Verkehr

Psychologie: Darum fluchen wir im Auto so häufig

Malin Lindenberg/shz.de
Flensburg
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Foto: dpa (Symbolfoto)

An kaum einem Ort wird so viel geflucht wie im Auto. Ein Experte gibt einen Erklärungsversuch für das hemmungslose Schimpfen.

Sätze wie „Grüner wird’s nicht!“ oder „Jetzt fahr doch einfach, du lahme Schnecke“ hat vermutlich schon fast jeder Autofahrer, der sich regelmäßig durch den zähen Stadtverkehr kämpft, vor sich hin geschimpft – wobei es sich hierbei wahrscheinlich noch um sehr harmlose Beispiele handelt. Wir fluchen, beleidigen und werfen mit Schimpfwörtern nur so um uns, aber nur solange die Fenster gründlich verschlossen sind und der Betroffene unter gar keinen Umständen etwas von den Beschimpfungen mitbekommen kann. So bleibt das laute Schimpfen zwar ohne Konsequenz, ist aber für viele Autofahrer kein Grund, auf das Gezeter zu verzichten, wie das Ergebnis einer Forsa-Umfrage von 2016 zeigt: Rund ein Drittel der deutschen Autofahrer macht demnach regelmäßig seinem Ärger freie Luft. Lediglich vier Prozent der Befragten gaben an, niemals hinterm Steuer laut vor sich hin zu meckern.

Tabubruch in der Öffentlichkeit

Doch was ist der Grund für die regelmäßigen teils vulgären oder gar obszönen Gefühlsausbrüche, wenn die Botschaft doch nie bei dem „Richtigen“ ankommt? Dr. Ralf Buchstaller von Tüv Nord gibt einen Erklärungsversuch und führt aus, dass es der Reiz am Verbotenen ist, der pöbelnde Autofahrer dazu verleitet, auf einen vulgären Wortschatz zuzugreifen: „Ein solcher Tabubruch verstößt gegen die soziale Etikette, was in den meisten gesellschaftlichen Kreisen und Situationen dem eigenen Ansehen schadet.“

Befindet man sich in der Öffentlichkeit, richtet man sich in der Regel danach, was als regelkonform gilt und was gesellschaftlich anerkannt und erwünscht ist, um ein friedliches und soziales Miteinander zu ermöglichen. Im Auto hingegen befindet man sich zwar einerseits in der Öffentlichkeit, gleichzeitig jedoch auch in einem privaten Raum, der von Außenstehenden abgeschlossen ist und dem Autofahrer die Möglichkeit eröffnet, seinen Ärger ungefiltert und unmittelbar herauszubrüllen, ohne negative gesellschaftliche Konsequenzen erwarten zu müssen. Und besonders Vielfahrer nehmen die vielen Störungen und Konflikte im Straßenverkehr zum Anlass, hemmungslos zu fluchen, anstatt sich ruhig und stressfrei durch die Straßen zu schieben und den Verkehr so hinzunehmen, wie er ist.

Zur Ruhe kommen statt aufzubrausen

„Die meisten meinen, sie könnten auf diese Weise Dampf ablassen“, erklärt Ralf Buchstaller weiter. „In der psychologischen Forschung spricht man von Katharsis, der emotionalen Reinigung durch Abbau von inneren Spannungen und aggressiven Impulsen.“ Allerdings betont er auch, dass dieser katharsische Effekt in der Psychologie durchaus umstritten ist, da etliche Experimente das Gegenteil nachweisen können: Wut und Aggressivität verschwindet viel eher, wenn man versucht, sich zu beruhigen und den Ärger verrauchen zu lassen anstatt laut zum Ausdruck zu bringen.

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