Nordschleswiger in Verbindung mit der eigenen Nazifizierung, deren Kriegseinsatz und Tätigkeit für die Besatzer sowie deren juristische Verfolgung nach Ende des Zweiten Weltkriegs. „Die Beschäftigung mit der deutschen Minderheit und mehrere Veröffentlichungen entstanden in Verbindung mit der Aufgabe, in Fröslee eine Ausstellung über das Faarhuslager zu schaffen“, berichtet Skov Kristensen, der unter anderem als Referent bei einer Tagung der Heimatkundlichen Arbeitsgemeinschaft für Nordschleswig (HAG) in Sankelmark Ende 1999 mit Forderungen aus der deutschen Minderheit nach Berücksichtigung des Kapitels Faarhus im Museum in Fröslee konfrontiert worden war. „Ich musste ja als Museumsleiter selbst die Initiative für eine Erweiterung der Ausstellung ergreifen“, so Skov Kristensen.

Die Zeit musste reifen

Er weist darauf hin, dass damals die Zeit dafür gereift war. „1969, bei Eröffnung der Ausstellung, war das nicht möglich“, so der Historiker, der während seiner wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte des Fröslevlagers neben seiner Tätigkeit als Museumsleiter noch sehr viele ehemalige Gefangene des deutschen Besatzungsregimes interviewt und deren teilweise schweren Schicksale kennengelernt hat. „Ich habe wohl 25 Jahre an dem neuen Buch gearbeitet, eineinhalb Jahre in einer sehr intensiven Schlussphase“, berichtet der Historiker, der die Werke mit Bezug zur deutschen Minderheit im Rahmen der Vorbereitungen für seine 2019 an der Süddänischen Universität in Sonderburg vorgelegte Habilitationsschrift verfasst hat.

Der Dekan der Süddänischen Universität, Simon Torp (Mitte), verkündete im März 2019 die Verleihung des Doktortitels an Henrik Skov Kristensen (r.) auf dem Campus der Universität im Alsion in Sonderburg, der daraufhin mit Prof. Kim Salomon, Universität Uppsala, anstieß. Die vorgelegte Arbeit entspricht einer Habitilationsschrift in Deutschland. Foto: Archivbild Volker Heesch

Umdenken innerhalb der deutschen Minderheit

Die große Leistung Skov Kristensens, Licht in die lange das deutsch-dänische Verhältnis belastenden Jahrzehnte von 1933 bis weit nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu bringen, ist 2020 durch die Auszeichnung mit dem Julius-Bomholt-Preis, dem Forschungspreis des dänischen Kulturministeriums, gewürdigt worden. „Auf mich haben aber auch viele Kontaktaufnahmen aus dem Kreis der deutschen Minderheit großen Eindruck gemacht. Von Angehörigen ehemaliger Faarhus-Insassen, die immer nur in den eigenen Familien gehört hatten, der Vater oder der Großvater hätte nach 1945 nur im Lager gesessen, weil er zur deutschen Minderheit gehört habe. Die Zahl der Anfragen an das Reichsarchiv in Apenrade ist deutlich gestiegen, um Einsicht in die originalen Akten zu nehmen“, so Skov Kristensen.

Doppelte Opferrolle aufgedeckt

„Es ist menschlich verständlich, wie die deutschen Nordschleswiger nach 1945 reagiert haben. Wie man eigener Verantwortung entgehen wollte und Zuflucht in einer doppelten Opferrolle gesucht hat. Erst sei man von den Nazis verführt und anschließend von den Dänen ungerecht behandelt worden“, so der Historiker der unterstreicht, dass er sich „nicht mit erhobenem Zeigefinger vor die Menschen“ stelle. „Ich habe mich bemüht, die Bücher so zu schreiben, dass sich auch die deutschen Nordschleswiger mit ihrer Geschichte darin wiederfinden können“, erklärt er und berichtet, dass das auch für die Ausstellungen in Fröslee gelte. „Ich zitiere, was die Menschen gesagt haben“, beschreibt er sein Prinzip. Auch die Präsentation von Originaldokumenten und -gegenständen erhöht die Durchschlagskraft des Gezeigten“, so der langjährige Museumsleiter, der während seiner langen Tätigkeit in Fröslee viele Gruppen aus der deutschen Minderheit als Besucher erlebt hat.

Interesse an der Geschichte in Nordschleswig

Er hat auch festgestellt, dass es in den vergangenen Jahrzehnten in Nordschleswig geglückt ist, im Rahmen der Verbesserung des Verhältnisses zwischen Minderheit und Mehrheit Verständnis für die Positionen der jeweils anderen Gruppe zu entwickeln. „Ich habe in Tondern einen Vortrag über mein Faarhus-Buch gehalten, vor 300 Zuhörern, dabei waren viele aus der Minderheit“, freut sich der Forscher über das anhaltend große Interesse in Nordschleswig an der Geschichte der eigenen Heimat.

„Es ist ein Privileg, Historiker in Nordschleswig zu sein“, so Skov Kristensen, der aus Struer in Nordwestjütland stammt. „In meiner Kindheit habe ich mit meiner Familie über mehrere Jahre die Ferien auf dem FDM-Campingplatz in Kollund verbracht“, berichtet er. Mit dem Thema Besatzungszeit sei er aber erst während des Studiums an der Universität Aarhus in Berührung gekommen. Seine Magisterarbeit handelt von den Jahren 1940 bis 1945, anschließend folgte eine Doktorarbeit über Luftangriffe der Westalliierten auf Dänemark. Mit der Übernahme als Museumsleiter in Fröslee begann die intensive Beschäftigung mit der Geschichte auch Nordschleswigs. „Ich habe nicht weniger als 185 Texte veröffentlicht“, berichtet er und erinnert sich daran, dass er am Wohnort Gravenstein (Gråsten) noch erlebt hat, dass man sich in Nordschleswig auf gezielten Einkauf in deutschen oder dänischen Läden je nach eigener Zugehörigkeit zur Minderheit oder Mehrheit verstand.

Vertrauensvoller Umgang

„Es hat aber einen großen Generationswechsel gegeben“, so seine Beobachtung, und er verweist auf den Umschwung im deutsch-dänischen Umgang miteinander, seitdem Peter Iver Johannsen Rudolf Stehr Mitte der 1970er Jahre als Generalsekretär des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN) abgelöst hat und Gerhard Schmidt anstelle von Harro Marquardsen BDN-Hauptvorsitzender wurde. „Es ist ein kolossaler Fortschritt im Verhältnis erzielt worden“, betont der Historiker, der auch auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Einrichtungen der deutschen Minderheit verweist, die ihm ermöglichten, beispielsweise Einblick in Sitzungsprotokolle zu nehmen, um Belege aus dem Innenleben der deutschen Nordschleswiger in der Nachkriegszeit auswerten zu können. Sehr vertrauensvoll habe er mit Persönlichkeiten aus der deutschen Minderheit wie Günter Weitling zusammengearbeitet oder Gespräche mit Kriegsteilnehmern wie Andreas Jochens geführt.

Begegnungen mit Kriegsfreiwilligen

Henrik Skov Kristensen hat sich bei Geschichtsveranstaltungen in der deutschen Minderheit wie 2019 im Haus Quickborn noch Kritik von einem der wenigen noch lebenden Kriegsfreiwilligen anhören müssen, dass die deutsche Minderheit nach dem Prinzip, „der Sieger hat immer Recht“, behandelt worden sei. Doch in der Minderheit ist die selbstkritische Beschäftigung mit der eigenen Geschichte weitergekommen. „Das hat sich in der Ansprache des damaligen BDN-Hauptvorsitzenden Hans Heinrich Hansen 1995 bei der Gedenkfeier auf Düppel gezeigt. Und vor allem auch in diesem Jahr in der Rede seines Nachfolgers Hinrich Jürgensen beim Besuch von Königin Margrethe und Bundespräsident Steinmeier, in der er sich im Namen der deutschen Minderheit für Verfehlungen entschuldigt hat“, so der Historiker, der nach der Fertigstellung seines jüngsten Werkes meint, er sei so müde sei, dass er wohl keine weiteren Bücher schreiben werde.

Henrik Skov Kristensen genießt nach der intensiven Arbeit an seinem neuesten Buch den Aufenthalt in seinem Garten in Sonderburg. Foto: Volker Heesch

Das neueste Buch dürfte aber auf großes Interesse stoßen, denn so wie bei seinen früheren wegweisenden Werken hat Skov Kristensen teilweise Neuland betreten, indem zur Geschichte der Gefangenenlager der deutschen Besatzungsmacht in Dänemark erstmals das Archiv der deutschen Lagerkommandantschaft wissenschaftlich durchleuchtet worden ist. Es umfasst immerhin 30.000 Aktenseiten. Es ist vermutlich das einzige fast intakte deutsche Lagerarchiv aus dem Zweiten Weltkrieg. In Fröslee hat der Kommandant es im Gegensatz zum Verfahren in vielen anderen besetzten Ländern Europas nicht vernichtet. „Er war sich wohl keines Verbrechens bewusst“, schreibt Skov Kristensen, der mit seinen Büchern auch immer wieder in Dänemark „heiße Eisen“ wie die Zusammenarbeitspolitik dänischer Behörden mit den deutschen Besatzern aufgreift.

Henrik Skov Kristensen hat seit 1989 die Ausstellungen im „Frøslevlejrens Museum" erweitert und zu einem Lernort ausgebaut, in dem Originalgegenstände wie einer der Weißen Busse, mit denen 1945 Gefangene aus deutschen KZ gerettet wurden, gezeigt werden. Foto: Volker Heesch

Henrik Skov Kristensen, der mit seiner Frau in Sonderburg lebt, will zunächst einmal eine schöpferische Pause einlegen. „Meine Tochter und mein Sohn studieren Anthropologie und Staatswissenschaft. Sie sind nicht in meine Fußstapfen getreten“, erzählt er und räumt ein, dass seine Familie ihn bei der Arbeit an seinem jüngsten Werk oft wenig zu Gesicht bekommen hat. Allerdings bleibt er der geschichtsinteressierten Szene dennoch erhalten, er wird einen Vortrag über das neue Buch halten.

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