Selbstfahrende Autos

Kontrollverlust oder Zeitgewinn?

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Studie eines fahrerlosen Automobils der Saab-Nachfolgefirma Nevs. Foto: Nevs

Selbstfahrende Autos sind schon Realität. Doch die Technik ist noch längst nicht ausgereift, warnen Forscher.

Selbstfahrende Autos sind schon Realität. Doch die Technik ist noch längst nicht ausgereift, warnen Forscher.

Aus der Luftfahrt ist bekannt, dass Piloten von Flugzeugen, die auf Autopilot geschaltet sind, dazu neigen, die Konzentration und das Gefühl für ihr Flugzeug zu verlieren. Das schreibt der Informationswissenschaftler Lasse Blond auf videnskab.dk. Bereits heute übernehmen die Autopiloten 95 Prozent der Arbeit in den Fliegern über Amerika – und das Interesse an vollautomatischen Frachtflugzeugen ist groß.

Technisch ist heute alles möglich – die Stolpersteine sind die Gesetze – und die öffentliche Meinung. Denn den Menschen ist es nicht geheuer, sich von Robotern lenken zu lassen. Die Vorstellung, sich vollends der Technik auszuliefern, behagt vielen nicht. Und dieses Unbehagen hat nicht unbedingt mit Unwissen zu tun. Selbst die führende Roboterexpertin Missy Cummings von der amerikanischen Duke Universität warnt davor, Autos ohne Fahrer im Straßenverkehr zuzulassen. Die Professorin meint, dass selbstfahrende Autos noch längst nicht bereit sind, auf das Straßennetz losgelassen zu werden.

Störfaktor Mensch

Zum Beispiel sei viel zu wenig erforscht, wie sich die Fahrzeuge bei unstabilen Wetterlagen verhalten, etwa bei Überschwemmungen, Wolkenbrüchen oder Schneegestöber. Zudem können Hacker die Kontrolle übernehmen. Völlig ungeklärt ist auch, was mit den Massen an Daten passiert, die die Autos an die Hersteller schicken.
Und dann wäre da noch das menschliche Phänomen der Langeweile: Was, wenn plötzlich doch ein Mensch die Kontrolle übernehmen muss – sich aber geistig derart aus dem Fahrverlauf ausgeklinkt hat, dass er zunächst orientierungslos ist, sowohl was seinen Standort und die Umgebung betrifft, als auch, was die Bedienung des Fahrzeuges anbelangt?
Im Mai 2016 ist ein Testfahrer der Firma Tesla in Florida ums Leben gekommen, als die Sensoren und Kameras seines Tesla Model 5 einen Lkw übersahen. Mit 120 Km/h raste der Wagen in den Lkw, wo nur umgerechnet 105 Km/h zugelassen waren. Der Wagen fuhr auf Autopilot, ließ aber die Eingriffe des Fahrers zu. Doch der griff nicht ein. Stattdessen deutet vieles darauf hin, dass der Fahrer sich während der Fahrt einen Harry-Potter-Film ansah.

Die neuere Forschung, schreibt videnskab.dk, fokussiere sich aufgrund der Besorgnis vor dem komplett passiven Fahrer nun darauf, den Fahrer einzubinden und ihnen ein häufiges Feedback abzuverlangen, etwa wenn es um die Route geht. Soziotechnik nennt man das, also ein Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine.

Ein selbstfahrender Bus wird in Aalborg getestet. Foto: Scanpix

Deutschland hat das „modernste Straßenverkehrsrecht der Welt“

In Deutschland ist im Januar gesetzlich geregelt worden, dass Mensch und Maschine rechtlich im Straßenverkehr gleich behandelt werden. „Das modernste Straßenverkehrsrecht der Welt“ nannte Verkehrsminister Dobrindt es, dass hoch- und vollautomatisierte Fahrsysteme jetzt auf Deutschlands Straßen die Kontrolle übernehmen dürfen.

Anders als zum Beispiel in Amerika darf der Fahrer dem Gesetz zufolge bei der hochautomatisierten Fahrt die Hände vom Lenker nehmen, um etwa im Internet zu surfen oder E-Mails zu checken. Doch: „Der Fahrzeugführer ist verpflichtet, die Fahrzeugsteuerung unverzüglich wieder zu übernehmen, wenn er erkennt oder aufgrund offensichtlicher Umstände erkennen muss, dass die Voraussetzungen für eine bestimmungsgemäße Verwendung der hoch- oder vollautomatisierten Fahrfunktionen nicht mehr vorliegen.“
Die deutsche Autoindustrie freut sich über das Gesetz – doch die Kritik ist groß. Denn durch das Gesetz wird die Verantwortung für etwaige Unfälle vom Hersteller auf den Fahrer verlagert – der ja hätte eingreifen sollen. Und das möglicherweise innerhalb von Augenblicken.

Dänemark testet sich voran

In Dänemark ist vor wenigen Wochen ein Gesetz verabschiedet worden, dass Versuche mit automatischen Fahrzeugen mit Genehmigung des Transportministeriums zulässt. Von einer allgemeinen Zulassung wie in Deutschland kann hier nicht die Rede sein – als zu groß werden die Risiken hierzulande noch eingestuft. Haften für mögliche Schäden durch die Versuchsfahrzeuge soll derjenige, der den Versuch angemeldet hat. Ungeklärt ist, inwieweit dieser das Recht hat, die Verantwortung an den Hersteller des Fahrzeuges weiterzuleiten.

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