Geschichte und Gegenwart Nordschleswigs

100 Jahre nach Teilung Schleswigs – Leben in Parallelwelten

100 Jahre nach Teilung Schleswigs Leben in Parallelwelten

100 Jahre nach Teilung Schleswigs Leben in Parallelwelten

Apenrade/Aabenraa
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Professor Steen Bo Frandsen ist einer der bekannten Autoren der zweisprachigen Veröffentlichung der Humboldt-Universität Berlin. Foto: Volker Heesch

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Kritische Töne zum dänisch-deutschen Freundschaftsjahr anlässlich des Jubiläums der Grenzziehung in Veröffentlichung des Nordeuropa-Instituts der Humboldt-Universität Berlin: Neben dem Beitrag des Grenzregionsforschers Steen Bo Frandsen enthält das deutsch-dänische Heft weitere Würdigungen des aktuellen Verhältnisses zwischen den Staaten.

Das Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität hat kürzlich ein zweisprachiges Heft mit Beiträgen anlässlich des „Dänisch-Deutschen Freundschaftsjahres 2020 – Tysk-Dansk Venskabsår 2020“ veröffentlicht, das sich, wie es im Vorwort der Herausgeber heißt, als „eine Art Bilanz der deutsch-dänischen Freundschaft“ lesen lässt.

Wissenschaft und Diplomaten

Zu Wort kommen die dänische Botschafterin in Deutschland, Susanne Hyldelund, ebenso wie der deutsche Botschafter in Dänemark, Detlev Rünger. Vor allem in Beiträgen mehrerer Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sind auch kritische Töne zu finden. Beispielsweise in Steen Bo Frandsens Text „Parallelwelten – statt Gemeinsamkeiten“. Der Professor am Institut für Grenzregionsforschung an der Süddänischen Universität in Sonderburg (Sønderborg) stellt eingangs fest, dass sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Dänemark „nach einem Jahrhundert der Feindseligkeiten zweifellos wieder in den Zustand überwiegender Harmonie zurückbewegt“ hat.

Offizielle Idealbilder

Kritisch spricht er aber von „offiziellen Idealbildern“ in den Würdigungen der Grenzziehung 1920. Im Jubiläumsjahr sei viel zu viel in die Vergangenheit geschaut worden, „Probleme und Kratzer“ der Realität im heutigen Grenzland würden verschwiegen. „Wie schön und europäisch naheliegend wäre es gewesen, hätte man den 100. Jahrestag der Teilung Schleswigs als Gelegenheit begriffen, endlich zu bekunden, dass die Vergangenheit jetzt hinter uns liegt“, so Frandsen, und er kritisiert, dass die Grenze selbst nicht zum Gegenstand der Gemeinschaft wird. Die Wortwahl Wiedervereinigung (Genforening) auf dänischer Seite habe von Anfang an zementiert, dass das Jubiläum nicht gemeinsam mit den Deutschen gefeiert werden konnte.

Grenze wichtiges Instrument

Man bestimme selbst, wann die Grenze geschlossen wird, das sei gerade in Verbindung mit den Anti-Corona-Maßnahmen als Prinzip demonstriert worden. Bei den offiziellen Feierlichkeiten sei auch spürbar gewesen, dass es in Kopenhagen nach wie vor einen gewissen Widerwillen gegen Schleswig-Holstein gebe; das dortige Außenministerium befasse sich lieber mit Berlin. Steen Bo Frandsen hat bereits bei früheren Anlässen auf die Besonderheit der Region Schleswig als einen „dynamischen Zwischenort“ hingewiesen, in dem nach Jahrhunderten mit sprachlicher und kultureller Vielfalt von außen wirkender Nationalismus zu einem Zerwürfnis mit Herausbildung teilweise feindseliger deutscher und dänischer Bevölkerungsgruppen geführt hat.

Voneinander entfernte Nachbarn

„Nach jahrhundertelangen fließenden Übergängen, dann mit Schleswig als einem dynamischen Zwischenort und schließlich einem darauffolgenden Jahrhundert mit Hass und Gegensätzen leben Deutsch und Dänisch nun in zunehmend perfekten Parallelwelten. Eigentlich will keiner der beiden wirklich etwas mit dem anderen zu tun haben. Und so herrscht eine friedliche Atmosphäre – die Deutschen mieten Sommerhäuser, und die Dänen kaufen bei Fleggard ein – was will man eigentlich mehr“, so Frandsen und fügt hinzu: „Die Nachbarn haben sich voneinander entfernt, sie sind sich gleichgültig geworden. Das wechselseitige sprachliche Desinteresse zeigt dabei seine allzu deutlichen Spuren.“ Auf dänischer Seite sei die friedliche deutsch-dänische Geschichte weitgehend verdrängt, „heute wollen die Dänen eigentlich nur noch von der Besatzungszeit hören“, so Frandsen.

Claudia Knauer: Grenzschließung erschüttert

Aus Nordschleswig kommt die Direktorin des Verbandes Deutscher Büchereien in Nordschleswig, Claudia Knauer, zu Wort. Auch sie stellt fest, dass es 100 Jahre nach der Grenzziehung viele schöne Beispiele deutsch-dänischer Zusammenarbeit und Freundschaft gebe, aber gerade die Corona-Krise habe gezeigt, dass der Untergrund im Grenzland immer noch „vulkanisch“ ist, so wie der verstorbene Apenrader Historiker Troels Fink die Situation im Jahre 1979 beschrieben hatte. Vor allem habe sie im Zuge der für viele Menschen erschütternden Grenzschließungen als Teil der Anti-Corona-Maßnahmen feststellen müssen, dass die Grenzregion und ihre Minderheiten für die Regierungen weit weg seien.

Per Øhrgaard bedauert schwindende Deutschkenntnisse

Im Beitrag des emeritierten Professors an der Copenhagen Business School, Per Øhrgaard, wird zunächst die deutsch-dänische Geschichte beleuchtet. Dabei erwähnt er, dass „Dänemark im 19. Jahrhundert zwei Kriege führte, um nicht der homogene Nationalstaat zu werden, auf den später viele Dänen so stolz wurden“. Man habe seinerzeit um Schleswig gekämpft, um „eine große deutsche Minderheit im dänischen Staat zu halten“.

Der schlichte Einband des Heftes Foto: Humboldt Universität Berlin

Øhrgaard spricht auch an, dass die früher guten Deutschkenntnisse der Dänen in den Jahren der deutschen Besatzung des Landes von 1940 bis 1945 von immenser Bedeutung gewesen seien. „Nicht nur verstanden wir, was die Deutschen uns zu sagen beliebten, sondern wir konnten auch vieles mithören. Hohe dänische Beamte und einige Spitzenpolitiker konnten mit der Besatzungsmacht in deren Sprache verkehren, und bei aller Ungleichheit der Machtverhältnisse verschaffte man sich Respekt“, so Øhrgaard. Später habe der Kalte Krieg das spezifisch deutsch-dänische Verhältnis überlagert, Deutschland sei für Dänemark hinter dem Horizont verschwunden.

Und zur Gegenwart erklärt Øhrgaard: „Heute sind die beiden Länder auf vielen Gebieten einander näher denn je – und wissen oft weniger übereinander als früher; eine Entwicklung, die auf dänischer Seite maßgeblich durch den rapiden Verfall der Deutschkenntnisse verursacht ist. Dieser Verfall hat mit Krieg und Okkupation nichts zu tun – dann hätte er viel früher einsetzen müssen –; sondern mit Veränderungen in der Medienwelt, mit dem Internet, mit der sprachlichen Standardisierung der Wissenschaft usw. – alles Entwicklungen, die auch Deutschland erfassen.“

Von einem offenen, toleranten Dänemark kann heute keine Rede mehr sein; auch der schwärmerischste Deutsche hat sein Bild korrigieren müssen.

Professor Per Øhrgaard

Und Øhrgaard geht auf deutsche Vorstellungen ein, die Dänen seien entspannter, weniger verbissen, toleranter usw. „Von einem offenen, toleranten Dänemark kann heute keine Rede mehr sein; auch der schwärmerischste Deutsche hat sein Bild korrigieren müssen“, klingt es fast schon bitter, und Øhrgaard merkt an, dass das kleine Land Dänemark Distanz sicher nötiger habe als das große deutsche, „auch angetragene Liebe kann für den schwächeren Partner anstrengend sein“.

Das 50 Seiten mit den Beiträgen in deutscher und 46 Seiten in dänischer Sprache erschienene Buch ist zum Preis von 10 Euro erhältlich. Herausgeber sind Paul Greiner, Bernd Henningsen und Clemens Räthel. ISBN 978-3-932406-89-8

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Leitartikel

Kerrin Jens
Kerrin Jens Hauptredaktion
„Leute von Nordgaard“