Oberbürgermeister-Stichwahl 2022

Simone Lange abgewählt: Der große Fehler der Flensburger Grünen

Simone Lange abgewählt: Der große Fehler der Flensburger Grünen

Simone Lange abgewählt

Julian Heldt, shz.de
Flensburg
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Nach der Niederlage flossen bei Simone Lange die Tränen. Foto: Marcus Dewanger

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Trotz mehrerer gewonnener Wahlen entschieden sich die Grünen im Frühjahr gegen einen eigenen Kandidaten und für die in Teilen der Bevölkerung unbeliebte Amtsinhaberin. Es war eine Fehlentscheidung mit Ansage aus falsch verstandener Solidarität. Eine Analyse von Julian Heldt.

12. Mai 2022: Von diesem Tag versprachen sich die Flensburger Grünen eine große Signalwirkung. Pressevertreter und Gäste wurden öffentlichkeitswirksam zur Kreismitgliederversammlung in den Sultanmarkt in der Neustadt eingeladen.

Alle sollten dabei sein, wenn die Grünen mit Simone Lange ihre Oberbürgermeister-Kandidatin küren. Doch es kam anders. Die Mehrheit der Mitglieder hatte offenbar noch viele Fragen an die Amtsinhaberin. Auch welche, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Kurzerhand mussten Gäste und Pressevertreter wieder den Raum verlassen, konnten durch die verschmierten Ladenfenster nur erahnen, was drinnen hinter verschlossenen Türen besprochen wurde.

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Nach einer Stunde dann die Entscheidung: 41 von 44 Stimmberechtigten sprachen sich für Lange aus. Ein deutliches Ergebnis, aber ein Schönheitsfehler blieb.

Deutliche Wahlsiege der Grünen in Flensburg

Bereits im Vorfeld der Versammlung hatte es nicht nur parteiintern Diskussionen über die Unterstützung der SPD-Politikerin gegeben. Die Grünen hatten die vorangegangenen Europa- und Bundestagswahlen in der Stadt Flensburg deutlich gewonnen. Die heutige Kreisvorsitzende Annabell Pescher verpasste bei der Landtagswahl im Mai nur knapp das Direktkandidat gegen CDU-Bewerberin Uta Wentzel, die von der Beliebtheit des Ministerpräsidenten Daniel Günther profitierte.

Der Grundstein für einen eigenen Oberbürgermeister-Kandidaten mit echten Chancen auf den Chefsessel in Flensburger Rathaus war gelegt.

„Wir sind offen für eine Zusammenarbeit mit anderen Parteien“, erklärte die Pescher-Vorgängerin Benita von Brackel-Schmidt damals. „Entscheidend ist der Inhalt.“ Im März wurde bei einem Pressegespräch der Grünen der Name des Flensburger Europaabgeordneten Rasmus Andresen in den Raum geworfen. Wirklich ernsthaft wurde diese Option jedoch nie verfolgt.

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Und so fiel die Entscheidung in dem Wissen auf Simone Lange, dass diese zumindest in großen Teilen der Bevölkerung auf Ablehnung stößt. Bahnhofswald, Rathausstraße, fehlerhafte Corona-Zahlen, Maskenpflicht am Strand, der Fast-Wegzug der Flensburger Brauerei und die Ausflüge in die Bundespolitik, noch dazu eine Omnipräsenz in den Sozialen Netzwerken: Die Oberbürgermeisterin lieferte reichlich Angriffspunkte. Dennoch entschied man sich in der Partei- und Fraktionsspitze für sie.

OB-Wahl 2010: Bündnis aus CDU und Grünen

Die Gründe hierfür liegen auch in der Vergangenheit. SPD und Grüne waren in Flensburg nicht immer die natürlichen Bündnispartner, wie sie es auf Bundes- und Landesebene sind. Bei der OB-Wahl im Jahr 2010 schickten die Grünen gemeinsam mit der CDU die Verwaltungsexpertin Elfie Heesch ins Rennen. Zu dieser Zeit arbeitete man auch im Rat eng und vertrauensvoll zusammen. Die SPD setzte dagegen mit Thede Boysen auf einen eigenen Kandidaten.

Erst durch Simone Lange fanden beide Parteien in Flensburg zusammen – forciert durch die damalige Grünen-Fraktionschefin Ellen Kittel, der ein enges Verhältnis zur scheidenden Oberbürgermeisterin nachgesagt wird.

Kittel, heute einfaches Vorstandsmitglied bei den Grünen, soll sich in ihrer Partei für eine erneute Unterstützung von Lange stark gemacht haben. Erst im Juni teilte sie ein Wahlkampf-Bild aus dem Jahr 2016 bei Facebook mit den Worten: „6 Jahre und so viel für Flensburg auf den Weg gebracht.“

Grüne verjüngen Partei- und Fraktionsspitze massiv

Doch nicht nur auf beruflicher Ebene entstanden Verflechtungen. Insbesondere die Grünen haben ihren Partei- und Fraktionsvorstand in den vergangenen Jahren massiv verjüngt. Clemens Schmidt, Katja Claussen (beide Fraktionschefs), Leon Bossen und Annabell Pescher (beide Parteichefs) gehören allesamt zur Generation U35. Mit den jungen Kollegen der SPD versteht man sich auch abseits des Ratsaals gut.

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Gemeinsam solidarisierte man sich mit Lange, als diese sich in den vergangenen Jahren massiver Kritik von CDU und FDP ausgesetzt sah. „Wer arbeitet, macht Fehler. Das darf und soll kritisiert werden, aber bitte sachlich. Inakzeptabel ist für uns jedoch, in welchem Ausmaß und Stil in der letzten Zeit öffentliche Angriffe auf die Flensburger Verwaltung gefahren werden – und speziell und sehr persönlich auch auf unsere Oberbürgermeisterin“, erklärte Clemens Schmidt in der Debatte um die fehlerhaften Corona-Statistiken der Verwaltung im Frühjahr 2021.

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Die Grünen blieben an der Seite von Lange – trotz guter eigener Chancen auf das Oberbürgermeisteramt. Und so sind sie heute nicht nur an Fabian Geyer, sondern vor allem an der fehlenden eigenen Courage gescheitert.

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